Es soll Menschen geben, die befürchten, dass Deutschland durch die vielen langen Streiks in den vergangenen Monaten zum Gespött der internationalen Gemeinschaft geworden ist. Lokführer, Piloten, Postboten und Kita-Mitarbeiter, wer immer eine Forderung hatte, der legte die Arbeit nieder und mitunter gefühlt das ganze Land lahm. Lange Zeit erschienen Arbeitskämpfe wie Relikte aus einer fernen Vergangenheit, den siebziger Jahren zum Beispiel, als die Wirtschaftssysteme noch auf einer niederen Entwicklungsstufe standen. Doch inzwischen ist jedem klar, dass moderne Gewerkschaftsführer unseren geregelten Alltag immer noch schnell über den Haufen werfen können, wenn sie es nur wollen.

Auch die zwölf Millionen Londoner bekommen dies gerade zu spüren. Sofern nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht doch eine Einigung in letzter Minute erzielt worden ist, hat am Mittwochabend ein 24 Stunden währender Streik der U-Bahn begonnen. Das 402 Kilometer lange Schienennetz der Tube, das sonst täglich mehr als vier Millionen Menschen transportiert, liegt verwaist da. Der Grund: Die Betreiber wollen im September auf ein paar Linien an Wochenenden einen 24-Stunden-Dienst einführen, zu Bedingungen, die Mick Cash von der Gewerkschaft RMT "nicht akzeptabel" erschienen. Andere Gewerkschaften teilten sein Urteil. London ohne Tube, das bedeutet Ausnahmezustand. Laufen hilft nur bedingt, denn wer sich zu Fuß den Weg bahnt, der kommt angesichts der enormen Entfernungen garantiert zu spät zur Arbeit. Also ringen wie beim vorangegangenen Streik 2014 noch mehr Radler mit noch mehr Autofahrern um ein Fortkommen, weshalb sich damals die Rate der schweren Fahrradunfälle verdoppelte. Dieser Streik kostete den Londoner Einzelhandel satte 600 Millionen Pfund. Angesichts der Streiklust britischer Transportgewerkschafter wird nun auch in Großbritannien über eine Verschärfung der Gesetze diskutiert. Premierminister David Cameron stellt sich ein Gesetz vor, das Arbeitsniederlegungen nur erlaubt, wenn mindestens die Hälfte der Gewerkschaftsmitglieder darüber abgestimmt hat.

Aktuell hilft das natürlich wenig. Das Beste, was ein Londoner an einem Tag ohne Tube tun kann, ist, zu Hause zu arbeiten. Das hilft vor allem den Dienstleistern in der City, die work at home schon lange zum neuen Trend auserkoren haben und der Vernetzung der Wohnung das Wort reden. Sie dürften die Einzigen in der Stadt sein, die sich über einen Streik bei der Tube freuen.