Und schon liegt, nach Endlich Kokain, der Kunstbetriebsfarce aus dem letzten Jahr, der neue Lottmann auf dem Tisch. Happy End handelt von dem Schriftsteller Johannes Lohmer, der, wie 2010 Lottmann himself, den Wolfgang-Koeppen-Preis erhält und nun einen würdigen Nachfolger suchen muss. Die Suche beutelt ihn arg, weil er so ungern liest und das, was er liest, meist für Mist hält. Am liebsten würde er sich den Preis selbst noch einmal geben. Gequält verleiht er ihn schließlich an Sara-Rebecka Werkmüller, deren Buch seiner Frau gut gefiel. Gemessen am Inhalt also ziemlich mau. Zumal im Vergleich zum vorigen Buch. Was war da noch los. Koks-Diät! Kunstfälschung! E-Bikes! Aber klar, bloß meinungsmüde den Inhalt herunterzuleiern ist selbst ziemlich mau. Zum Glück bietet Happy End mehr. Nicht bloß an knallkomischen Kasperklatschen für echtes und ausgedachtes Kulturpersonal, sondern vor allem zur Frage, wie sich durch Veralberung des Erzählens besonders gut erzählen lässt.

Immer wieder stänkert Lohmer dabei gegen das Ausdenken von Geschichten: "Meiner bescheidenen Literaturauffassung zufolge war ja das Leben eines jeden Menschen ein äußerst intensiver, todernster Kampf und somit objektiv spannender als jede blöde, weil ausgedachte Story (...)." Mit anderen Worten: "Notwendig ist das einfache wahre Abschreiben der Welt", wie der diesjährige Büchner-Preisträger Rainald Goetz in seinem berühmten Stirnschnitttext Subito behauptete. Natürlich kann man jetzt sagen, dass der Kampf gegen das Ausgedachte vor allem darüber hinwegzutäuschen versucht, dass das Abgeschriebene seinerseits Fiktion ist. Autoren- und Autonamen lassen sich abschreiben, aber nicht die ganze Gegenwart, jedes Schreiben erzeugt seine eigene Welt. Aber weil Lottmann gerade mit dieser Erwartung spielt, ist Happy End, anders als die wehleidige Buchpreis-Geschichte Nachkommen von Marlene Streeruwitz aus dem letzten Jahr, ein herrlich behämmerter und bös-witziger Spaziergang auf der Borderline der Literatur und des Literaturbetriebs.

Immer wieder verfällt Johannes Lohmer dabei in einen pseudomündlichen Parlandoton und fingiert so die schwere Geburt des Romans als leichte Plauderei: "Soll ich noch mal von Italien erzählen? Nein? Noch mal aus der Leidensschwärze von Sara-Rebecka Werkmüller vorlesen, äh, aus der Lebensschwärze?" Allerdings leidet er daran, dass es ihm zu gut geht. Das Schreiben kommt ihm deshalb affig vor, es fehlt der "Schmerz-Nachschub", das Glück mit seiner lieben Frau macht ihn schreibtechnisch so unglücklich, dass er immer neue Anekdoten und weiteres Bashing-Personal zusammenklaubt, um "dieses wahnsinnig langweilige Endlosmanuskript" zu stopfen. Während der Roman so gegen Ende immer weiter zerfasert und zerfaselt, zeigt sich seine eigentliche Kunst, nämlich so witzig und luftig vom Erzählen zu erzählen, dass man merkt, wie überbewertet Plots und Geschichten im Grunde sind und wie süchtig dieses stofflose Erzählen macht.