DIE ZEIT: Die Royal Bank of Scotland in Großbritannien, ABN Amro in den Niederlanden, die Hypo Real Estate in Deutschland – mehrere Banken, die während der Krise 2008 verstaatlicht wurden, sollen wieder privatisiert werden. Schließt sich gerade ein Kreis?

Barry Eichengreen: Es schließt sich ein Kreis in dem Sinne, dass viele der Probleme, die zu dieser Finanzkrise beigetragen haben, noch immer existieren. Es war nötig, dass viele Regierungen Banken verstaatlichten und mit neuem Kapital stabilisierten. Indem sie die Banken retteten, retteten sie die Wirtschaft. Eine Folge aber war, dass sie weit weniger fundamentale Reformen beschlossen als in den dreißiger Jahren, als zum Beispiel in den USA die Banken das klassische Kreditgeschäft vom Investmentbanking trennen mussten, die Börsenaufsicht geschaffen und die nationale Einlagensicherung etabliert wurde.

ZEIT: Warum haben die Regierungen dieses Mal eine vergleichbar radikale Regulierung gescheut?

Eichengreen: Die Regierungen haben die Krise 2008 erfolgreich genug eingedämmt, sodass nur eine Handvoll Banken pleiteging. In den dreißiger Jahren hingegen machten allein in den USA Tausende Banken dicht. Das heutige System ist nicht so diskreditiert worden wie das System damals, als die Finanzwelt komplett kollabierte.

ZEIT: War das der einzige Grund?

Eichengreen: Nein. 2009 kam die Sorge hinzu, dass weitreichendere Reformen die wirtschaftliche Erholung gefährden könnten, die noch fragil war. Zwar wurde beschlossen, dass Banken mehr Kapital vorhalten müssen, um besser gegen Verluste gewappnet zu sein, doch wann immer Kritiker forderten, die Kapitalanforderungen müssten dramatisch höher sein, wandten andere ein, dass die Banken dann aufhören würden, Kredite zu vergeben – und dass dies der Wirtschaft schaden würde. Zudem erlaubte die Rettung der Banken es der Bankenlobby, sich neu zu formieren. So konnte die Lobby gegen ambitioniertere, radikalere Reformen ankämpfen.

ZEIT: Die Politik tut also nicht genug?

Eichengreen: Wir bewegen uns in die richtige Richtung, aber, ja, wir haben nicht genug getan. Bankmanager haben Zinsen manipuliert, Wechselkurse abgesprochen, amerikanische Sanktionen gegen den Iran umgangen und sich an Geldwäsche beteiligt. Die Liste der Skandale wird länger und länger. Je mehr Skandale offengelegt werden, desto klarer wird, dass es nicht um einzelne schwarze Schafe geht, sondern dass es ein tiefer liegendes, weiter verbreitetes Problem in der Bankenwelt gibt, das sich nur durch strikte staatliche Kontrolle lösen lässt. Dass bisher nur sehr wenige Banker rechtskräftig verurteilt worden sind, verstärkt diesen Eindruck.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 16.07.2015.

ZEIT: Viele Banker haben versprochen, die Kultur in ihren Unternehmen zu ändern. Hilft das?

Eichengreen: Ich bin Ökonom, für mich zählen vor allem Anreize, also Strukturen, wenn man das Verhalten ändern will. Nehmen Sie die Bezüge: Früher gab es massive Anreize für Banker, exzessive Risiken einzugehen, denn im Erfolgsfall fuhren sie große Boni ein – und wenn etwas schiefging, musste die Bank, später die Gesellschaft, die Verluste tragen. Heute kann man Boni zurückfordern, wenn eine große Wette schiefgeht. Das hilft dabei, die Anreize der Banker besser mit den Interessen der Gesellschaft in Einklang zu bringen. Doch wir reformieren die Gehaltsstrukturen der Banker zu langsam, zu zurückhaltend, in Europa wie in den USA. Noch immer erhalten Banker enorme Boni.

ZEIT: Die Deutsche Bank, Credit Suisse, Standard Chartered, nun Barclays – viele Banken tauschen gerade ihre Führung aus. Löst das strukturelle Probleme?

Eichengreen: Es kann einen Unterschied machen, wenn die Person an der Spitze den richtigen Ton setzt und klarstellt, was akzeptables Verhalten ist und was nicht. Die Bank muss aber über effektive Kontrollen verfügen, um sicherzustellen, dass der Ton an der Spitze auch tatsächlich beeinflusst, was im Handelssaal geschieht.