Verkehrte Welt: Glaubt man Athen und den Linken vom Mittelmeer bis zur Nordsee, dann sind Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble die Schurken Europas – und Alexis Tsipras ist der wackere Kämpfer gegen das Diktat des Geldes. Doch dieses Bild ist so schief wie die griechische Buchführung. Tsipras hat sein Land in einem halben Jahr in Grund und Boden gewirtschaftet. Ehe er kam, wuchs die Wirtschaft leicht, jetzt schrumpft sie stark. Der Haushalt ohne Schuldendienst war im Plus, jetzt steht da ein Minus. Die Banken sind kaputt, allein ihre Rettung kostet einen zweistelligen Milliardenbetrag.

All das muss man wissen, um die lange Nacht von Brüssel einordnen zu können. Längst war klar: Es ging nicht nur um das kleine Griechenland, sondern darum, welche Richtung die Währungsunion einschlägt. Tsipras und Co. wollten, dass Europa nicht mehr ans Verdienen denkt, sondern nur noch ans Verteilen. Und Italien und Frankreich waren zu fast jedem Deal bereit, weil sich auch diese angeschlagenen Länder heute mehr von einer Transferunion versprechen als von einer Gemeinschaft, die auf Leistung ausgerichtet ist.

In diesem kritischen Moment hat Europa Rückgrat gezeigt und sich nicht mit ein paar Sparvorschlägen abspeisen lassen. Vielmehr verlangt die Gemeinschaft von den Griechen, dass sie im Gegenzug zu den geforderten Milliarden ihr Land erneuern. Die Arbeit soll flexibler werden, das Steuersystem wirksamer, das Statistikamt unabhängiger – aus der Erkenntnis: Nur wenn Griechenland sich nicht länger von den Sonderinteressen der Beamten und Steuervermeider beherrschen lässt, schafft es die Wende.

Tatsächlich hat Europa trotz starken Drucks aus Amerika keine Einigung um jeden Preis angestrebt, sondern seinen Preis durchgesetzt: Griechenland muss sich auch selbst helfen wollen – oder eben doch den Euro aufgeben. Wolfgang Schäubles Drohung mit dem Grexit war nicht die feine, aber es war wohl die nötige Art, Europa an die eigenen Wurzeln zu erinnern.

Ja, es ist ein Friedensprojekt, aber eines, das als Montanunion und Wirtschaftsgemeinschaft begann. Dieses Projekt fußt auf der Einsicht, dass man sich gegenseitig leichter hilft, wenn die Ökonomie floriert. Solidarität und Solidität – sie bedingen einander auch in dem Staatenclub namens Euro. Mit dieser Einsicht stand Deutschland am Wochenende nicht allein. Die kleinen Länder im Osten und Norden der Währungsunion fallen vielleicht nicht so auf wie die Krisenstaaten im Süden, aber einige waren in ihrer Haltung härter als die Deutschen.

Also hat Angela Merkel Europa nicht radikalisiert, sondern einen Ausgleich gefunden zwischen den Empörten im Norden und denen im Süden. Es gehört zu den Euro-Märchen, dass die Mitte Europas irgendwo am Mittelmeer liegt. Ein Blick auf die Landkarte, also auch auf Tschechien, Finnland oder die Niederlande zeigt, dass sie derzeit in Berlin zu verorten ist.

Die Rechnung, wir votieren links außen und kassieren, geht nicht auf

Natürlich hat die Krise die Union belastet, und die Achse zwischen Berlin und Paris kracht. Aber sie hat gehalten. Zugleich ergeht ein dringend nötiges Signal an die Spanier, die noch in diesem Jahr wählen: Die Rechnung, wir votieren links außen und kassieren dann ohne Gegenleistung – sie geht nicht auf.

Das macht Europa noch lange nicht zu einer Staatengemeinschaft nach deutschem Vorbild. Fast jedes Land hat besondere Stärken. Von diesen sollten die anderen Länder lernen, statt ihre Standards am Mittelmaß zu orientieren. Marktwirtschaft und Wettbewerb sind bestimmt nicht die einzigen europäischen Werte, aber sie gehören zum Kanon, und nach dieser Nacht von Brüssel bleiben sie auch dort.

Ja, es stimmt, diejenigen Griechen, die nicht zu den Privilegierten ihres ungerechten Systems gehören, trifft es bis auf die Knochen. Deshalb ist es richtig, dass Europa in ihrem Land nicht nur sparen, sondern auch investieren will. Und doch können die Griechen sich am Ende nur selbst helfen. Europa kann ein Land zwar zur Unterschrift zwingen, nicht aber zum Handeln. Griechenland muss die Wende wollen, die Unterstützung aus Europa beim Umbau von Institutionen und auch den Verkauf öffentlicher Unternehmen im großen Stil – sonst scheitert das neue Programm so wie die alten. Dann bliebe, da hat Schäuble recht, nur der Ausstieg aus dem Euro. Sooft es gesagt wurde, jetzt könnte es zutreffen: Dieses ist das letzte Programm.

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