Es wird jetzt noch einmal viel über Zahlen gestritten werden. Sind 5.060 Zentrifugen zu viel? Oder gerade noch okay? Ist es in Ordnung, wenn der Iran 300 Kilogramm Uran behalten darf, das nur niedrig, das heißt nicht mehr als 3,67 Prozent angereichert werden darf? Oder ist das zu viel? Sind fünf Jahre Waffenembargo ausreichend? Sind zwölf Monate Ausbruchszeit bis zur Bombe Beschränkung genug? Oder steckt in diesen Zahlen, auf die man sich mit dem Iran geeinigt hat, bereits der "Fehler historischen Ausmaßes" – als den Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu den Wiener Deal der Weltmächte mit dem Iran umgehend bezeichnete?

Man muss den Streit um diese Details, so wichtig sie sein mögen, für einen Moment lang beiseiteschieben, um zu verstehen, worum es hier eigentlich geht: Das Abkommen von Wien ist eine der kühnsten Wetten der jüngeren Geschichte. Das Wagnis hat die Dimension von US-Präsident Nixons Versuch, Maos China diplomatisch einzubinden. Auch damals konnte man nicht wissen, ob das hermetisch abgeriegelte, antiwestliche Regime (das bereits über Atomwaffen verfügte) sich wirklich öffnen würde. Man darf sich auch an die deutsche Ostpolitik erinnert fühlen. Wie in diesen Fällen verbindet sich mit der Hoffnung auf Wandel das Risiko des Scheiterns. Und doch haftet dem Unterfangen von Wien ein Gefühl von Unvermeidlichkeit an.

Denn so konnte es nicht ewig weitergehen: Den Iran aus der Kälte zu holen ist die Aufgabe der kommenden Jahre. Anders wird der verheerende innermuslimische Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten nicht zu stoppen sein – und auch nicht der Vormarsch des IS.

Ob es dem Westen und seinen Verbündeten gefällt oder nicht: Der Iran ist heute das stabilste Land des Mittleren Ostens, und das eben nicht nur aufgrund von Repression. Der Iran ist in seiner Nachbarschaft die einzige Nation mit natürlichen, krummen Grenzen, die nicht von Kolonialmächten gezogen wurden. Der Iran hat eine Jahrtausende zurückreichende kulturelle und nationale Identität, die der religiöse Extremismus seiner heutigen Herrscher nie hat auslöschen können. Nirgendwo sind Kleriker übrigens so unbeliebt beim Volk wie im Iran. Das Land hat eine gut ausgebildete, kritische und dem Westen gegenüber sehr aufgeschlossene Jugend. Es verfügt über enorme natürliche Ressourcen. Sein politisches System ist zwar eine autoritäre Scheindemokratie, aber dennoch sehr viel offener und flexibler als etwa das saudische. Trotz enormer Unterdrückung halten sich eine lebendige Zivilgesellschaft und eine kritische Öffentlichkeit. Und auch den Frauen geht es im Iran, trotz Hidschab-Zwang, besser als in den reaktionären Stammesgesellschaften Arabiens.

Die Integration des Irans in das System der regionalen Mächte hängt nicht an diesem Abkommen allein. Sie ist eine Generationenaufgabe. Aber immerhin hat sie jetzt begonnen. Man muss noch einen Schritt zurücktreten, um den größeren Zusammenhang zu sehen: den Aufstieg der Nichtaraber im Mittleren Osten. Kurden, Perser, Juden und Türken haben die Zukunft der Region auf ihrer Seite, während die großen arabischen Nationen zwischen Revolte, Repression und religiösem Extremismus irrlichtern. Niemand, nicht einmal israelische Generäle, machen sich vor, dass man in dieser Lage den Iran auf ewig kleinhalten könnte.

Es geht jetzt nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie. Der Iran ist mit dem Wiener Abkommen de facto als nukleare Schwellenmacht anerkannt. Dass die Verhandlungen so ernsthaft geführt wurden, beruhte bereits auf der Einsicht, dass man das Wissen nicht mehr aus den Köpfen der Forscher bomben konnte.

Die Wette geht so: Indem man das Atomprogramm des Irans für zehn Jahre unter internationale Kontrolle stellt, soll die Welt Zeit gewinnen, die kaputteste Beziehung der Weltpolitik zu entgiften, die aggressiven Kräfte des Regimes einzuhegen und den Moderaten den Rücken zu stärken.

Wie aber soll das gehen nach all den "Tod Amerika"-Demos in Teheran, den "Achse des Bösen"-Verwünschungen aus Washington? Kaum ist der Durchbruch nach zwölf Jahren Iran-Verhandlungen gelungen, hat der Kampf um die Deutung begonnen. Eins ist jetzt schon deutlich: Diese Auseinandersetzung wird extrem laut, verwirrend und schmutzig.

Die Gegner des Deals in Israel, in Saudi-Arabien und im amerikanischen Kongress haben schon begonnen, den Triumph der Diplomaten zu zerpflücken. Sie werden jetzt vorrechnen, dass der weiterhin gestattete Anreicherungsgrad zu hoch sei, die Laufzeit der Einschränkungen zu kurz und der Mechanismus für die Wiedereinsetzung der Sanktionen zu langsam. Sehr bald wird man dann kaum noch sehen können, worum es hier eigentlich geht: um die Wiedereingliederung eines Paria-Staates in die Weltgemeinschaft, die Beendigung einer extrem toxischen Beziehung, die seit dreieinhalb Jahrzehnten die Weltpolitik lähmt.

Hinter all den Zahlen und Bestimmungen in der mehr als hundertseitigen Vereinbarung verbirgt sich in Wahrheit eine einzige Frage: Wird der Iran seine Außenpolitik verändern und vom Störer zum Stabilisator werden? Anders gesagt: Kann ein Land, das seine politische Daseinsberechtigung aus einer antiwestlichen, religiösen Widerstandsideologie zieht, vom Feind zum Partner mutieren?