Nein, "sie war nicht nett": Mit dieser Feststellung beginnt die amerikanische Autorin Joan Schenkar ihre Biografie von Patricia Highsmith, die jetzt zu deren 20. Todestag auf Deutsch erschienen ist. Als Highsmith am 4. Februar 1995 im freiwilligen Tessiner Exil starb, war das Werk einer der wichtigsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts dem amerikanischen Publikum kaum bekannt. Das änderte sich erst 1999 mit der amerikanischen Verfilmung des Talentierten Mr. Ripley mit Matt Damon in der Hauptrolle. Patricia Highsmith war als Autorin vor allem ein europäisches Phänomen, ihre Auflagen allein in deutscher Sprache übertrafen die amerikanischen um ein Vielfaches.

Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die erste Biografie, die sich mit der komplexen Persönlichkeit Highsmiths auseinandersetzte, 2003 von einem Europäer, dem englischen Journalisten Andrew Wilson, verfasst wurde. Schenkars wenige Jahre später recherchierte "amerikanische" Biografie über das Secret Life (so der Untertitel) der talentierten Miss Highsmith beruht auf dem gleichen Material: auf 38 von ihr Cahiers genannten Arbeitsheften und 18 Tagebüchern, die sie seit ihrem 17. Lebensjahr geführt hatte. Das Bild, das aufgrund dieser lebenslangen Selbstbefragung der Autorin und intensiver Gespräche mit Zeitzeugen entsteht, erinnert an ein Gemälde Francis Bacons: Patricia Highsmith war eine von Obsessionen, Sucht, Schuldgefühlen und Selbstzweifeln zerrissene Person, die nur in einem Halt fand – im Schreiben. Acht Seiten Prosa täglich. Die 1921 in Fort Worth geborene Mary Patricia Plangman litt ihr Leben lang an dem "Verrat" durch ihre Mutter, die sich vor der Geburt von ihrem leiblichen Vater scheiden ließ und ihr den Stiefvater Highsmith samt dessen Namen überstülpte. Mutter Mary war die einzige konstante (Hass-)Liebe ihres Lebens. Ihre Kindheit war geprägt von langen Aufenthalten bei der Großmutter und häufigen Wohnungswechseln. Als umschwärmte junge Frau trank sie Unmengen, führte in der homosexuellen Boheme ein heftiges, manisches Liebesleben, schrieb den Klassiker Zwei Fremde im Zug (von Hitchcock 1951 verfilmt) und unter dem Pseudonym Claire Morgan den Bestseller einer lesbischen Romanze, reiste mit Freundinnen nach Europa, Mexiko. Sie schreibt Der talentierte Mr. Ripley, zieht später nach England in die Nähe der verheirateten Frau, die so etwas wie die Liebe ihres erwachsenen Lebens ist, zieht sich 1967 nach Frankreich in die Provinz zurück, lebt seit 1981 noch zurückgezogener im Tessin. Sie hinterlässt 22 Romane, zahlreiche Erzählungen und – im Wäscheschrank ihres Hauses – mehr als achttausend Seiten persönlicher Aufzeichnungen.

Ein unglückliches, tapfer geführtes Leben, im Alter zunehmend beherrscht von Alkohol, Einsamkeit und Ängsten. Wie Kafka mit seinem Biografen Rainer Stach hätte diese rätselhafte, schwierige Autorin einen Lebenserzähler verdient, der imstande ist, die kulturellen, biografischen und literarischen Bezüge ihres Werks aufzudröseln und zu erhellen.

Die Amerikanerin Joan Schenkar, ausgewiesen als Theaterschriftstellerin und Verfasserin einer Oscar-Wilde-Biografie, ist das nicht. Die einzige wirkliche Neuheit: Highsmith arbeitete rund sechs Jahre in der Comic-Branche, unter anderem textete sie Superman- Hefte. Was das für ihr späteres Werk bedeutet, kann Schenkar nicht plausibel erklären. Die Klatschgeschichten (Schnecken und Schnaps in der Handtasche, Dreiecksbeziehungen, ungebührliches Benehmen) breitet sie ausführlicher aus als Wilson, dafür spart sie am politischen, kulturellen und sozialen Kontext. Wie klandestin lesbische Beziehungen in den USA der fünfziger Jahre geführt werden mussten, erfahren wir nicht bei Schenkar, sondern im Erinnerungsbuch Meine Jahre mit Pat von Marijane Meaker. Schenkar urteilt über Highsmiths unglückliches Liebesleben mit der Autorität einer sitzen gelassenen Küchenpsychologin: "Ihr Werk gilt unter anderem auch deshalb als 'amoralisch', weil das moralische Chaos, das die Liebe in ihrem Leben anrichtete, immer auch den Weg in ihre Romane fand." Ähnlich schlicht rechtfertigt sie den Verzicht auf eine chronologische Vorgehensweise. Mit ihrer stattdessen nach Highsmiths Obsessionen gegliederten Darstellung glaubt sie ernsthaft, "die Abartigkeiten zu erklären, die sich so beharrlich an den Rändern ihres Werks halten". Tatsächlich, im Original heißt es perversities. Abgesehen von den ermüdenden Wiederholungen aus dem Zettelkasten, die diese Form ihren Lesern zumutet, kommt Schenkar den vielfältigen, tragischen (Selbst-)Entfremdungen der Patricia Highsmith nirgendwo wirklich nahe.

Was in Schenkars Invektiven nachklingt, ist das moralisierende, heuchlerische Amerika, das Highsmith auch räumlich weit hinter sich lassen wollte. Zuvor hatte sie mit der Figur des Tom Ripley einen Archetyp des 20. Jahrhunderts geschaffen: den allseits beliebten Emporkömmling, der sein privates Wirtschaftswunder durch kaltblütigen Mord absichert. Highsmith karikierte in Ripley den zeitgenössischen Amerikaner. Dass das in Reagans USA nicht gut ankam, kann man verstehen. Warum Ripley den deutschen Lesern so gut gefiel, ist eine der vielen Fragen, denen hoffentlich irgendwann eine neue Werkbiografie nachgehen wird. Bis dahin heißt es: die menschenkundige misanthropische Highsmith lesen, und zwar in der (auch biografisch) hervorragend kommentierten Werkausgabe des Diogenes-Verlags.