Am Dienstag ist in Amerika Go Set a Watchman erschienen, das neue Buch von Harper Lee. Eine Sensation, schon deshalb, weil die Autorin offiziell bislang nur einen einzigen Roman geschrieben hat, Wer die Nachtigall stört, erschienen 1960. Lee bekam dafür den Pulitzer-Preis, und Gregory Peck, der die Hauptfigur in der Verfilmung spielte, den Oscar. Rund dreißig Millionen Mal hat sich die Nachtigall bis heute verkauft.

Oprah Winfrey, die in Amerika neben ihren Rollen als Medienstar und höheres Selbst der urbanen Mittelschicht auch als Ikone afroamerikanischer Emanzipation fungiert, nannte die Nachtigall "unseren Nationalroman". Es ist die Geschichte der kleinen Scout und ihres Bruders Jem, die im Alabama der dreißiger Jahre aufwachsen und verfolgen, wie ihr Vater Atticus vor Gericht einen Schwarzen verteidigt, der fälschlicherweise der Vergewaltigung einer Weißen bezichtigt wird. Jenseits seiner literarischen Qualitäten hat der Roman einen gesellschaftspolitischen Wert, der europäischen Rezipienten nur bedingt vermittelbar ist. Für hiesige Nachtigall- Leser ist die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, deren Anliegen der Roman avant la lettre formuliert, ein historisches Faktum. Für amerikanische – gerade jetzt, in der ausklingenden Ära Obamas und vor dem Hintergrund der Gewalt von Ferguson und Charleston – ist er ein Gründungsdokument moderner und dabei uramerikanischer Humanität.

Nun erhält dieses Buch einen düsteren Zwilling: Go Set a Watchman (die deutsche Übersetzung erscheint am 17. Juli unter dem Buchhändlerquältitel Gehe hin, stelle einen Wächter), bereits 1957 fertiggestellt, ist die Vorstufe des Nachtigall- Romans. Die Hauptfiguren sind dieselben, aber Erzählhaltung, Zeitstufen, ja die ganze Dramaturgie sind umgekrempelt: Scout ist nun eine frustrierte junge Frau, die vor ihrem Vater Atticus nach New York geflohen ist, weil der als Rassist im Süden sein Unwesen treibt. Der für Freiheit und Gleichheit kämpfende Liberale aus Wer die Nachtigall stört war im Vorläuferbuch ein Fanatiker, der seine Tochter anherrscht: "Willst du, dass die Neger massenweise in unseren Schulen, Kirchen und Theatern sitzen?"

Michito Kakutani, die Chefkritikerin der New York Times, fragte halb entsetzt, halb fasziniert, wie aus der Story über eine junge Frau, die erkennen muss, dass ihr Vater ein Fanatiker ist, ein klassischer Entwicklungsroman über zwei Kinder werden konnte, die ihren Vater zu Recht für seine tiefe Menschlichkeit verehren. Literarhistorisch und produktionsästhetisch ist die Veröffentlichung des Wächters ein Glücksfall, man kann die Entstehungsgeschichte eines Jahrhundertwerks in konzentrierter Form studieren. Ob das Leserinteresse darüber hinaus stimulierbar ist durch einen Roman, von dessen Gestalt schon seine Lektorin, die legendäre Tay Hohoff, sagte, er sei "mehr eine Reihe von Anekdoten als eine voll ausgebildete Geschichte" gewesen, muss sich zeigen.

Den Nimbus der Harper Lee wird das Buch vergrößern: Die Autorin lebt, 89-jährig, nach einem Schlaganfall in einem Heim in Monroeville, Alabama. Interviews gibt sie seit 1964 keine mehr. Dafür spricht nun umso lauter ihr Werk.