Der Festsaal der Lüneburger Ritterakademie wird gerne für Hochzeiten und Tagungen gemietet, auch Partys kann man hier feiern, Abendkasse 9 Euro. Am Morgen des 21. April ist von Feststimmung nicht viel zu spüren, über die Tische hat man schwarzen Stoff geworfen, auch hinter der Bühne hängt er. Die Szenerie hat das Provisorische einer Oberstufen-Theateraufführung, nur sind dafür zu viele Polizisten, Sicherheitsleute und Sanitäter da. Neben der Bühne erscheint, auf seinen Rollator gestützt, der Protagonist des Vormittags.

Oskar Gröning ist 94 Jahre alt, ein unauffälliger Rentner in bordeauxfarbenem Pullunder, der eher in den Park eines Seniorenheims zu passen scheint als auf die Anklagebank eines Gerichts. Als er im Oktober 1942 in Auschwitz ankam, war er 21 Jahre alt, trug SS-Uniform und eine kreisrunde Brille. Jetzt, über 70 Jahre später, muss er sich wegen seiner Tätigkeit im Frühsommer 1944 verantworten. Binnen weniger Wochen wurden aus Ungarn 425.000 Menschen nach Auschwitz deportiert und mindestens 300.000 von ihnen sofort mit Zyklon B getötet. Gröning hat in Auschwitz nicht selektiert, niemanden geschlagen, aber er hat sich, wenn er an der Rampe stand, um das Gepäck der Ankommenden gekümmert, er hat die Devisen der Deportierten verwaltet, und er hat die Schreie aus den Gaskammern gehört.

Gröning sitzt auf seinem Platz im Festsaal, scherzt mit seinem Anwalt Hans Holtermann, schraubt an einer Mineralwasserflasche herum. Nach dem Krieg hat er sich eine solide bundesrepublikanische Existenz aufgebaut, 70 Jahre Ehe, zwei Söhne. Zuletzt war er Personalleiter in einer Glasfabrik, heute bezieht er 3.000 Euro Rente. Es hätte schlechter laufen können. Für seine Taten in Auschwitz ist er nie belangt worden. In den 1970er Jahren wurde ein Verfahren gegen ihn eingeleitet und wieder fallen gelassen, heute wird der versandete Prozess wohl sogar strafmildernd sein.

Juristisch ist viel schiefgelaufen in der Vergangenheit, nun will man alles richtig machen, das hier könnte schließlich das letzte Gericht sein, das über die deutsche NS-Vergangenheit urteilt. Der Richter Franz Kompisch erweist den Zeugen auch dort noch Respekt, wo sie den Bereich der faktischen Beweisaufnahme längst verlassen haben. Die Nebenkläger sind vielfach überwältigt davon, vor einem deutschen Gericht mit so viel Achtung angehört zu werden, ihre Vertreter weit über den Fall hinaus engagiert, sie wollen gleich auch das "Versagen der Justiz" im letzten halben Jahrhundert anklagen. Und während vor vier Jahren noch der wehleidige John Demjanjuk in einem Rollbett in den Gerichtssaal geschoben wurde, wo er sich weigerte, Stellung zu seinen Taten im Vernichtungslager Sobibor zu nehmen, sitzt in Lüneburg ein Musterschüler auf der Anklagebank, der sich bemüht, die richtige Antwort vorzutragen.

"Der will hier noch was", sagt mein Sitznachbar in der Pause. "Ihn treibt etwas um", das glauben auch die Zuschauer auf den hinteren Plätzen, die sich einen Urlaubstag genommen haben, um ein letztes Mal etwas live zu erleben, das uns das Gefühl kollektiver Betroffenheit gibt. Gröning packt eine Wurststulle aus einem Frühstücksbeutel aus und blickt sich im Saal um. Will wirklich er etwas, oder wollen nicht vielmehr wir etwas von ihm: eine Projektionsfläche für unsere Vorstellung davon, wie die öffentliche Geschichtsbewertung zu Ende gehen soll?

