Willkommen im Mikado-Wohlfühlhaus! Jürgen Hunke empfängt in seiner vierstöckigen Villa, einem weiß-schwarzen Prachtbau in Harvestehude. Im Eingangsbereich: eine Galerie aus Buddha-Skulpturen, auf dem Büchertisch strahlt Hunke von den Buchtiteln: "Du wirst 60 – und was dann?" und "Wohlfühlen – der Megatrend". Im Untergeschoss sinkt er, passend zur Inneneinrichtung in schwarz-weiß gekleidet, in die roten Polster seiner "Buddha-Lounge". Im Hintergrund dudelt leise asiatische Musik.

DIE ZEIT: Herr Hunke, Sie haben uns geschrieben, Sie seien das Gegenteil eines Mäzens wie Alexander Otto. Wie meinen Sie das?

Jürgen Hunke: Mäzene sind unterschiedlich: Es gibt den Geldgeber. Es gibt den, der nicht nur Geld gibt, sondern sich auch selbst einbringt. Und dann gibt es noch den, der auch Geld gibt, sich aber voll engagiert und ein Projekt zum Erfolg führt.

ZEIT: Und Sie sind Mäzen Nummer ...

Hunke: Drei! Ich gebe Geld, gehe aber voll ins Risiko, mache die Arbeit selber. Beispiel Kammerspiele: Dreimal Konkurs, die Stadt wusste nichts mit dem Haus anzufangen und hätte es am liebsten dichtgemacht. Ich habe übernommen, mit Erfolg.

ZEIT: Ihre größte Leistung?

Hunke: Ich bin stolz darauf, mir treu geblieben zu sein. Dass ich unabhängig bin – nicht nur finanziell, sondern vor allem mental. Ich bin seit 50 Jahren selbstständig. Mit 27 habe ich mein erstes Haus gebaut.

ZEIT: Zu diesem Zeitpunkt hatten Sie mit Ihrem Versicherungsunternehmen doch schon Millionen verdient.

Hunke: Ach, so viel war das gar nicht.

ZEIT: Es hieß, Sie hätten damals Versicherungsprodukte verkauft, die nicht notwendig waren.

Hunke: Bösartige Behauptung. Ich habe mit Erfolg konkurrierende Unternehmen angegriffen. Ich war damals jung und – das gebe ich zu – ziemlich selbstbewusst.

ZEIT: 1999 haben Sie Ihr Versicherungsunternehmen verkauft. Für wie viel Geld eigentlich?

Hunke: Darüber spreche ich nicht. Geld interessiert mich nicht besonders. Aber es war genug, dass ich nicht mehr arbeiten musste.

"Für manche bin ich anstrengend"

ZEIT: Da waren Sie Mitte 50.

Hunke: Ich hatte lange vorher geplant, im neuen Jahrtausend nur zu tun, was mir Spaß macht. Also habe ich mich am 16. Dezember 1999 von meinem Beruf verabschiedet, bin nach Koh Samui im Golf von Thailand geflogen und habe vier Monate lang aufs Meer geschaut.

ZEIT: Verdienen Sie heute noch Geld?

Hunke: Nicht im landläufigen Sinne. Ich habe immer bodenständig gespart und nach dem Motto gelebt: Nie mehr ausgeben, als ich besitze. Es ist schön, genug Geld zu haben. Geld hat unglaubliche Macht.

ZEIT: Würden Sie sich als mächtigen Menschen bezeichnen?

Hunke: Nein.

ZEIT: Einflussreich?

Hunke: Auch nicht. Da müsste ich hanseatisches Auftreten übernehmen. Schauen Sie, ich trage seit 25 Jahren rote Schuhe. Damals sagte mir jemand im Überseeclub: Das trägt man nicht. Seitdem nur noch rote Schuhe.

ZEIT: Sind Sie für die Hanseaten zu schrill?

Hunke: Schrill finde ich ein furchtbares Wort. Sie verwechseln schrill mit unkonventionell. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch. Für manche bin ich anstrengend, weil schwer einzuordnen.

ZEIT: Manche sagen, Sie seien ein Selbstdarsteller. Engagieren Sie sich auch, wenn Sie nicht im Mittelpunkt stehen können?

Hunke: Ich bin ein Verfechter des Ehrenamts, schon seit meiner Jugend habe immer mit angepackt.

ZEIT: Als in der Mitgliederversammlung des HSV 2014 über die Ausgliederung der Profispieler abgestimmt wurde, waren Sie dagegen.

Hunke: Ich denke immer noch, dass die falschen Leute hier falsch entschieden haben.

