"Die Leute lassen sich lieber unterhalten" – Seite 1

Berlin, Unter den Linden, hier residiert das ZDF. Die Deutschen schauen viel fern, aber nicht so gern Nachrichten, hat eine Studie ergeben. Rund drei Viertel sagen, dass sie schockierende Bilder nicht mehr aushalten. Viele glauben, die Welt sei heute schlimmer als früher. Zeit für ein Gespräch mit Elmar Theveßen, dem Nachrichtenchef des ZDF.

DIE ZEIT: Herr Theveßen, was machen Sie falsch? Viele Deutsche empfinden Themen, Töne und Bilder in den Nachrichten zunehmend als schockierend.

Elmar Theveßen: Unsere Aufgabe ist es, die Wirklichkeit abzubilden. Also müssen wir uns überlegen, welche Bilder wir zeigen. Artikel 1, Grundgesetz, lautet: Die Würde des Menschen ist unantastbar, das ist schon mal das Allerwichtigste. Und im Rundfunkstaatsvertrag steht: Menschen, die seelisch oder körperlich leiden, dürfen nicht einfach so gezeigt werden. Auch das ist wichtig. Grundsätzlich können wir nur im Einzelfall entscheiden, es gibt keine einheitliche Vorgehensweise. Wir entscheiden uns aber eher für die Würde des Menschen anstatt für die einfache Weitervermittlung von brutalen Bildern.

ZEIT: Welche Bilder dürfen Sie nicht zeigen?

Theveßen: Geiselvideos, zum Beispiel. Seit ein paar Jahren zeigen wir nur Standbilder, weil wir es historisch dokumentieren müssen, meist sind sie auch verpixelt. Bevor wir andere Brutalitäten senden, diskutieren wir intensiv: Was wollen und können wir zeigen, was nicht? Beispielsweise als Gaddafi getötet wurde oder Saddam Hussein. Aber es muss auch immer Ausnahmen geben.

ZEIT: Können Sie ein Beispiel nennen?

Theveßen: Im vergangenen Jahr, als der amerikanische Journalist James Foley enthauptet wurde, haben wir uns entschieden, ein Standbild zu zeigen, allerdings unverpixelt. Man sah also sein Gesicht. Wir fanden, dass sein Blick etwas sehr Würdevolles hat, etwas sehr Starkes – im Angesicht des Todes. Das klingt jetzt sehr salbungsvoll, aber das sind die Diskussionen, die wir führen.

ZEIT: Wäre es besser, solche Bilder nicht zu zeigen?

Theveßen: Je mehr wir Rücksicht nehmen auf ethische Rahmenbedingungen, desto mehr Menschen gibt es vielleicht da draußen, die sagen: Guck mal, ZDF und ARD zensieren die Wirklichkeit, die ist nämlich viel schlimmer. Zugleich wollen wir nicht alles zeigen, was das Internet zeigt. Das müssen wir den Zuschauern erklären.

ZEIT: Meinen Sie, dass die Bilder schlimmer geworden sind oder die Menschen sensibler?

Theveßen: Heutzutage gibt es nicht mehr Krieg oder mehr Grausamkeit als früher – aber die Bilder sind verfügbar. Jeder kann filmen, wenn etwas Schlimmes passiert.

ZEIT: Und Ihnen diese Videos dann anbieten ...

Theveßen: Manche versuchen, mit diesen Bildern Geld zu machen. Allmählich entsteht da eine ganze Industrie. Wir haben das beim Amoklauf von Winnenden gemerkt, da gab es Bauarbeiter, die die Selbsttötung von Tim K. gefilmt haben, vom Baugerüst gegenüber, mit dem Handy. Die haben das dann exklusiv den Medien angeboten. Dann kommt es drauf an, ob manche Medien das kaufen.

ZEIT: Der niederländische Fernsehsender NOS hat genau das getan.

Theveßen: Ja, ein öffentlich-rechtlicher Sender wohlgemerkt. Gezeigt wurde das Video nicht im Fernsehen, sondern im Netz, mit dem Klick konnte man entscheiden, ob man das anschauen will oder nicht. Die Verfügbarkeit dieser grausamen Bilder führt dazu, dass die Menschen sie nicht mehr aushalten.

ZEIT: Allgemein hat man das Gefühl, dass die Menschen lieber vor der Welt fliehen, als sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Theveßen: Man kann klar sagen, dass es diesen Eskapismus gibt, die Mehrheit der Menschen flieht vor komplexen Dingen. Das kann man auch im Alltagsgeschäft sehen, da fahren sie Slalom, um die Nachrichten herum. Die gucken erst den Krimi bei uns, dann den in der ARD. Rechtzeitig schalten sie um, dass sie bloß nicht die Nachrichten schauen müssen.

"Bilder lösen eine viel stärkere Emotion aus"

ZEIT: Warum hält man es dann aus, Horror- oder Kriegsfilme zu schauen, nicht aber die Abendnachrichten?

