Diese Woche soll in Lüneburg das Urteil gegen den SS-Mann Oskar Gröning ergehen, der der Beihilfe zum tausendfachen Mord in Auschwitz angeklagt ist. Wir dokumentieren – hier gekürzt – das Plädoyer der Anwälte der Nebenklage

Wir wurden in den vergangenen Monaten oft gefragt: Was soll dieses Verfahren, nach so langer Zeit? Wieso zerrt man einen alten Mann vor Gericht? Auf diese Fragen könnten wir viele Antworten geben. Aber wir sagen nur eines: Dieses Verfahren musste stattfinden, damit unsere Mandanten vielleicht etwas Frieden finden, am Ende ihres Lebens. Es ist aber auch von großer Wichtigkeit für unser Land. Wer wollen wir sein? Wollen wir vergesslich sein, oder wollen wir Verantwortung übernehmen? Wollen wir den scheinbar einfachen Weg gehen oder den Weg der Wahrhaftigkeit?

György A., einer unserer Mandanten, war 13 Jahre alt, als er nach Auschwitz verschleppt wurde. Heute lebt Herr A. in Ungarn und möchte nicht, dass sein Name genannt wird. Zu sehr fürchtet er Angriffe durch Antisemiten. Das muss man sich einmal vorstellen: Ein Mensch, der das Grauen der Schoah überlebt hat, muss im Jahre 2015 um sein Leben fürchten, mitten in Europa, weil Antisemiten ihn bedrohen.

Dieses Gerichtsverfahren kann keine Gerechtigkeit herstellen. Gerecht wäre es, wenn Auschwitz und die Schoah niemals stattgefunden hätten. Gerecht wäre es auch, wenn wir Deutschen uns selbst zuhören würden. Was soll das Gerede von den "Verbrechen in deutschem Namen"? Es waren keine Verbrechen in "deutschem Namen": Es waren Verbrechen von Deutschen, begangen an ihren Nachbarn, an ihren eigenen Bekannten und Kollegen. Es waren deutsche Verbrechen an Menschen in all jenen Staaten, die von Deutschland überfallen und zerstört wurden. Was soll das Gerede von den "Auschwitz-Häftlingen"? Die Menschen in den Lagern waren keine "Häftlinge". Sie hatten nichts verbrochen, sie waren nicht in Haft. Es waren unschuldige Menschen.

Unsere Mandanten leiden auch darunter, dass wir in einer Zeit leben, in der die Schoah verharmlost, relativiert oder bestritten wird. In München findet derzeit der NSU-Prozess statt. Ich vertrete dort die Familien zweier türkischer Opfer, die von Nazis umgebracht worden sind. In München sitzen Antisemiten auf der Anklagebank, die Mordfantasien über Juden und Migranten propagiert haben und zugleich von der "Auschwitzlüge" schwadronieren. Machen wir uns nichts vor: Diese Geisteshaltung ist nicht auf Einzelfälle beschränkt. Wenn in Dresden Tausende auf die Straße gehen und "Bomben-Holocaust" in Zusammenhang mit der Zerstörung der Stadt 1945 skandieren, was sonst als eine Relativierung der Schoah schreien sie dort in die Nacht?

Dieses Verfahren bot eine der letzten Gelegenheiten, die Überlebenden zu Wort kommen zu lassen. Sie gaben uns Deutschen dabei die Möglichkeit, in den Abgrund zu schauen. Es liegt an uns Deutschen, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für uns, für unsere Taten, für die Frage, wie wir heute mit Minderheiten umgehen, wie wir die Schwachen und Armen in unserer Welt behandeln. Ungezählte Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten machen sich auf den Weg zu uns nach Europa. Abertausende ertrinken oder verdursten auf diesem Weg. Wie steht es um unser Menschsein? Was haben wir aus unserer Geschichte gelernt, wenn wir Mauern bauen um unsere Grenzen und um unsere Herzen? Wir können unsere Vergangenheit nicht bewältigen. Es ist unsere Gegenwart, die wir bewältigen.

Oskar Gröning sitzt heute alleine auf der Anklagebank. Es waren aber Zehn- und Hunderttausende, die Teil der Mordmaschinerie waren. Es waren Millionen Deutsche, die von dem Morden wussten und vom Morden profitierten, viele unserer Väter und Mütter und viele unserer Großeltern. Die Schuld, die wir auf uns geladen haben, kann nicht abgetragen werden. Schuldig gemacht haben sich auch die deutsche Nachkriegsjustiz und die Nachkriegspolitiker. Sie haben dafür gesorgt, dass die Masse der Mörder und ihrer Helfershelfer davonkam und ihre Taten ungesühnt blieben, dass Naziverbrecher anerkannt in der Mitte unserer Gesellschaft leben konnten. Die Tatsache der stillschweigenden und jahrzehntelangen faktischen Strafvereitelung darf jetzt nicht Grundlage für eine Strafmilderung sein. Das Verhalten unserer Justiz gründete auf Vergessenwollen, Schlussstrichziehen und Vertuschen. Was den Umgang mit der Schoah angeht, ist die Ungerechtigkeit ein Meister aus Deutschland.

Oskar Gröning ist nach unserer Überzeugung schuldig der Beihilfe zum Mord. Dass er "nur" Teil einer großen Maschinerie war, mindert nicht seine Schuld. Mitleid mit dem Angeklagten? Ja, er ist ein gebrechlicher und alter Mann. Aber wer hatte Mitleid mit den schwachen und wehrlosen Menschen an den Rampen von Auschwitz? Wer hat sich dieser Menschen erbarmt? Und wir fragen den Angeklagten Oskar Gröning: Haben Sie wirklich alles unternommen, um sich dem Morden zu entziehen? Müssen wir nicht in Anbetracht des Menschheitsverbrechens von einem Menschen erwarten, alles zu tun, um einer Beteiligung an diesem Schrecken zu entkommen?

Von Imre Kertész stammt der Satz: "Seit Auschwitz ist nichts geschehen, was Auschwitz aufgehoben, was Auschwitz widerlegt hätte." Auch und gerade nach diesem Verfahren ist diesem Satz nichts hinzuzufügen.

Mehmet Gürcan Daimagüler (im Namen der Nebenklage)

Das ungekürzte Plädoyer finden Sie hier. Siehe auch: eine Reportage zum Auschwitz-Prozess von Nora Bossong.