Montag Vormittag, auf den Nachrichtenplattformen im Internet blitzen Eilnachrichten auf: Nach einem Sitzungsmarathon von 17 Stunden haben sich die Regierungschefs der Euro-Gruppe in Brüssel mit dem griechischen Premierminister Alexis Tsipras darauf geeinigt, Verhandlungen über ein drittes Hilfspaket im Rahmen des Europäischen Stabilitätsmechanismus, kurz ESM, aufzunehmen. In ihrer finanziellen Bedrängnis mussten die Griechen sehr harte Auflagen akzeptieren. Der österreichische Finanzminister Hans Jörg Schelling macht gerade Zwischenstation in Wien. Während des dramatischen Wochenendes hatte er mit seinen Kollegen aus der Euro-Zone jenes Papier erarbeitet, das die Grundlage der späteren Einigung bildete. Schon um 6.30 Uhr am Montag, erzählt Schelling, habe er mit Bundeskanzler Werner Faymann telefonisch über letzte Formulierungen beraten. Jetzt ist er schon wieder auf dem Sprung nach Brüssel. Für 15 Uhr ist an diesem Montag ein neuerliches, informelles Treffen der Euro-Finanzminister angesetzt, das die Sitzung des Ecofin-Rates am nächsten Tag vorbereiten soll. Mit keiner Regung lässt sich Schelling anmerken, wie sehr die Zeit drängt. Sein Mobiltelefon gibt immer wieder Lebenszeichen von sich. Der Finanzminister würdigt sie kaum.

DIE ZEIT: Herr Minister, nach der Übereinkunft der Euro-Gruppe in Brüssel, mit Griechenland über ein neuerliches Hilfspaket zu verhandeln, müssen nun in einigen europäischen Staaten die Länderparlamente dieser Einigung zustimmen. In Wien soll das am Freitag dieser Woche geschehen. Erwarten Sie eine harte Auseinandersetzung im Nationalrat?

Hans Jörg Schelling: Es wird durchaus eine heftige Debatte geben, weil, ähnlich wie in Deutschland, die Stimmung in der österreichischen Bevölkerung für weitere Hilfskredite an Griechenland sehr kritisch ist. Vielmehr herrscht die Meinung vor: Warum sollen wir den Griechen plötzlich trauen und glauben, sie würden sich an die Abmachungen halten? Deshalb haben wir verlangt, dass Griechenland bei seiner Reformpolitik Vorleistungen erbringen muss, bevor die eigentlichen Verhandlungen über ein ESM-Paket überhaupt aufgenommen werden.

ZEIT: Gleichzeitig gibt es bei einem Teil der Abgeordneten sicherlich Vorbehalte wegen der harten Verhandlungsführung. Sie kennen ja alle die Vorwürfe eines "fiskalischen Waterboardings" und einer "Entmündigung" und "Erniedrigung" Griechenlands.

Schelling: Es wird sicherlich Kritik dazu geben. Die einen sagen, man soll Griechenland ohne Konditionen Kredite geben, und die anderen halten die Konditionen für viel zu lasch.

ZEIT: In diesem Schraubblock stecken Sie nun?

Schelling: Aber diese Diskussion findet in ganz Europa statt.

ZEIT: Können Sie den Vorwurf einer "Demütigung" Griechenlands nachvollziehen?

Schelling: Nein, das kann ich nicht. Man darf nicht vergessen, dass wir mit dem neuen griechischen Finanzminister unsere Vorschläge ausgiebig diskutiert haben. Wir sind auch einigen seiner Anregungen entgegengekommen. Beispielsweise hielten wir es für sinnvoll, den Verkauf rezeptfreier Medikamente so wie in den meisten Märkten Europas zu liberalisieren, was Griechenland derzeit nicht will. Also gibt es eine Formulierung, die bei diesem Punkt von einem next step, von einem nächsten Schritt, spricht. Daran wird Europa gewiss nicht scheitern.

ZEIT: Wäre auch ziemlich lächerlich.

Schelling: Dann gab es andere Punkte, bei denen der griechische Finanzminister meinte, er benötige längere Fristen, und wir haben den Zeitplan eben etwas in die Länge gezogen. So wurde in einer langen und sehr hin und her wogenden Diskussion mit verschiedenen Standpunkten dieses Papier bis Sonntag Nachmittag entwickelt. Da waren dann einige Punkte drinnen, die in Klammern gesetzt waren. Das ist immer so: Wenn es keine Einstimmigkeit gibt, wird ein eingebrachter Vorschlag in Klammern gesetzt, und solange er in Klammern steht, gilt er nicht. So hat eben Deutschland, wie andere Länder auch, umstrittene Vorschläge eingebracht. Ich habe dann einen Kompromissvorschlag für diesen Privatisierungsfonds ...