So gut es geht, drücke ich mich davor, Interviews zu führen. Ich bin für diese journalistische Gattung nicht geschaffen. Man kann auch sagen: Als Interviewerin bin ich eine ziemliche Null. Auf haarsträubend unprofessionelle Weise ist es mir schlichtweg peinlich, fremden Leuten Fragen zu stellen, die normalerweise eine gewisse Vertrautheit voraussetzen. Sind Sie sauer, weil Sie den Büchnerpreis noch nicht haben? Trauern Sie Ihrer zweiten Frau mehr nach als Ihrer dritten? Gehen Sie manchmal ohne Zähneputzen ins Bett, weil Sie sternhagelvoll sind? Solche Fragen halt.

Ich bin jetzt aber entschlossen, an meinem Defizit zu arbeiten. Ich kann mir sogar vorstellen, in kürzester Zeit zu Deutschlands erfolgreichster Interviewerin zu avancieren, wenn ich die Anfangsschwelle erst mal überwunden habe. Diese Schwelle, so denke ich, sollte sehr hoch, das heißt, meine Einstiegsfrage extrem peinlich sein. Danach wäre die Macke erledigt und der Rest ein Kinderspiel. Die Gelegenheit, eine peinliche Frage zu stellen, ergab sich durch das Buch 75 F der Berliner Musikerin Annika Line Trost. Sie schreibt darin über ihre Brüste. Präziser gesagt: über ihre Erfahrungen mit dem Gottesgeschenk recht großer Brüste. Es ist ein saloppes, lebenskluges Buch, das nicht nur Courage erfordert, sondern vor allem Charme, und den gibt es auf dem deutschen Buchmarkt ja am allerwenigsten.

Das Buch 75 F (der Titel bezeichnet in den Maßeinheiten der Unterwäscheindustrie eine sogenannte Körbchen-, genauer BH-Größe) sollte in der Kreuzberger Fahimi Bar vorgestellt werden, in Anwesenheit der Schauspielerin Jasmin Tabatabai, welche mit der Autorin musikalisch kooperiert. Nach der Lesung sollte eine Band namens Stereo total auftreten. Ihr Stil wird im Internet als "eklektisch" bezeichnet. Als Musikexpertin tauge ich so viel wie als Interviewerin. Bevor ich zur Fahimi Bar aufbrach, schrieb ich meine Frage auf ein Blatt Papier. Alter Trick: Das Schriftbild konkretisiert geistig Schemenhaftes.

Die Veranstaltung ging eine Stunde zu spät los. Es kann aber auch sein, dass ich die Fahimi Bar falsch eingeschätzt hatte und eine Stunde zu früh, also pünktlich, erschienen war. Jasmin Tabatabai trug einen riesigen Cowboyhut. Sie las den Dialogpart von Frau Finke. Im Buch ist dies die Schwiegermutter, die bei der Erstbegegnung mit der gottesbeschenkten Verlobten ihres Sohnes ein wenig die Contenance verliert. Nach der Lesung schlenderte ich in Richtung Annika Line Trost, hielt ihr mein Buchexemplar zum Signieren hin und sagte: "Das ist aber kein Foto auf dem Cover, oder?" Sie lächelte charmant und schüttelte den Kopf.

Gut: Auf dem Papier lautete meine Frage minimal anders ("Ist das Ihr eigener Busen auf dem Cover?"), aber mittlerweile bin ich der festen Überzeugung, dass Interviews nur dann gelingen, wenn sie auch die persönliche Note des Interviewers abbilden. Habe ich hingekriegt.