Es gibt keinen Inklusionsschüler in der 8.3, der die Lehrer in den letzten vier Jahren nicht überrascht hätte. Tuna spielt Kontrabass. Max will Elektriker werden und kämpft um jede gute Note. Murat hat in einem Getränkemarkt einen Tag Praktikum gemacht – ganz allein, ohne Schulbegleiterin. Alex traut sich zu, im Herbst drei Wochen in der Küche eines Pizzalieferanten mitzuarbeiten.

Und trotzdem haben sich die Lehrer von etlichen Hoffnungen verabschiedet. "In Mathe bin ich auf dem Boden der Tatsachen gelandet", sagt Vanessa Fernandez. Alex sei im A-Kurs angekommen, auf dem niedrigsten Niveau, auch Tuna löst diese Aufgaben. Letztes Jahr haben beide noch darum gerungen, Aufgaben aus dem Grundkurs rechnen zu dürfen.

Im nächsten Schuljahr wird die Klasse in Mathe und Englisch in zwei Leistungsgruppen unterrichtet. Äußere Differenzierung nennen das die Lehrer. Im E-Kurs sitzen dann die Guten, im G-Kurs die Leistungsschwächeren und die Inklusionskinder. Frank Dopp hat sich lange gegen diese Trennung der Schüler gewehrt. Noch im vergangenen Sommer sagte er, es sei das falsche Signal und klinge wie: Ihr gehört jetzt doch nicht mehr dazu. Heute sieht er keinen anderen Ausweg mehr. In Englisch gehe die Schere zu weit auseinander. Von gemeinsamem Unterricht könne da keine Rede mehr sein. "Wenn alle zusammen bleiben, verliere ich entweder die Leistungsstarken oder die Schwachen." Als er sich das eingestehen musste, sei ihm "ganz mulmig geworden", sagt Dopp. Schon jetzt nimmt Siebo Donker so oft wie möglich die Inklusionsschüler und ein, zwei andere aus dem Unterricht und arbeitet mit ihnen separat in einem Nebenzimmer. "Die fangen noch mal bei null an", sagt Dopp. "He is ... she is ... solche Dinge."

Die ersten Illusionen sind geplatzt. Auch bei den Schülern. Könnte er noch mal entscheiden, er würde nicht wieder in die Inklusionsklasse gehen, sagt Kornelius, ein großer schlaksiger Junge. "Es nervt mich, dass wir in vielen Fächern so weit zurück sind." Gerade jetzt, da es darauf ankommt, sich auf die Abschlussprüfungen in der zehnten Klasse vorzubereiten, sich beruflich zu entscheiden. Kornelius will später im Hotel arbeiten. Dafür braucht er ein gutes Zeugnis. "Warum kann man die Inklusionsschüler nicht wieder von uns trennen?", fragt er. Jedes Niveau habe sein eigenes Lehrbuch. Gemeinsames Lernen sei das sowieso nicht, sagt Kornelius, und dass seine Eltern derselben Meinung seien.

Ähnliche Erfahrungen macht auch Max. Der rotblonde Junge sagt: "Hilfe suche ich mir vor allem bei den anderen Inklusionsschülern, die sind nicht so sehr mit sich selbst beschäftigt." Max will in allen Fächern den Grundkurs schaffen. Bloß nicht abrutschen auf das unterste A-Niveau. Vier Jahre hat der Junge in einem Heim gelebt, getrennt von seiner Mutter. Jetzt wohnt er wieder bei ihr, zusammen mit zwei Brüdern in einer kleinen Wohnung unweit der Schule. Seine Mutter sagt, ihr Sohn habe an der GSO riesige Fortschritte gemacht. Sie ist sich sicher: Max schafft eine Ausbildung. "Vielleicht macht er sogar noch seinen Meister, das ist doch alles noch drin!"

