In einer besseren Welt wären am Samstag 350.000 Menschen in Hamburg auf die Straße gegangen, um für Frieden in Syrien zu demonstrieren. Oder um die Kriegsflüchtlinge zu begrüßen, die täglich zu Hunderten die Stadt erreichen. Seufz, so hätte man das Volk gern! Stattdessen wälzten sich am Samstag 350.000 Menschen über die Reeperbahn, um Griechischer Wein und Ein bisschen Frieden zu johlen, aber nicht aus Solidarität mit syrischen Flüchtlingen.

Schlagermove heißt die Veranstaltung. Sie findet seit 1997 in Hamburg statt. Jedes Jahr ist man wieder guter Hoffnung, dass es sich um ein auslaufendes Postironie-Phänomen der späten neunziger Jahre handelt. Dass die armen Menschen endlich eingesehen haben, dass das keinen Spaß macht, und diesmal zu Hause bleiben. Stattdessen werden es immer mehr. Sie kommen nicht mehr nur aus Pinneberg und aus Schenefeld. Sie reisen aus Sachsen-Anhalt und Schwaben an. Von überallher. Es muss etwas mit der Helene-Fischerisierung der Gesellschaft zu tun haben.

Aber: Warum ausgerechnet Hamburg? Warum bloß in dieser distinguierten Stadt? Genau deshalb! Der Schlagermove ist die Rache der Provinz an der Großstadt. Menschen ziehen hierher, um dem Muff der Schützen- und Dorffeste, den Großdiskotheken, der Bierbank-Schunkeligkeit, der schlechten Musik, dem schlechten Atem und dem ewigen Wolle-Petry-Andrea-Berg-Gegröle zu entkommen. Die Provinz aber ist nachtragend. Sie rächt sich für diese Hochnäsigkeit, indem sie unsere Straßen mit Bierbikes, Junggesellinnenabschieden und anderen Plagen überzieht. Und einmal im Jahr eben feiert die Provinz in der arrogantesten deutschen Metropole ein großes Rachefest. Die Feingeister, die glauben, das hier sei ihre Stadt, sollten es mit Demut ertragen.