Die Touristen im Promenadencafé kriegen gerade ihren Frühstücks-Latte-macchiato serviert, da tuckert das Schiff der Küstenwache in den Hafen von Molyvos. So wie fast jeden Tag bringt es neue Flüchtlinge in die Urlauberstadt im Norden von Lesbos. Auf eine völlig überforderte Insel, der das Geld ausgeht. In ein fast bankrottes Land.

Vom Gummiboot auf die Insel

An Deck drängen sich 43 Syrer: Männer, Frauen und Kinder mit Schwimmflügeln und roten Westen, die noch vor ein paar Minuten hilflos auf offener See trieben. Nun zieht ein Schiff der Küstenwache ihr graues Gummiboot hinter sich her. Die Flüchtlinge sind gerettet. Erst einmal.

Aber was erwartet sie auf dieser Insel, die manche schon das "griechische Lampedusa" nennen? Und wie kommt es, dass die neue Hauptroute von Flüchtlingen auf dem Weg nach Mitteleuropa ausgerechnet über Lesbos führt – ausgerechnet jetzt, wo Griechenland selbst vor dem Abgrund steht?

Das Boot der Küstenwache legt an der Kaimauer an. Die sechsjährige Meryam lässt sich von einem Mann mit Atemmaske und Plastikhandschuhen an Land heben. Sie streift ihren quietschbunten Plastikrettungsring ab, blickt sich um in der neuen Welt. Ihre Mama hält Zaynab im Arm, Meryams zweijährige Schwester. Leyla Rawadi strahlt vor Freude. Die 32-Jährige wähnt ihre Mädchen und sich jetzt in Sicherheit, sie ist ja in Europa. Aber sie und die anderen Syrer ahnen nicht, was ihnen nun auf Lesbos bevorsteht. Um sie zu schützen, sind die Namen aller Flüchtlinge in diesem Text geändert.

Einige der Ankömmlinge tippen auf ihren Smartphones herum, suchen vergeblich nach einem WLAN. "Wann kriegen wir etwas zu essen?", fragt eine Frau mit rot lackierten Fingernägeln. Die meisten der Flüchtlinge gehörten daheim zur Mittelschicht: Studenten, Ärzte, Anwälte, Lehrer. Griechenland ist nur Durchgangsstation für sie, fast alle wollen nach Deutschland.

"Wir reisen in die Nähe von Berlin, zu meinem Mann", sagt auch Leyla Rawadi. Ihr Mann Ahmad, ein Bauingenieur, sei schon im Mai vor dem Bürgerkrieg und den Truppen des "Islamischen Staates" geflohen. Gleich nach der Ankunft in Deutschland beantragte er eine Familienzusammenführung. Die Behörden beschieden ihm, das könne dauern. Und so hat sich seine kleine Familie auf eigene Faust auf den Weg gemacht: per Schlepperbus nach Beirut, per Schlepperboot nach Mersin in der Türkei, per Schlepperbus nach Izmir und schließlich per Schlepperboot nach Lesbos, für 1.000 US-Dollar pro Kopf.

Bis zu 9.000 Menschen pro Woche setzen laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk von der Türkei nach Lesbos über. Rund 77.000 Flüchtlinge sind seit Jahresanfang in Griechenland angekommen. Der Weg über Nordafrika nach Italien ist vielen wegen der anarchischen Zustände in Libyen zu gefährlich. Also versuchen es immer Menschen nun über das östliche Mittelmeer. Und so führt die neue Hauptroute der Flüchtlinge über Lesbos. Die meisten wissen wohl nicht, dass Griechenland mit dem Bankrott kämpft, Banken geschlossen haben und Kommunen das Geld ausgeht.

Im Gummiboot, in dem Leyla Rawadi mit ihren Töchtern saß, fiel fünf Kilometer vor der griechischen Küste plötzlich der Motor aus. Als ihn der zum Steuermann ernannte Flüchtling im Dunkeln reparieren wollte, fiel der Außenborder ins Wasser. Das Gummiboot trieb ab, die rechte Luftkammer war schon recht schlapp, da kamen die Küstenwächter. "Diese Leute haben Glück gehabt", sagt Rafail Tsamouras, der Chef der Streife. "Wir haben sie rechtzeitig mit den Wärmebildkameras entdeckt. Und wir mussten gerade kein anderes Boot retten."

Nur ein einziges Patrouillenschiff hat die Küstenwache von Molyvos im Einsatz. Das genügt bei Weitem nicht für 10, 15 oder 20 überfüllte Gummiboote, die in diesem Sommer Nacht für Nacht Lesbos’ Norden ansteuern. Aber für mehr Rettungsschiffe ist kein Geld da. Es reicht ja nicht mal für Essen und Trinken. Würden nicht die Wirtin des Hafenrestaurants Captain’s View und barmherzige Touristen den Neuankömmlingen auf eigene Rechnung Käsesandwiches und Wasser bringen, bekämen die Syrer überhaupt nichts in den Magen.