ZEIT: Warum hält man es dann aus, Horror- oder Kriegsfilme zu schauen, nicht aber die Abendnachrichten?

Theveßen: Das ist dieses Es-hat-nichts-mit-mir-zu-tun-Syndrom. Bei etwas Fiktionalem hat man immer das Gefühl: Das findet so hier nicht statt. Dabei ist die Wirklichkeit zu großen Teilen so, wie sie in Krimis dargestellt wird, wie etwa in der amerikanischen Serie The Following. Oder was wir bei Ferdinand von Schirach zeigen, die Schuld-Geschichten. Aber da trifft der Zuschauer offenbar eine Unterscheidung, das ist eben Fiktion. Wenn aber in Paris eine Bombe explodiert oder in Deutschland jemand verhaftet wird, dann sind die Ängste unmittelbar da.

ZEIT: Ob ich manche Bilder aushalte, hat also nicht unbedingt damit zu tun, wie brutal sie sind, sondern mehr damit, in welchem Rahmen ich sie mir ansehe?

Theveßen: Das ist ein Faktor, ja. Und das andere ist die Komplexität. Man begreift die Konflikte nicht mehr. Man hat das Gefühl, dass es nicht mehr so einfach ist, wie es manchmal aussieht: Die einen sind gut, die anderen böse. Im vergangenen Jahr waren IS und Kurden plötzlich ein riesiges Thema – nur weil Kobane in Sichtweite der Kameras liegt. In diesem Moment wird der Kampf Gut gegen Böse plastisch. Aber was da sonst so passiert in Syrien und im Irak, das ist wie ausgeblendet. Auch was das Assad-Regime die ganze Zeit treibt: Wenn es keine Bilder gibt, findet es quasi nicht statt.

ZEIT: Aber Sie könnten doch trotzdem darüber berichten.

Theveßen: Das stimmt. Da müssten wir, das Öffentlich-Rechtliche, viel mehr machen. Wie können wir diese Zusammenhänge besser darstellen, damit nicht nur das einzelne Nachrichtenstück über den Sender geht, sondern dass damit die Zuschauer auch verstehen können, wie es dazu kommen konnte und was die unterschiedlichen Akteure antreibt. Das schaffen Sie aber nicht in einer Minute und 30 Sekunden. Da brauchen Sie dann Dokus oder Magazine.

ZEIT: ... die Sie produzieren könnten.

Theveßen: Aber da kommt das Problem: Wollen die Leute sich in eine Sache vertiefen? Wollen die das sehen? Denn wenn so etwas 20.15 Uhr läuft, haben wir meistens eine grottenschlechte Einschaltquote. So genau wollen es viele dann wohl auch nicht wissen.

ZEIT: Es gehört zu Ihrem Auftrag, Dokumentationen und Hintergründe zu zeigen.

Theveßen: Deswegen machen wir es ja noch. Aber die Leute lassen sich lieber woanders unterhalten.

ZEIT: Nachrichten sind halt meist schlechte Nachrichten. Muss das so sein?

Theveßen: Es gibt eine Bewegung, Constructive News heißt sie, die das Gegenteil versucht. Sich also zu überlegen, bei all den schlimmen Dingen, die in der Welt geschehen: Gibt es auch etwas Konstruktives darin, das man zeigen kann? Etwas Positives? Kann man Problem nicht nur beschreiben, sondern auch einen Lösungsweg aufzeigen? Im skandinavischen Fernsehen ist das schon ziemlich verbreitet, wir zeigen samstags um 19 Uhr in der heute-Sendung ein Positiv-Stück. Ich glaube, es wäre gut, davon noch mehr zu senden.

ZEIT: Heißt Positiv-Stück, dass das Thema positiv ist oder dass Sie einen Lösungsweg aufzeigen?

Theveßen: Das ist eine Gratwanderung. Wir können kein Sendungsbewusstsein in dem Sinn haben: Hey, wir haben die Lösung für die Probleme dieser Welt parat, für die grausamen Zustände in Syrien oder so. Aber wir können zum Beispiel Einzelpersonen zeigen, die mit ihrem Engagement einen Unterschied machen. Nehmen Sie zum Beispiel die Flüchtlingsproblematik. Wir können Leute zeigen, die sich dafür einsetzen, dass die Flüchtlinge aus den Sammelunterkünften rauskommen. Solche Dinge kann man tun, aber man muss vorsichtig sein, dass man nicht zum Missionar wird.

ZEIT: Es gibt auch immer wieder den umgekehrten Fall. Dann sind Panzer- und Soldatenbilder zu sehen, wie während des Afghanistankrieges, allerdings sprachen die Reporter lange von Einsatz oder gar Friedensmission. Vertraut der Zuschauer mehr dem, was er sieht oder hört?

Theveßen: Bilder lösen eine viel stärkere Emotion aus. Umso wichtiger ist es, hinzugehen und nachzugucken. Viele Zuschauer finden toll, was Vice da gerade macht, die sind mittendrin.

ZEIT: Sie sprechen von dem Video, das Vice-Reporter Medyan Dairieh über den IS gedreht hat.

Theveßen: Ja. Aber die Authentizität des Mittendrinseins ersetzt noch nicht die journalistische Recherche. Authentizität alleine kann mir nicht helfen, eine Krise zu verstehen. Bei Afghanistan hat es sehr lange gedauert, bis wir ausgesprochen haben, was es war, nämlich ein Krieg – und das, obwohl unsere Reporter vor Ort waren.