Eines Tages, Jasmin Imamović hatte sich gerade über die Pläne seiner bisher größten Unternehmung gebeugt, fragte ihn seine Mitarbeiterin, eine Architektin: "Herr Bürgermeister, glauben Sie, dass das funktionieren wird?"

"Nein, natürlich glaube ich das nicht!", antwortete Imamović mit großer Entschiedenheit.

Und seine Mitarbeiterin gab zurück:

"Da bin ich aber sehr beruhigt. Sonst hätte ich Sie für verrückt erklären müssen."

Dann beugten sich Jasmin Imamović, Bürgermeister von Tuzla, und seine Mitarbeiterin wieder über Pläne und Zeichnungen, aus denen der Panonsko Jezero hervorgehen sollte, der Pannonische See, ein riesiges Badegewässer.

Es war in der Tat eine Verrücktheit, die Imamović vorhatte. Das wusste er selbst. Ein Badesee im Herzen der Stadt.

Besonders in Tuzla klingt es wie ein extravaganter, völlig unpassender Einfall, denn die Stadt mit ihren knapp 130.000 Einwohnern hat seit vielen Jahren mit existenziellen Sorgen zu kämpfen. Ein Badesee, wo es doch überall an Arbeitsplätzen fehlt? Wo die Leute, sofern sie etwas verdienen, mit zwei-, dreihundert Euro im Monat auskommen müssen? Wo sie grad so über die Runden kommen, oft nur mit der Hilfe ihrer Verwandten aus dem Ausland?

Oder sah der Bürgermeister etwas, das vor ihm keiner gesehen hatte?

Tuzla liegt in Bosnien-Herzegowina. 20 Jahre nach dem Ende eines grausamen Krieges ist es ein zerstückeltes Land, aus dem die jungen, gebildeten Leute in Scharen fliehen, weil sie keine Perspektive sehen. Bosnien blutet aus, Tuzla geht es nicht besser. Früher, zu Zeiten Jugoslawiens, hatte die Stadt bereits einen schlechten Ruf, eine Industriestadt, mit rauchenden Kohlekraftwerken, die noch heute wie machtvolle Monumente der forcierten kommunistischen Industrialisierung vor den Stadttoren stehen und vor sich hin dampfen. Aus Belgrad, Sarajevo oder Zagreb betrachtet, war Tuzla der schmuddelige Bruder aus der Provinz mit dreckigen Händen und einem vom Ruß geschwärzten Gesicht.

Doch wirtschaftlich ging es den Menschen in Tuzla früher nicht schlecht. Der jährliche Urlaub am Meer war für viele eine Selbstverständlichkeit. Nicht wenige besaßen ein Häuschen an der Küste.

Seit dem Krieg ist das Meer jedoch kaum noch erreichbar. Für die meisten Menschen aus Tuzla sind Reisen dorthin zu teuer geworden. Außerdem liegt der größte Teil der Küste in Kroatien, einem anderen Land.

Warum also das Meer nicht einfach in die Stadt holen?

Eine Art von Meer jedenfalls.

Aber so weit dachte Bürgermeister Imamović erst einmal nicht. Das sagt er ganz offen. Visionen sind seine Sache nicht, obwohl der studierte Jurist auch ein fantasiebegabter Schriftsteller ist. Er hat Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht, durchaus erfolgreich. Wie er auf die Sache mit dem See kam? "Wenn ich schreibe, habe ich auch keinen klaren Plan. Ich sehe etwas, was mich neugierig macht, dann dort etwas. Ich beschäftige mich damit und füge es zusammen. Ich gehe Stück für Stück."

Imamović beschreitet einen Weg, findet etwas, hebt es auf, betrachtet es und lässt daraus etwas Unerwartetes entstehen, etwas Wundersames. Um so zu arbeiten, braucht man viel Vertrauen, zu sich und zur Welt.