Auf doppeltem Boden hat sich die Berliner Rap-Crew K.I.Z. bisher immer am wohlsten gefühlt. Ihre Nische war das vage Dazwischen, sie sind damit berühmt geworden, dass bei ihnen nie ganz klar war, wer jetzt was wie meint. In den nuller Jahren galten sie auf dem Elternabend der 10c als Paradebeispiel für die gefährlichen Gangsta- und Porno-Rapper, die unsere Kinder verrohen. Dabei war K.I.Z. Gangsta-Rap da schon längst zu langweilig geworden – der hatte ihnen zu viele Tabus. Also ließen sie in einem Video zwei Hip-Hop-Typen miteinander knutschen, zu einer Zeit, als Homophobie zum festen Bestandteil der Rap-Kultur gehörte. Dazu rappten sie die üblichen sexistischen und gewaltverherrlichenden Beleidigungen und Drohungen, aber so überdreht, dass sie die Grenze zwischen Rap und Satire überschritten: "Ich komm nicht mit vor die Tür, wir gehen gleich in den Wald." K.I.Z. hatten da etwas Neues erfunden. Weder straighte Gangsta- noch überschlaue Studenten-Rapper, inszenierten sie sich lieber als Psychopathen: brandgefährlich, aber ohne Ehrkultur, einfach nur durchgedreht. Dafür aber gesegnet mit einem Humor, den man sonst höchstens noch in der Titanic findet.

Jetzt haben K.I.Z. ihr fünftes Studioalbum veröffentlicht, es heißt Hurra die Welt geht unter – und plötzlich soll Schluss sein mit dem ewigen Dazwischen, keine Ironie mehr, sondern klare politische Botschaften. "Ihr Partypatrioten seid nur weniger konsequent als diese Hakenkreuz-Idioten", heißt es im Vorab-Song und Jetzt-schon-Hit Boom Boom Boom. "Die gehn halt noch selber ein paar Ausländer töten / Anstatt jemand zu bezahlen, um sie vom Schlauchboot zu treten / Die Welt zu Gast bei Freunden und so / Du und dein Boss ham nix gemeinsam bis auf das Deutschlandtrikot." Deutliche Positionsbestimmungen, der Feind wird beim Namen genannt: das System, also die Mentalitätsbrühe aus Nationalfimmel, Besorgte-Bürger-gegen-Asylanten und "Untertanenstolz" im Spätkapitalismus. Und das System muss weg – "Wenn nicht mit Rap, dann mit der Pumpgun", wie sie im Titeltrack Haftbefehl zitieren.

Das macht einem natürlich als K.I.Z.-Fan erst einmal Sorgen. Statt Satire-Gangsta-Rap jetzt linker Gangsta-Rap? Funktioniert das? Ist das nicht irgendwie peinlich?

Dass man ihr neues Album aber gefälligst ins Gesamtwerk einordnen soll, stellen K.I.Z. gleich in ihrem Opener Wir klar: "Ihr Untermenschen, verbeugt euch nun vor / den Erfindern von deutschem Humor / Auf einmal findet jeder hier Schwulsein okay / aber Homosexualität war unsere Idee." Dann werden schnell noch alle gängigen Tabus abgeräumt (Holocaust, Allah), und schon klingen Hippie-Utopie, Rap-Sozialreportage und alles andere, was danach auf Hurra die Welt geht unter kommt, ganz anders. Vielleicht steckt darin ja das Geheimnis gelungener politischer Kunst, nach dem gerade alle suchen: Man darf schon kitschig und peinlich sein, wenn man vorher schmutzig genug war. Die gebrochenen Party-Refrains wie das den Vengaboys entliehene "Boom Boom Boom", das ist der andere rote Faden, der sich durch das Album zieht. Es geht um den guten alten V-Effekt, weil der Inhalt so schön quer dazu liegt. Der Track Was würde Manny Marc tun treibt das Prinzip "Es gibt keine richtige Party im Falschen" so auf die Spitze, dass man erst mal eine Stunde kalt duschen muss, um den Schock loszuwerden. Man hat bei all den Refrain-Spielereien, der Rollenprosa und dem Storytelling auf Hurra die Welt geht unter das Gefühl, dass K.I.Z. diesem Rap-Korsett, das eh immer zu eng für sie war, jetzt wirklich entwachsen sind. Sie sind auf dem Weg zu einem Status, den in Deutschland vielleicht sonst nur Die Ärzte zu ihren Hoch-Zeiten hatten: Man hat genug rumprovoziert und Tabus gebrochen – jetzt darf man wirklich hemmungslos sein und selbst das Peinliche und Unironische ausprobieren.

So richtig irgendwohin gehört haben K.I.Z. ja sowieso nie, darum geht’s im besten Song des Albums, AMG Mercedes. Sie erzählen davon, wie sie als Jugendliche bei den reichen Kids genauso wenig dabei sein konnten wie bei den Gangstern, von denen sie mehr Prügel bezogen haben, als dass sie austeilen konnten. AMG Mercedes verarbeitet das als süße Rachefantasie, zu deren Refrain auch in der Indie-Disco alle losschreien werden: "Du bist gerade im Club auf Nase mit den Mädels / Und ich ritze diesen Text in deinen AMG Mercedes." Der Song ist fast ein Band-Manifest, er erklärt die Zwischenposition, die K.I.Z. einnehmen: Schwäche zeigen und Stärke besitzen; zugeben, dass man selbst auf die Fresse kriegt, und den anderen trotzdem als Hurensohn beschimpfen.

Als Haftbefehl, das neue Idol gelangweilter biodeutscher Ärztesöhne, rappte: "Wenn nicht mit Rap, dann mit der Pumpgun", ging es nicht gegen das System. Er wollte nur an die neue Kollektion aus dem Louis-Vuitton-Store ran. Was auch sonst – systemstabilisierender und kapitalistischer als Gangsta-Rap kann Musik kaum werden. Deswegen war die von K.I.Z. gewählte Psychopathen-Außenseiterperspektive schon immer eine politische Botschaft: Das System der Mehrheitsgesellschaft und die Gangster-Ehrkultur der Minderheitengesellschaft sind bloß zwei Seiten derselben Medaille, die wir nicht wollen. Mit einem Song wie AMG Mercedes zeigen K.I.Z. jetzt noch einmal, was denn die Alternative sein könnte: Sie sind vielleicht die Letzten, die wirklich an den Geist des Battle-Raps glauben. Sie haben noch die Hoffnung, dass am Ende nicht der gewinnt, der die meisten Waffen oder das dickste Konto hat, sondern derjenige, der sich die fiesesten Wörter für deine Mutter ausdenken kann – der zwanglose Zwang der besseren Beleidigung. Und selbst wenn man damit gegen das System nicht gewinnen kann, dann macht man ihm wenigstens seinen AMG-Mercedes kaputt.