Sechsmal wiederholt er diesen einen Satz: "Ich möchte das nicht schönreden." Als Alexis Tsipras sich am Dienstagabend im Fernsehen zum Ergebnis des Brüsseler Gipfels interviewen lässt, liegen dunkle Schatten unter seinen Augen. Da sitzt ein Mann, der mit dem Ergebnis nicht zufrieden ist. Aber es gebe für Griechenland nun mal keine Alternative zu diesem Deal, er habe hart gekämpft, sei aber von den Europäern bezwungen worden.

Er tut nicht so, als würde er wirklich an das neue Reformpaket glauben. Aber er stellt klar, dass er dennoch diesen Weg beschreiten wird und dass er dafür das griechische Volk an seiner Seite braucht. Er entschuldigt sich für seine Fehler in den Verhandlungen: "Vielleicht habe ich mit dem Referendum eine Linie überschritten", räumt er ein. "Ich dachte, dass die Solidarität in Europa größer sein würde. Ich dachte, dass ich in der Euro-Gruppe etwas verändern könnte."

Alexis Tsipras kämpft jetzt darum, sein Land vor dem Bankrott zu retten. Er stemmt sich gegen den Sturz seiner Regierung. Und er ringt um sein eigenes politisches Überleben.

Der griechische Ministerpräsident muss nach der Einigung mit den Europäern zu Hause jene Maßnahmen durchpeitschen, gegen die er eine Woche zuvor noch Straßenkundgebungen abgehalten hat. Wird der Rebell aus schierer Not zum Reformer? Bis Mitte der Woche war nicht klar, ob nicht nur einige Minister, sondern vielleicht auch Alexis Tsipras über seinen dramatischen Zickzackkurs der letzten Wochen stürzen würde. Sollte er überleben, werden ihm drei Dinge geholfen haben: seine ungebrochen große Popularität im Volk, Oppositionspolitiker, die Griechenland im Euro halten wollen, und stille Minister, die einfach ihre Arbeit machen.

Anfang der Woche ist Alexis Tsipras mit einem Deal aus Brüssel nach Hause gekommen, der all das beinhaltet, was er immer verhindern wollte: weitere Kürzungen bei den Renten, eine höhere Mehrwertsteuer, erneute Kontrollen durch die Troika, einen Treuhandfonds, der griechisches Staatseigentum privatisieren soll. Ein drittes Hilfsprogramm. Oder wie die Griechen sagen: ein neues Memorandum. Was in ihren Ohren ungefähr so klingt wie Diktat.

Tsipras ist umgeben von Parteifreunden, die ihn für dieses Verhandlungsergebnis verachten. Wollte Syriza nicht anders sein als die alten Parteien, die sich den Gläubigern unterworfen hatten? Sollen sie nun in Gesetze gießen, was sie erst letzte Woche im Referendum abgelehnt haben? Soll man den Parteichef unterstützen – oder stürzen? "Er sollte den Deal wieder zurücknehmen. Selbst wenn er verabschiedet wird, werden die Griechen ihn bekämpfen", sagt Panagiotis Lafazanis, Anführer der radikalen Linken Plattform und Umweltminister in Tsipras’ Kabinett. Bleibt Tsipras an der Macht, wird Lafazanis gehen müssen.

Um sich mit Europa zu einigen, hat Tsipras seine Partei gespalten. Der größte Teil von Syriza steht weiter zu ihm. Doch die Entfremdung von einigen seiner alten linken Mitstreiter hat begonnen. Der Mann, der vor zehn Tagen noch 60 Prozent der Griechen im Referendum hinter sich scharte, hat seine Mehrheit im Parlament verloren. Wie findet er heraus?

In den Straßen von Athen sieht man noch rote Plakate und Graffiti mit "ochi" – sie wirken schon wie Relikte einer anderen politischen Ära. Der Premier hatte dem Volk Anfang Juli versprochen, dass ein "Nein" seine Verhandlungsposition in Brüssel stärken würde – nun sehen die Griechen, dass das Gegenteil eingetreten ist. Er hat weniger bekommen als zuvor und muss nun Maßnahmen durchführen, die eine deutliche Mehrheit abgelehnt hat. Doch von vielen einfachen Bürgern zwischen Syntagma-Platz und Akropolis hört man Einschätzungen wie die von Fotis Likos: "Ich bin enttäuscht, dass uns die Europäer nicht respektieren. Tsipras wurde erpresst, er konnte nicht anders", sagt Likos.

