Es wird ernst in der Klimapolitik. Seit Monaten sorgt die Divestment-Bewegung für Schlagzeilen, die Investoren aus fossilen Brennstoffen drängen will. Im Juni konnte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem G-7-Gipfel durchsetzen, dass die großen sieben Wirtschaftsnationen den Anstieg der Erderwärmung auf zwei Grad begrenzen wollen. Und jetzt hat Bundesumweltministerin Barbara Hendricks in der ZEIT angekündigt: "Wir müssen aus der Verfeuerung von Kohle in den nächsten 25 bis 30 Jahren schrittweise aussteigen; 25 Jahre sind sogar realistischer." Es scheint: Unumkehrbarkeit liegt in der Luft.

Und doch wird es womöglich nicht reichen. Was wir erledigen müssen, um die klimapolitischen Ziele für 2020 zu erreichen, ist eine Kleinigkeit im Vergleich zu dem, was in Zukunft noch ansteht. Das mag überraschen, denn allein das Sparziel von weiteren 22 Millionen Tonnen CO₂ in den nächsten fünf Jahren ist ambitioniert und heftig umstritten. Laut Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel müssen aber bis 2030 weitere 200 Millionen und bis 2040 sogar 400 Millionen Tonnen CO₂ zusätzlich eingespart werden. Die Zahl für 2050 sei "noch schlimmer", sagte der Minister kürzlich vor der versammelten Energiewirtschaft.

In 25 Jahren raus aus der Kohle, das ist konkret. Und es ist bald. Aber seien wir ehrlich: Noch gibt es keinen Plan, wie der vollständige Ausstieg aus der Kohleverstromung zu erreichen ist. Es gibt nicht einmal eine Idee dafür, aus welchen Kernelementen und Instrumenten ein solcher Plan bestehen könnte. Klar ist nur, dass die vorhandenen Marktstrukturen und Instrumente allein nicht zum Ziel führen werden.

Das heißt: Wir müssen reden. Über Konzepte, konkrete Schritte, Konsequenzen, die Rolle des Strommarktes, den absehbaren Strukturwandel in den verschiedenen Regionen Deutschlands, Arbeitsplätze, Versorgungssicherheit. Und vor allem auch über die Kosten der Energiewende, die irgendjemand tragen muss. Das wird anstrengend – denn schon die Debatte über die Sparziele bis 2020 war zermürbend.

Wir müssen auch über Innovationen reden. Über Sensorik in privaten Haushalten und Stromnetzen sowie über die Digitalisierung der Energiewelt. Über Flexibilität im Netz und im Stromsystem. Über intelligente Energiesysteme. All das muss ins Zentrum der Debatte rücken, wenn es wirklich vorangehen soll. Das wird spannend.

Wir sollten die Herausforderung gewissenhaft und mit hoher Präzision angehen, denn es geht um das Rückgrat des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Es geht um Arbeitsplätze, um die Zukunft von Menschen und Regionen. Wir sollten vor allem aber auch mit mehr Begeisterung darauf schauen, welche faszinierenden Technologien die Zukunft bringen kann. Denn ohne Begeisterung wird die Energiewende kein Erfolg.

Eines allerdings darf nicht passieren: Die Debatte um das Ende der Kohleverstromung darf kein Ablenkungsmanöver für all die anderen Aufgaben sein, die für das Gelingen der Energiewende vor uns stehen. Denn selbst wenn man herausrechnet, wie viel Klimagase Kohlekraftwerke in die Luft pusten, bleiben von 900 Millionen Tonnen CO₂ immer noch 650 Millionen übrig. Das ist das Zehnfache dessen, was im Idealfall 2050 übrig bleiben soll.

Um diesem Ziel näher zu kommen, müssen wir uns voll auf mehr Energieeffizienz konzentrieren. Wir müssen aus vielen kleinen Maßnahmen einen großen Wurf machen. Der Nationale Aktionsplan Energieeffizienz ist ein guter Start. Es gibt bereits vielfältige Projekte und Fördermaßnahmen für die Gebäudesanierung. Die Politik in Bund, Ländern und Kommunen sei hiermit eingeladen, mit ihrem Gebäudebestand ein Signal zu setzen. Zudem gibt es inzwischen alternative Antriebstechnologien samt faszinierender Fahrzeuge. Beides macht Hoffnung, aber zu einem Erfolg fehlt noch eine Menge.

Die Energiewende ist ein faszinierendes Projekt. Die Umbrüche, die sie mit sich bringt, müssen gestaltet werden. Das muss fair geschehen. Mit Augenmaß und einer langfristigen Perspektive. Wenn das gelingt, wird die nächste Phase der Energiewende vieles möglich machen.

Andreas Kuhlmann ist seit Anfang Juli Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur dena, an der der Bund mit 50 Prozent beteiligt ist.