Seine Aussagefreude wird im Schlussplädoyer vom Staatsanwalt gelobt werden, ganz uneigennützig ist also Gröning nicht. Er erzählt von den Ölsardinen und dem Wodka, den es im Lager zur Begrüßung gab, von dem Säugling, den ein SS-Mann an einem Lkw zu Tode schlug, und wie schockiert er davon war. Man hätte das Baby ja schließlich erschießen können, findet er, als wolle er sich von der Grausamkeit distanzieren, nicht aber vom Töten selbst. Wenn er spricht, wirkt er jünger, als er ist. Seine Stimme ist kräftig, seine Sätze sind klar, bisweilen zu klar. Züge wurden "abgefertigt", die Deportierten "versorgt", so hat Gröning zu Beginn des Prozesses geredet. Er habe aussagen wollen, so gut und wahrheitsgemäß er konnte, rechtfertigt er sich sechs Wochen später. Es habe mit seiner Wortwahl niemanden verletzen wollen.

Vor zehn Jahren war Gröning überzeugt, kein Täter gewesen zu sein, das hat er damals in einem Spiegel-Interview gesagt. Zu Beginn dieses Prozesses sagt er aus: "Für mich steht außer Frage, dass ich mich moralisch mitschuldig gemacht habe, ich bitte um Vergebung." Über seine strafrechtliche Schuld müsse hingegen das Gericht entscheiden. Im Laufe des Verfahrens setzt er noch einmal nach: Angesichts der Dimension der in Auschwitz und anderswo verübten Verbrechen stehe ihm eine Bitte um Vergebung nicht zu. Gröning versteht sich offenbar auf etwas, das man Einsicht nennen kann. Das mag sein Charakter sein, es kann aber auch schlicht an der seither vergangenen Zeit liegen. In siebzig Jahren rückt für den Täter selbst das Grausamste auf halbwegs sichere Distanz. Zudem wird die Strafe sein Leben nicht mehr ruinieren. Dreieinhalb Jahre Haft fordert der Staatsanwalt, von denen 22 Monate als verbüßt anzusehen seien, der Rest könne auf Bewährung ausgesetzt werden. Das sei als Strafe zu wenig, sind sich die Vertreter der Nebenkläger einig.

Grönings Reue ist nicht unerheblich für die Festlegung des Strafmaßes. Haben seine Verteidiger ihm die Demutssätze vorgeschlagen? Wer eine moralische Schuld übernimmt, schmückt sich jedenfalls erst einmal mit einer edlen Patina. Demut und Reue seien nur leider "leere Worthülsen, wenn man nicht sagt, was genau bekannt wird", kritisiert der Nebenklägervertreter Thomas Walther, und die Geste bleibt ohnehin wertlos, wenn sie nicht an eine juristische Schuld gebunden ist, die zu tragen oder überhaupt nur zu akzeptieren weniger edel, vielmehr lästig, schmutzig und mühsam ist. Heinrich Himmler entzog sich ihr, wie viele NS-Täter, durch Selbstmord, ein paar Straßen südlich vom Rittersaal, in der Uelzener Straße 31a, wo 1945 das Hauptquartier der 2. britischen Armee untergebracht war. Im Verhörzimmer biss Himmler auf eine versteckte Zyankalikapsel und beendete so das Verfahren. Adolf Eichmann verstieg sich in seinem Jerusalemer Prozess zu dem Angebot, sich aufzuhängen, um "den Schulddruck der deutschen Jugend wegzunehmen". Im Sinne der Anklage fühlte er sich hingegen nicht schuldig. "In welchem Sinne meinte er denn, schuldig zu sein?", fragte Hannah Arendt in ihrem Bericht Eichmann in Jerusalem. Die stereotype Antwort seines Verteidigers lautete: "Eichmann fühlte sich schuldig vor Gott, nicht vor dem Gesetz."

"Der Herrgott", sagt Éva Fahidi, "war niemand im Vergleich zu so einem SS-Mann, alles konnte so einer machen, alles." Sie ist Nebenklägerin und Zeugin im Prozess. In Auschwitz hat sie keinen Wodka getrunken, sondern 49 Familienmitglieder verloren. Zahlen tauchen in jedem Bericht über den Prozess auf. 300.000 Morde sind aber nicht vorstellbar, sie sind nur nennbar, und so ist die Zahl letztlich ein blinder Fleck. Mit ihrer Nennung wird ungewollt fortgesetzt, was der italienische Philosoph Giorgio Agamben als den besonderen Schrecken bezeichnet hat, den das KZ in die Welt gebracht hat: dass "der Tod eines menschlichen Wesens nicht mehr Tod genannt werden kann".