ZEIT: Was wäre denn Ihre Idee gewesen?

Hunke: Mein Konzept sah vor, dass wir eine AG werden, aber niemals ohne den Verein. Wir hätten das mithilfe der Mitglieder hinbekommen, ohne irgendwas zu verkaufen. Aber auf mich hört ja keiner.

ZEIT: Das klingt, als hielten Sie den Verein für undankbar.

Hunke: Der HSV hat mir zum Teil zu verdanken, dass es ihn überhaupt noch gibt. Ich habe damals Thomas Doll für 15 Millionen D-Mark an Lazio Rom verkauft. Immer wieder habe ich erfolgreich Verhandlungen für den Aufsichtsrat geführt, als es um den Stadionbau ging. Ich bin der, der am häufigsten in die Gremien gewählt wurde und insofern am längsten dabei ist.

ZEIT: Freut es Sie, dass die jetzige HSV-Führung dabei ist zu scheitern?

Hunke: Es gibt den alten Verein doch gar nicht mehr. Das ist jetzt eine AG. Überhaupt ist Fußball nur noch zum Teil Sport, eher Entertainment.

ZEIT: Klaus-Michael Kühne forderte öffentlich, dass HSV-Fans dem Verein Geld geben, damit es endlich besser wird. Machen Sie mit?

Hunke: Nein. Ich habe genug Kraft investiert. Ich bin ein visionärer Mensch. Ich wäre vielleicht ein noch viel reicherer Mann, wenn mir meine Ideen nicht immer wichtiger als Geld gewesen wären. Und meine Voraussagen, es tut mir sehr leid, das sagen zu müssen, treffen leider oft ein.

Ziehen Sie sich jetzt zurück?

ZEIT: Zum Beispiel?

Hunke: Mein größter Wunsch ist eine Volksabstimmung über zwei Dinge: ein neues bundesweites Schul- und Bildungssystem, das wieder führend in der Welt wäre. Und eine garantierte Mindestrente für alle deutschen Bürger ab 65 Jahren. Das wäre gesellschaftliche Barmherzigkeit nach meinem Geschmack.

ZEIT: Mit Ihren Ideen stoßen Sie oft auf Widerstand. In Timmendorf wollten Sie eine Kunsthalle bauen, mit Skulpturenpark.

Hunke: Das wäre ein Highlight gewesen!

ZEIT: Aber es hat nicht geklappt, die Pläne sind an einem angekündigten Bürgerbegehren gescheitert. Ziehen Sie sich jetzt zurück?

Hunke: Es gibt nichts Großes mehr zu tun: Der HSV ist ja nicht abgestiegen. Ich baue gerade noch an einem Haus am Mittelweg im Park der Harmonie. Das war zwar nicht der Wunsch der Planer. Aber ich habe jetzt die Genehmigung bekommen für die Umbauten. Ich kann also immer noch überzeugen.

ZEIT: Zwei Häuser weiter entsteht eine Flüchtlingsunterkunft an der Sophienterrasse. Haben Sie wie andere Sorge um den Wert Ihrer Immobilie?

Hunke: Überhaupt nicht. Ich verkaufe in meinem Leben nichts mehr. Es muss gerecht zugehen, die Flüchtlinge müssen hier genauso leben können wie alle anderen Menschen. Die Flüchtlingskinder müssen zur Schule gehen und sich für einen Euro ein Brötchen kaufen können.

ZEIT: Für den Preis aber ohne Belag.

Hunke: Kann sein.

ZEIT: Verliert man als Millionär manchmal den Blick fürs Bodenständige?

Hunke: Ich bin ein bodenständiger Westfale – überzeugter Lutheraner mit einem Schuss buddhistischer Philosophie.

ZEIT: Was ist heute das Wertvollste in Ihrem Leben?

Hunke: Ich genieße es, die Welt zu beobachten, über die gelben Rapsfelder um Timmendorf zu schauen, Zeitungen und Bücher zu lesen. Und ich schreibe gerade an einem neuen Buch. Provisorischer Titel: "Meine Siege und Niederlagen".

ZEIT: Und wie lautet die Lebensbilanz?

Hunke: Ich war selten krank, mir ging es meistens gut. Jetzt bin ich 72, habe vier Kinder und sechs Enkelkinder. Ich genieße das Älterwerden. Ich habe nur Angst vor Krankheiten. Am liebsten würde ich Wundermittel schlucken, damit ich noch 20 Jahre lebe. Meine jüngste Tochter ist sieben. Ihre Hochzeit möchte ich noch erleben.