Es ist Samstag. Meine Frau und ich lesen Zeitung. Kurz nach elf erscheint unsere 15-jährige Tochter am Esstisch, ziemlich früh für ihre Verhältnisse. Etwas ziemlich Wichtiges muss anliegen. "Ich brauche Schuhe", sagt Jenny entschieden, "Schuhe für jeden Tag." Welche Eltern können da Nein sagen? Ein Schluck O-Saft, ein Happs Tomate, die Tür fällt ins Schloss. "Ich fahre in die Stadt."

Sechs Stunden später. Jenny kehrt mit einer Plastiktüte zurück. Erschöpft, aber glücklich. Sie zeigt auf ihre Füße. Strahlend weiße Turnschuhe mit drei schwarzen Streifen an den Seiten zeugen vom Erfolg ihrer Mission. Ein halbes Dutzend Geschäfte in der Hamburger Innenstadt hätten sie und ihre Freundin Nina abklappern müssen, bis sie die Sneakers ergattert hätten, erzählt Jenny. "Wir haben die letzten beiden Paare gekriegt." In den anderen Geschäften sei das Modell ausverkauft gewesen. In drei, vier Wochen komme die nächste Lieferung, "vielleicht", hätten die Verkäufer gesagt. So lange warten? "Unmöglich!" Als sie dann mit den neuen Sneakers auf die Mönckebergstraße getreten seien, hätten andere Mädchen getuschelt. "Guck mal, die haben die ..." Das sei ein richtig gutes Gefühl gewesen für Nina und sie.

Es fällt auf: Schuhläden, Sportgeschäfte und sogar Edelboutiquen, überall sind weiße Sportschuhe in diesen Tagen prominent platziert. Fachblätter wie die Textilwirtschaft titeln aufgrund der massiven Präsenz schon Der weiße Hype. Sieht nach einem Trend aus.

Eine Woche nach Jennys Sneaker-Kauf in der Wirtschaftskonferenz der ZEIT. "Wir sollten uns mal den Trend zu weißen Sneakers anschauen", schlägt Kollegin Jana vor. Auf einen Schlag ist die Szene vom Wochenende wieder da. Ich schaue unter den Konferenztisch. Jana trägt weiße Nikes, Kollege Felix weiße Converse – ziemlich neu sehen die aus. Die beiden sind um die 30. Der Anfangsverdacht erhärtet sich: Ein Trend liegt vor.

Zu Hause bohre ich bei Jenny nach. "Warum mussten es unbedingt weiße Turnschuhe, äh, Sneakers, sein?" – "Alle Mädchen wollen weiße Sneakers", sagt Jenny. Die seien einfach in. Man könne sie zu allem tragen. Ich bohre weiter. Angesagte Blogger und auch Rapper wie Kanye West trügen weiße Superstars, erklärt die 15-Jährige. Typen, die richtig gut aussähen oder gute Musik machten. Aha.

Ich gehe ins Internet. Schließlich verbringen Jenny und ihre Freundinnen täglich Stunden im Netz. Schauen sich YouTube-Videos an, hören Schmink- und Modeempfehlungen junger Bloggerinnen und verfolgen die angesagten US-Serien in der Originalversion.

Ich werde fündig. In Online-Lifestyle-Magazinen wie stylight.de oder Stylebook.de wird mir bestätigt: Weiße Sneakers, allen voran das "Vintage-Modell Superstar", gehören in dieser Saison zu den "Must-haves". Was der – weiße – Sneaker Stan Smith 2014 gewesen sei, sei der Superstar in dieser Saison, schreibt stylight- Bloggerin Kerstin Weng: "Der neue Favorit von Stylisten, Moderedakteuren und It-Girls." Ihre "Schuhkontrolle" auf den Fashion Weeks in Berlin, New, York, London und Mailand habe das adidas-Modell aus dem Jahre 1969/70 mit den charakteristischen Gummikappen eindeutig als "Sieger ausgewiesen". Jenny ist also bei den Siegern dabei.

