Die Stadt, die sich selbst so gern als das München der neuen Länder sieht, hat womöglich bald die ICE-Anbindung eines oberbayerischen Dorfes: nämlich keine mehr. Man muss nur Wolfgang Meyer treffen, den Sprecher des Bündnisses "Fernverkehr für Jena", um zu erahnen, wie sehr das diese Stadt in Rage versetzt. Meyer, der früher in Jena ein Topmanager war, beschwört zunächst die Vergangenheit, bevor er über die Zukunft schimpft.

Vergangenheit, das sind die Nachwendejahre, in denen Jena wurde, was es ist – eine Erfolgsgeschichte des Ostens, eine Boomtown, über die alle Medien berichteten als positives Beispiel des Aufbaus Ost. "Wir haben hier ein ungewöhnliches Wachstum geschaffen", so sagt es Meyer.

Zukunft aber, das ist die Zeit, in der in Jena kein ICE mehr halten wird, in der Jena von einer erstklassig angebundenen Wissenschaftsstadt zu einem Ort wird, den man nur noch mit langsameren Zügen erreicht. Die Zeit, vor der er, Meyer, sich fürchtet.

Meyer, muss man wissen, war bis vor wenigen Jahren, bis zu seiner Verrentung, Geschäftsführer des Glas-Riesen Schott, somit Chef eines der größten Jenaer Betriebe. Er sorgte dafür, dass das Unternehmen nicht nur die Wendewirren überlebte. Sondern auch dafür, dass es florierte. Wie auch andere Unternehmen aufblühten, Jenoptik etwa, Nachfolgeunternehmen des zweiten großen Konzerns hier, Carl Zeiss. Wegen solcher Firmen steht die Stadt bis heute prächtig da: Es gibt viel Zuzug, einen Ansturm regelrecht. Wohnungen sind knapp. Arbeitslosigkeit kennt Jena quasi nicht. Hohe Steuereinnahmen dafür schon.

Und jetzt das.

Ende 2017 soll Jena vom Highspeed-Fernverkehr abgekoppelt werden; wird dann nicht mehr an die ICE-Linie von Hamburg über Berlin und Leipzig nach München angeschlossen sein – das ist beschlossene Sache. Und es ist nicht nur dem Wirken höherer, finsterer Mächte zu verdanken, dass der ICE bald nicht mehr hier hält. Nein: Es ist die Folge eines Wunsches, der aus Thüringen selbst stammt.

Es waren vor allem die ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten Bernhard Vogel und Dieter Althaus, die sich, über viele Jahre, für ein Projekt einsetzten, das Bürokraten mit drei Buchstaben und einer Zahl abkürzen. VDE-8, Langform: Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 8. Hinter diesem Plan, der bis ins Jahr 1991 zurückreicht, verbirgt sich die Idee, Thüringen eine Hochgeschwindigkeitsstrecke zu spendieren, mit Erfurt als zentralem Knotenpunkt. Ursprünglich war die Fertigstellung dafür schon für das Jahr 2006 angesetzt, doch sie verschob sich immer wieder. Stand heute wird VDE 8-1, jene Teilstrecke, die von Nürnberg nach Erfurt führt, Ende 2017 nun aber tatsächlich in Betrieb gehen. Der ICE-Bahnhof Jena-Paradies wird dann kein ICE-Bahnhof mehr sein, obwohl er erst vor zehn Jahren für 21 Millionen Euro ICE-tauglich ausgebaut worden ist.

Tatsächlich hat die Lösung, fast alle Züge über Erfurt fahren zu lassen, viele Vorzüge. Manche Fahrzeiten, etwa auf der Strecke Erfurt–München, halbieren sich. Unternehmen sollen sich in Erfurt rund um die geplante ICE-City, ein Millionen-Stadtumbau-Projekt, in Bahnhofsnähe ansiedeln. Es gibt viele Politiker, die der Meinung sind: Für Thüringen ist das gut. Es gibt nur, aller Voraussicht nach, eben genau einen Verlierer des Umbaus: Jena.

Als sich das Bündnis von Wolfgang Meyer – "Fernverkehr für Jena" – vor ein paar Jahren gründete, traten ihm deshalb sofort die meisten großen Unternehmen der Stadt bei. Jenoptik, der Software-Riese Intershop, Schott – aber auch Universität und Fachhochschule, sämtliche Fraktionen im Stadtrat und alle Bundestagsabgeordneten der Region. Er habe damals gewusst: "Man muss kämpfen", sagt Ralph Lenkert, der für die Linken im Bundestag sitzt.