Theveßen: Das ist dieses Es-hat-nichts-mit-mir-zu-tun-Syndrom. Bei etwas Fiktionalem hat man immer das Gefühl: Das findet so hier nicht statt. Dabei ist die Wirklichkeit zu großen Teilen so, wie sie in Krimis dargestellt wird, wie etwa in der amerikanischen Serie The Following. Oder was wir bei Ferdinand von Schirach zeigen, die Schuld-Geschichten. Aber da trifft der Zuschauer offenbar eine Unterscheidung, das ist eben Fiktion. Wenn aber in Paris eine Bombe explodiert oder in Deutschland jemand verhaftet wird, dann sind die Ängste unmittelbar da.

ZEIT: Ob ich manche Bilder aushalte, hat also nicht unbedingt damit zu tun, wie brutal sie sind, sondern mehr damit, in welchem Rahmen ich sie mir ansehe?

Theveßen: Das ist ein Faktor, ja. Und das andere ist die Komplexität. Man begreift die Konflikte nicht mehr. Man hat das Gefühl, dass es nicht mehr so einfach ist, wie es manchmal aussieht: Die einen sind gut, die anderen böse. Im vergangenen Jahr waren IS und Kurden plötzlich ein riesiges Thema – nur weil Kobane in Sichtweite der Kameras liegt. In diesem Moment wird der Kampf Gut gegen Böse plastisch. Aber was da sonst so passiert in Syrien und im Irak, das ist wie ausgeblendet. Auch was das Assad-Regime die ganze Zeit treibt: Wenn es keine Bilder gibt, findet es quasi nicht statt.

ZEIT: Aber Sie könnten doch trotzdem darüber berichten.

Theveßen: Das stimmt. Da müssten wir, das Öffentlich-Rechtliche, viel mehr machen. Wie können wir diese Zusammenhänge besser darstellen, damit nicht nur das einzelne Nachrichtenstück über den Sender geht, sondern dass damit die Zuschauer auch verstehen können, wie es dazu kommen konnte und was die unterschiedlichen Akteure antreibt. Das schaffen Sie aber nicht in einer Minute und 30 Sekunden. Da brauchen Sie dann Dokus oder Magazine.

ZEIT: ... die Sie produzieren könnten.

Theveßen: Aber da kommt das Problem: Wollen die Leute sich in eine Sache vertiefen? Wollen die das sehen? Denn wenn so etwas 20.15 Uhr läuft, haben wir meistens eine grottenschlechte Einschaltquote. So genau wollen es viele dann wohl auch nicht wissen.

ZEIT: Es gehört zu Ihrem Auftrag, Dokumentationen und Hintergründe zu zeigen.

Theveßen: Deswegen machen wir es ja noch. Aber die Leute lassen sich lieber woanders unterhalten.

ZEIT: Nachrichten sind halt meist schlechte Nachrichten. Muss das so sein?

Theveßen: Es gibt eine Bewegung, Constructive News heißt sie, die das Gegenteil versucht. Sich also zu überlegen, bei all den schlimmen Dingen, die in der Welt geschehen: Gibt es auch etwas Konstruktives darin, das man zeigen kann? Etwas Positives? Kann man Problem nicht nur beschreiben, sondern auch einen Lösungsweg aufzeigen? Im skandinavischen Fernsehen ist das schon ziemlich verbreitet, wir zeigen samstags um 19 Uhr in der heute-Sendung ein Positiv-Stück. Ich glaube, es wäre gut, davon noch mehr zu senden.

ZEIT: Heißt Positiv-Stück, dass das Thema positiv ist oder dass Sie einen Lösungsweg aufzeigen?

Theveßen: Das ist eine Gratwanderung. Wir können kein Sendungsbewusstsein in dem Sinn haben: Hey, wir haben die Lösung für die Probleme dieser Welt parat, für die grausamen Zustände in Syrien oder so. Aber wir können zum Beispiel Einzelpersonen zeigen, die mit ihrem Engagement einen Unterschied machen. Nehmen Sie zum Beispiel die Flüchtlingsproblematik. Wir können Leute zeigen, die sich dafür einsetzen, dass die Flüchtlinge aus den Sammelunterkünften rauskommen. Solche Dinge kann man tun, aber man muss vorsichtig sein, dass man nicht zum Missionar wird.

ZEIT: Es gibt auch immer wieder den umgekehrten Fall. Dann sind Panzer- und Soldatenbilder zu sehen, wie während des Afghanistankrieges, allerdings sprachen die Reporter lange von Einsatz oder gar Friedensmission. Vertraut der Zuschauer mehr dem, was er sieht oder hört?

Theveßen: Bilder lösen eine viel stärkere Emotion aus. Umso wichtiger ist es, hinzugehen und nachzugucken. Viele Zuschauer finden toll, was Vice da gerade macht, die sind mittendrin.

ZEIT: Sie sprechen von dem Video, das Vice-Reporter Medyan Dairieh über den IS gedreht hat.

Theveßen: Ja. Aber die Authentizität des Mittendrinseins ersetzt noch nicht die journalistische Recherche. Authentizität alleine kann mir nicht helfen, eine Krise zu verstehen. Bei Afghanistan hat es sehr lange gedauert, bis wir ausgesprochen haben, was es war, nämlich ein Krieg – und das, obwohl unsere Reporter vor Ort waren.

