Mohammed Mansour, seine Frau, sein Sohn und seine Schwiegertochter hocken auf der Erde. Sie kochen auf einem Pappkartonfeuer Dosenlinsen aus dem Lidl-Supermarkt bei Karatepe. "Unser ganzes Leben lang haben wir noch nie so etwas mitgemacht", sagt der 51-jährige Apotheker aus Damaskus. "Wir werden behandelt wie die Tiere. Das ist doch Europa. Warum tun sie uns das an?"

Die Mansours haben ihre Flucht penibel vorbereitet, haben ihre Ersparnisse auf Konten im Ausland geparkt, um auf dem Weg nach Deutschland Hotels und Restaurants bezahlen zu können. Auf Lesbos aber kommen sie ans Geld nicht ran. Alle Banken sind dicht – die Euro-Krise.

Selbst hartgesottene Flüchtlinge sind von Karatepe geschockt. "Come, look", radebrecht eine Palästinenserin, die jahrelang im Lager Yarmuk bei Damaskus gelebt hat. Sie öffnet ihr blaues, selbst gekauftes Billigzelt. Drinnen staut sich die Hitze, ein acht Monate altes Baby liegt reglos auf einem Pappkarton. Schwärme von Fliegen kreisen um seine Windel herum. Acht Tage wartet die Familie schon hier auf die Ausreisepapiere.

"Wir tun alles, was wir können", rechtfertigt sich Sypros Galinos. Der 62-jährige Inselbürgermeister saugt an seiner E-Zigarette, pustet den Dampf durch sein dunkles Büro im Herzen Mytilenes. Seine Kommune habe nicht genügend Fingerabdruckscanner, sie habe nicht genug Personal und nicht einen Cent Bares mehr in der Kasse, erklärt der Politiker von der rechtspopulistischen Partei Anel. Lesbos habe nur 86 000 Einwohner. Wie solle man da Tausende Fremde durchfüttern?

"Wir erleben eine humanitäre Katastrophe, und alle lassen uns allein", sagt Galinos. Schon vor zwei oder drei Monaten habe er Griechenlands Regierung sowie EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker Brandbriefe geschrieben, die große Politik um Unterstützung gebeten. Aber Athen hat kein Geld. Und Brüssel? Junckers Leute teilten mit, man leite die Sache an Dimitris Avramopoulos weiter, den EU-Kommissar für Migration. Sein Landsmann habe sich bis heute nicht gemeldet, behauptet Galinos. Auf Nachfrage der ZEIT hin erklärte Avramopoulos’ Sprecherin am Dienstag: "Eine Antwort ist unterwegs." Bürgermeister Galinos fordert nun konkrete Taten: "Wenn wir keine Hilfe kriegen, verlieren wir die Kontrolle."

Die Seuchengefahr in den Camps wächst mit jedem Tag. Die meisten Toiletten sind Kloaken, hier und da sickert der Inhalt ins Freie. Medikamente gibt es keine. In Karatepe wird ein kleines Mädchen von einer Schlange gebissen. Es überlebt. Vor dem Lagereingang bricht eines Abends ein junger Afghane zusammen. Er liegt am Straßenrand, verliert zeitweise das Bewusstsein. Die herbeigerufene Ambulanz wird nie kommen. Im Inselsüden gebe es nur noch zwei Rettungswagen, einer davon sei in Reparatur, heißt es später im Krankenhaus von Mytilene.

Dorthin transportieren Mitarbeiter einer Hilfsorganisation den jungen Mann im Auto des Reporters. Die Ärzte diagnostizieren eine Nierenkolik: der Stress, die Anstrengung. Der Afghane wird wieder gesund werden. Aber so schnell kommen er und seine Leute hier nicht weg.

Auf und davon

Momin Aslan sitzt am Strand von Mytilene, der 20-jährige Syrer mit dem schulterlangen Haar blickt aufs azurfarbene Mittelmeer. Gestern Abend haben der IT-Student und seine beiden Freunde ihre Papiere bekommen, nach zehn Tagen. Jetzt dürfen sie endlich auf das Schiff nach Athen. Dort wollen sie die nächsten Schlepper suchen. Sie sollen sie nach Mazedonien bringen. Dann wollen sich die Flüchtlinge über Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland durchschlagen.

Werden die drei bis dahin nicht erwischt, werden sie wohl kaum abgeschoben. Das Dublin-III-Abkommen, wonach Flüchtlinge nur in dem EU- Mitgliedstaat einen Asylantrag stellen dürfen, den sie zuerst betreten haben, gilt nicht für die Einreise über Lesbos. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte untersagt seit 2011 die Rückführung nach Griechenland: wegen der desaströsen Bedingungen. Die Sonderregel lockt viele hierher.

Die Fähre von Mytilene nach Piräus ist gut gefüllt, tags zuvor haben die Behörden reichlich Ausreisepapiere produziert. Zu Dutzenden stehen die Flüchtlinge auf dem Oberdeck, sie lachen und scherzen, lassen sich vor der Kulisse von Lesbos fotografieren, als hätten sie Ferien gemacht. Dann richten sich ihre Blicke nach unten. Ein Boot der Küstenwache legt an, voller Menschen. Der Nachschub wird so schnell nicht versiegen. Drüben in der Türkei halten sich fast zwei Millionen Syrer auf. Viele haben ein gemeinsames Ziel: Deutschland.