Aber es sind nicht irgendwelche weißen Turnschuhe, auf die meine Tochter Jenny und die Kollegen Jana und Felix so scharf waren. Es sind Neuauflagen von Modellen, die wie der Superstar und der Stan Smith (benannt nach einem Wimbledon-Finalisten) von adidas oder der Air Force 1 von Nike erstmals in den siebziger oder achtziger Jahren kreiert wurden. Der Superstar etwa erlebt in diesem Jahr schon sein drittes Revival.

Aber wer hat die Stylisten, Blogger, Hip-Hop-Bands und Rapper dazu gebracht, praktisch gleichzeitig weiße Treter anzuziehen? Unternehmen wie adidas, Nike oder Puma. Die Hersteller versorgen die "Street-Hounds" mit der jeweils neuesten Streetwear aus ihren Kollektionen – natürlich kostenlos. Die Stars unter ihnen dürfen dazu noch Schuhvarianten nach ihrem eigenen Geschmack unter dem Marken-Label mit ihren Namen verzieren. Die Marketingleute aus Herzogenaurach (adidas) oder Beaverton im US-Staat Oregon (Nike) sind ganz nah dran an der Mode- und Musikszene. Klassische Werbung braucht es da gar nicht mehr.

Angefangen habe der Trend zum weißen Sneaker schon im Vorjahr, etwa bei der Fashion Week in Paris, sagt Textilwirtschafts-Moderedakteurin Nina Piatscheck, "jetzt ist es eine richtige Massenbewegung". Die Lawine losgetreten habe in diesem Fall Nike mit einem weißen Basketballschuh Air Force 1 mit hohem Schaft, Silhouettes genannt. Die Marketingoffensive von adidas in der darauffolgenden Saison mit dem Tennisklassiker Stan Smith habe dann endgültig zum "weißen Hype" geführt. "Die einfarbig weißen Sneakers wirken sehr clean, abgeräumt und sind einfach zu kombinieren", erklärt die Expertin den durchschlagenden Erfolg. "Damit wirken 15-Jährige genauso gut angezogen und sportiv wie 60-Jährige."

Die Retro- oder Vintagemodelle, ursprünglich mal für spezielle Sportarten wie Basketball oder Tennis entworfen, sind längst zum Riesengeschäft geworden. Milliarden Euro beziehungsweise Dollar werden damit jährlich umgesetzt. Allein bei adidas generieren die Originals schon ein Drittel des Gesamtumsatzes.

Wie das funktioniert, erfuhren jüngst die Geldgeber von adidas auf der jüngsten Investorenkonferenz in "Herzo" (vulgo: Herzogenaurach). Drei große Wachstumsfelder sehe man bei adidas im Geschäftsplan bis 2020, hieß es da: adidas Fußball, adidas Running und adidas Originals. Der Superstar und der Stan Smith sind die Renner bei den Originals. Ein Umsatzwachstum von 50 Prozent bis 2020 erwarte man in diesem Segment, erklärt Arthur Hoeld, General Manager adidas Originals.

Das dürfte sich lohnen. Zwischen sieben und acht Euro kostet die Herstellung eines Paars Sportschuhe bei den Auftragsfertigern in Vietnam oder China, maximal, sagen Experten. Bei Preisen von 100 Euro oder mehr fällt eine super Rendite ab.

Arthur Hoeld erläutert den Investoren, wie das funktioniert. "Der Hype, den wir vor Kurzem um unsere Kultmodelle Stan Smith und Superstar hervorgerufen haben, ist erst der Anfang." Und mithilfe "der Partnerschaften mit einigen der einflussreichsten Künstler der Welt, wie zum Beispiel Kanye West, Pharrell Williams und Rita Ora, die unsere Geschichten erzählen, werden wir den Lifestyle-Konsumenten näher sein als je zuvor." Der ewige Zweite im weltweiten Sneaker-Geschäft (hinter Nike) will mit den Originals Marktführer werden, wie beim Fußball.

Aber natürlich bringen auch Nike, Converse, Puma und sündhaft teure Nobelmarken wie Common Projects ihre angesagten Stars ins Spiel, um ihre Geschichten zu erzählen.

Vielleicht sollte ich demnächst auch die Modeblogger im Netz verfolgen. Dann weiß ich wenigstens, was folgt, wenn Jenny mal wieder am Esstisch sagt: "Ich brauche ..."

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