Wie gut die beruflichen Perspektiven der Schüler wirklich sind – das fragen sich auch die Lehrer der 8.3. Siebo Donker organisiert regelmäßige Praxistage in Handwerksbetrieben. Immerhin finden sich Firmen, die bereit sind, Kinder mit Handicap aufzunehmen. Doch ob sie Max, Murat, Tuna, Elena oder Alex auch einen Ausbildungsplatz geben würden? Und wer unterstützt die Jugendlichen auf ihrem Weg dahin? Die meisten Schüler bleiben angewiesen auf die Hilfe der Lehrer. Denn ihre Geschichten erzählen nicht nur von Lernschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten oder Behinderungen. Sie handeln oft von kaputten Elternhäusern und Vernachlässigung. Das alles können die Lehrer der 8.3 nicht ignorieren. "Es ist schon verrückt, wie viel Kraft, Emotionalität, Schweiß und Tränen wir in diese ersten Jahre gesteckt haben", sagt Astrid Möllmann, die als Sozialpädagogin zum Lehrerteam gehört. Die Zahl der Zusatzstunden für Teamsitzungen, Elterngespräche, Hausbesuche, Rücksprachen mit Therapeuten und Erziehungshelfern sei eher noch größer geworden. "So intensiv ist das in keiner anderen Klasse."

Möllmann muss ihre Schüler nur ansehen und weiß, wie es ihnen geht. Sie kennt die Probleme zu Hause, erlebt, wie Freundschaften kaputtgehen, tröstet schluchzende Mädchen in ihrem ersten Liebeskummer. Sie schlichtet, streichelt, umarmt. Selbst einen wie Tuna, den Großen, Breitschultrigen, der aussieht, als sei es besser, ihm nicht zu nahe zu kommen. "Gerade der braucht das", sagt Möllmann.

Wegen Tuna treffen sich nach dem Unterricht neun Lehrer zur Klassenkonferenz. Seine Eltern sitzen am Tisch, daneben er selbst. Es geht um eine Bemerkung im Matheunterricht. "Die ist voll krank, yo", soll er über Vanessa Fernandez gesagt haben. Die Lehrerin hat ihn daraufhin des Klassenraums verwiesen, für mehr als eine Stunde. "Das war nicht die schlimmste Beleidigung", sagt sie später. "Aber es hatten sich verschiedene Dinge angehäuft." Nähe zu Schülern dürfe nicht zum Verhängnis werden.

In der Bremer 8.3 ist kein Inklusionswunder zu besichtigen. Hier zeigt sich, was passieren kann, wenn Wunsch auf Wirklichkeit trifft. Es gibt Mobbing, Enttäuschung, Verzweiflung, Überforderung. Bei Lehrern wie Schülern. Dass niemand aufgegeben hat, liegt auch daran, dass seit vier Jahren die gleichen Lehrer die Klasse betreuen. So viel Verlässlichkeit findet sich selten im deutschen Schulsystem.

Und was diese Lehrer mindestens so besonders wie ihre Klasse macht: Sie haben Lust, Zeit mit ihren Schülern zu verbringen, weit über den reinen Unterricht hinaus. Sie machen Theaterprojekte, Fahrradtouren, und bald fahren sie mit den Fußballern von Werder Bremen ins Trainingscamp nach Österreich. Als die Schüler in der fünften Stunde erfahren, dass sie die Sieger sind im Kreativwettbewerb des Bundesligavereins, schreien alle los, klatschen sich ab, fallen einander in die Arme. Murat wippt vor und zurück und ruft: "Ich freu mich so, ich freu mich so!" Alle werden mitfahren. Die Lauten und die Leisen, die schnellen Denker und die langsamen Lerner. Auch jene, die gerade fasten – es ist Ramadan. "Wir können das Fasten nachholen", sagen die Jugendlichen, als ihre Lehrer erklären, dass niemand mitfahren dürfe, der sich nicht ordentlich ernähre. Die Klasse ist geübt darin, schnelle Lösungen für Probleme zu finden. Als Frank Dopp ihnen vorschlug, in die Klasse noch zwei Flüchtlinge aufzunehmen, zögerte niemand: "Hier ist doch noch Platz für zwei Tische!", riefen seine Schüler. Nun kommen auch die beiden Flüchtlingsmädchen mit auf die Reise.

Die Schüler der 8.3 haben gelernt, keine Angst zu haben, nicht vor dem Besonderen und nicht vor dem Fremden. Und auch nicht vor sich selbst.

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