"Die heftige Reaktion hat mich überrascht"

ZEIT: Wenn ich bei YouTube "IS" und "Krieg" eingebe, bekomme ich unzählige Videos angezeigt, viele mit brutalen Bildern. Welche Rolle spielen solche Onlineplattformen?

Theveßen: Wenn es um Brutalität geht, können sie einen abstumpfen. Aber das können wir als Medien nicht entscheiden. Die Werte, die Rahmenbedingungen einer Gesellschaft ändern sich stetig. Ein Kollege von Al-Dschasira sagte mal zu mir: "Ihr da im Westen, bei euch ist Tod und Brutalität im Fernsehen meistens nicht zu sehen, und wenn, dann sitzt ihr davor und gruselt euch. Für uns ist diese Brutalität Teil des täglichen Lebens, des existenziellen Kampfes. Deswegen zeigen wir die Getöteten unverpixelt, weil es zum Leben dazugehört." Das mag eine andere kulturelle Herangehensweise sein, aber wer sagt, dass es hier in 20 Jahren nicht vielleicht auch so sein kann? Dass die Würde des Menschen nicht mehr so wichtig ist wie das Recht auf Information?

ZEIT: Sie haben gesagt, dass die Redaktion immer diskutiert, welche Bilder man zeigen kann und welche nicht. Können Sie den Prozess beschreiben?

Theveßen: Es gibt mittlerweile ganz gute Sensoren, glaube ich, welche Fälle problematisch sind. Was wir zeigen und was nicht. Als der amerikanische Radiotechniker Nicholas Berg im Irak enthauptet wurde, zeigten wir in den Hauptnachrichten nicht die Enthauptung, aber die Schreie von ihm spielten wir unter den Bildern davor ab. Das hat viele mitgenommen, auch im Sender. Viele Kollegen fragten: Was soll das denn?! Und machen wir uns damit nicht zum Werkzeug? Wir sprechen vorher immer in der Redaktion darüber und holen uns gegebenenfalls Rat vom Justiziariat – dann entscheiden wir. Das ist immer ein Ringen um die Frage, wie weit wir gehen wollen und können. Auch bei der Giftgasattacke in Damaskus im August vorletzten Jahres haben wir heftig diskutiert, wie viel wir davon zeigen, um am Ende die Wirklichkeit nicht zu zensieren.

ZEIT: Was würden Sie denn heute nicht mehr zeigen?

Theveßen: Zum Beispiel das Video aus Beslan 2004, aus der Turnhalle, das die Terroristen gedreht hatten. Das haben wir gezeigt, würden heute aber anders entscheiden. Auch als im Bosnienkrieg vor laufender Kamera ein UN-Soldat erschossen wurde. Das man aus der Ferne zeigt, wie jemand erschossen wird, das ist in Ordnung. Dass man aber an ihn rangeht, ihm in die brechenden Augen filmt, während er stirbt, das geht nicht.

ZEIT: Im Februar zeigte Fox News ein Video, in dem ein jordanischer Pilot vom IS verbrannt wird. Was halten Sie davon?

Theveßen: Als Journalist bin ich dazu verpflichtet, mir das Material anzuschauen, das wir bekommen, aber zeigen würde ich das nicht. Das Video hat keinen Mehrwert, Sie verletzen einfach nur die Würde des Piloten und die seiner Familie.

ZEIT: Haben Ihre Sensoren bei dem Absturz der Germanwings-Maschine funktioniert? Auf Twitter wurde die Redaktion des heute-journals hart angegangen, Bilder von trauernden Menschen könne man nicht so zeigen.

Theveßen: Die heftige Reaktion hat mich überrascht. Keiner hat sich vorher daran gestört, wenn bei Katastrophen im Ausland Opfer und Angehörige gezeigt wurden. Wobei ich ganz klar sagen muss: Bei uns liefen diese Bilder nicht. Obwohl auch wir da schon Fehler gemacht haben.

ZEIT: Welche denn?

Theveßen: MH370, das verschollene Flugzeug. Da waren die Angehörigen in einem Hotel in einem Saal untergebracht, wenn sie rein- oder rauswollten, mussten sie an den ganzen Kamerateams vorbei. Das war Spießrutenlauf pur. Ich halte das für verabscheuungswürdig, es überhaupt so zu organisieren. Und es dann noch zu zeigen. Wir haben auch ein paar Bilder gezeigt, anschließend aber darüber gesprochen und beschlossen, dass das so nicht geht.

ZEIT: Ärgern Sie sich manchmal, wenn die Konkurrenz bestimmte Bilder hat und Sie nicht?

Theveßen: Man zweifelt immer, und es gibt immer unterschiedliche Ansichten dazu. Das einzige Kriterium, das keine Rolle spielen darf, ist der Wettbewerb. Das versuchen wir unseren Mitarbeitern zu vermitteln. Nicht immer sind alle damit einverstanden, aber wir versuchen uns daran zu halten.