Ich soll angestellt werden. Mit Festvertrag. Unbefristet und gut bezahlt. Der Traum meiner Generation. Sagt mein Chef.

Er sagt auch: "Verbindlichkeit ist uns wichtig. Unsere Mitarbeiter sollen Planungssicherheit haben." – "Danke", sage ich und überlege, was ich planen könnte. Mir fällt nichts ein. Mein Chef schaut mich an. Ich sage noch einmal: "Danke." Mein Chef legt den Vertrag auf den Tisch. Ein paar Blatt Papier. "Damit ist dir ein solider Lebensentwurf möglich." Er lächelt.

Ich kenne die Träume meiner Generation nicht.

Bisher hatte ich erst ein Mal eine feste Anstellung. Ein Zeitvertrag bei einer wackeligen Zeitung. Keiner wusste, ob es morgen weitergeht, keiner wusste, was morgen gedruckt wird. Ich schrieb über Rapper, die Konzerte im Puff gaben, und ehemalige It-Girls, die dort selbst verfasste Lyrik lasen. Ich interviewte Urlauber, die aus Krisengebieten kamen, und Arbeiter, deren Firma in der Krise steckte.

Ich arbeitete viel, schlief wenig und träumte nichts. Ich war glücklich.

Bevor mein Vertrag aufgelöst wurde, löste sich die Zeitung auf. Eigentlich war ich nie irgendwo fest angestellt.

Ich war immer frei.

Die solideste Familie, die mir bekannt ist, lebt in meinem Heimatdorf. Familie Klammer. Frau Klammer arbeitete als Angestellte bei der Sparkasse, Herr Klammer als Deutschlehrer an der Grundschule. Frau Klammer kochte gerne heimische Gerichte. Herr Klammer zitierte gerne heimische Poeten. Frau Klammer sei ein sehr schönes Mädchen gewesen, sagten alle. Herr Klammer sei ein Literat, sagte Frau Klammer. Jeden Samstagnachmittag gingen ihre Kinder ins Kino und die Rollläden ihrer Behausung runter. Für eine Stunde.

Die sind doch süß, sagte Marie. Niemals, sagte ich.

Marie war meine erste feste Freundin. Wir gingen zusammen auf die Schule, wir machten zusammen Abitur. Ich zog weg, in eine Stadt. Marie blieb im Dorf.

Die Stadt war groß und nicht solide.

Marie wollte abends telefonieren. Ich ging abends in Bars. Marie weinte.

Marie wollte mit mir zum 60. Geburtstag ihrer Tante fahren. Ich fuhr mit Kommilitonen ans Meer. Marie weinte.

Marie wollte zu mir in die Stadt ziehen. Ich bewarb mich für ein Auslandssemester in London. Marie weinte. Und bewarb sich ebenfalls. Mit Erfolg.

Maries Semester begann zwei Monate früher als meins. Sie fuhr vor.

Als ich in London ankam, holte sie mich am Bahnhof ab. Sie sagte: "Ich habe mich verliebt. Es ist vorbei." Ich weinte.

Die Klammers feiern dieses Jahr silberne Hochzeit. Vielleicht unterschreibe ich diesen Vertrag.