Viele Griechen geben die Schuld für Tsipras’ gebrochene Versprechen den Europäern. Einige vermuten gar eine Verschwörung der EU: Die Verhandlungen hätten immer das Ziel gehabt, den Premier zu stürzen – regime change per Hilfspaket.

In einer Umfrage des angesehenen Kapa-Instituts vom Dienstag gaben 75 Prozent der Befragten an, dass Tsipras in ihren Augen der beste Premierminister ist. Eine fast ebenso hohe Zahl will, dass er das Gesetzespaket verabschiedet – obwohl jeder Zweite die Maßnahmen an sich ablehnt. Das ist das Tsipras-Paradox, das ihn weiter an der Macht halten könnte: Er gilt als der Mann, der das Beste für die Griechen will, aber wegen der Europäer leider nun Böses tun muss.

Geht es nach dem Volk, wird er bleiben. Die politische Klasse hat dennoch begonnen, wild über Alternativen zu spekulieren. In Athen wird über eine neue Technokratenregierung diskutiert. So etwas gab es schon mal, unter dem Übergangs-Premier Lukas Papadimos von November 2011 bis Mai 2012. Doch konnte der damals die Griechen nicht von harten Einschnitten überzeugen. Die Wahrheit ist: Neben Alexis Tsipras ist niemand in Sicht, der das Land durch den anstehenden Umbau führen kann. Gerade wenn es zu Demonstrationen und Unruhen wegen der Reformgesetze kommen sollte. Auch aus möglichen Neuwahlen würde er wahrscheinlich als Sieger hervorgehen.

Allerdings braucht er Hilfe vom politischen Gegner. Schon bei der Abstimmung der vergangenen Woche über das Reformprogramm zeichnete sich eine neue Konstellation ab. Während linke Syriza-Politiker der Abstimmung fernblieben oder dagegenstimmten, fand Tsipras eine Mehrheit dank der Opposition. Darunter die neue liberale Reformpartei To Potami, aber auch die konservative Nea Dimokratia. In der selbst gemachten Krise muss sich Tsipras nun mit denen verbünden, die er jahrelang bekämpft hat: den alten, proeuropäischen Parteien. Warum helfen die ihm?

In ihrem Büro, fünf Schritte vom Syntagma-Platz entfernt, empfängt eine konservative Abgeordnete ihre Besucher. Olga Kefalogianni ist 40 Jahre alt und eine der politischen Talente und Hoffnungsträger der Opposition. Zügig, gerade und selbstbewusst geht sie auf die Besucher zu. Schwarze glatte Haare, dunkles Kostüm, zwei Perlen an den Ohrläppchen, ein breites Lächeln. Ihrer Verantwortung – man könnte auch sagen: ihrer Chance – in dieser Lage ist sie sich bewusst. Man müsse unbeirrt für Griechenlands Zugehörigkeit zu Europa und zum Euro eintreten. "Im Referendum über das Gläubigerprogramm haben 40 Prozent der Griechen Ja und 'Europa über alles' gesagt", bemerkt sie. Die gelernte Rechtsanwältin Kefalogianni selbst hat sowohl beim Referendum wie im Parlament vergangene Woche mit Ja für das Regierungspaket gestimmt. "Wir werden auch diese Woche für die Einigung mit den Gläubigern votieren und die politischen Kosten ignorieren. Wir bleiben uns treu", sagt sie mit Blick auf die politischen Saltos der Regierung.

Olga Kefalogianni hat kein Interesse, Tsipras aus der Patsche zu helfen. "Mir geht es um unser Land", sagt sie. Und wohl auch um ihre eigene politische Zukunft. Die Kreterin hat beste Aussichten, in der Partei aufzusteigen. Sie hat Recht und Internationale Politik in London und Boston studiert. Schon ihr Vater war Nea-Dimokratia-Minister. 2008 wurde er verurteilt, wegen Deckung eines Verbrechers. Das hat ihrer Karriere bisher nicht geschadet. Es ist gut möglich, dass der Zerfall der Syriza der Nea Demokratia neuen Aufschwung verleiht. Vielleicht ist sie bald wieder gefragt, in der Regierung eine wichtige Rolle zu spielen. Doch dafür müsse sie sich ändern, findet Kefalogianni.