Nach 30 Minuten und 44 Sekunden Interview des YouTubers LeFloid mit der Bundeskanzlerin: Gab es einen Satz, der sich zitieren ließe? Gab es eine Szene, die sich mit Aussicht auf viele Likes auf Instagram oder Facebook verbreiten ließe? Gab es einen Moment, dessen Stimmung irgendwie poetisch, tiefsinnig, gut verworren oder gut daneben war? Nein, das gab es alles nicht. Und das ist, natürlich, schon ein Hammer.

Wer in diesen Tagen ein Interview mit der Kanzlerin führt, und sei es auch nur ein paar Minuten lang, der hat, so heißt das im journalistischen Jargon, einen Scoop (das ARD-Sommerinterview musste die Bundeskanzlerin wegen der Griechenland-Rangeleien kurzfristig absagen). Die Bundesregierung führt zurzeit eine Veranstaltungsreihe mit dem trostlos klingenden Titel "Gut leben in Deutschland – Bürgerdialoge zur Lebensqualität" durch. Unter #netzfragtmerkel konnten LeFloid-Fans ihre Fragen einschicken. Das Argument für den YouTuber LeFloid, der unter dem Titel Action News. Aber hart! Nachrichten kommentiert und sonst Themen wie "Können wir bald Dinosaurier klonen?" anbietet, war natürlich seine sagenhafte Reichweite von 2,6 Millionen Abonnenten (zum Vergleich: Der YouTube-Kanal der Bundesregierung hat 12.800 Follower).

Die Frage war: Gelingt es dem YouTuber, ein besseres Interview zu führen als die Politprofis à la Ulrich Deppendorf vom ARD-Hauptstadtstudio? Wenn LeFloid scheitern würde, was sagte das dann über die Bundeskanzlerin? Die große Frage war auch: Welches T-Shirt aus seiner Lustige-T-Shirts-Sammlung, welches Cap aus seiner Lustige-Caps-Sammlung würde der YouTuber tragen?

Schwarzes Cap, dezent graues T-Shirt. Die Kulisse ist eine Terrasse im Bundeskanzleramt, im Hintergrund der Reichstag. LeFloid, bürgerlich Florian Mundt, 1987 in Berlin geboren, Student der Psychologie und Pädagogik, hat sich seine Körpersprache aus dem Hip-Hop geliehen, in seinen Videos rudert er wie irre mit den Armen. Dieser LeFloid stammt aus dem links-bürgerlichen Milieu, seine politischen Standpunkte sind die des in Kreuzberger Cafés abhängenden Großstadt-Hängers, er könnte auch bei der taz arbeiten oder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Politsendung leiten (und wird das im Lauf seiner Karriere mit Sicherheit noch tun). Als Zuschauer von LeFloid fragte man sich immer ein bisschen, in welchem trostlosen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern man als Jugendlicher vor sich hindämmern muss, um sich von der Performance des YouTubers angeregt und unterhalten zu fühlen. Und natürlich: Man steht ziemlich uncool da, also alt, müde, von vorgestern und als typischer, womöglich noch beleidigter Vertreter der alten Medien, wenn man den YouTuber LeFloid als brutal anstrengende Nervensäge bezeichnet: Das Problem ist ja nicht, dass der YouTuber wirklich eine Zumutung wäre. Das Problem ist, dass er sich so unheimlich dolle Mühe gibt, eine Zumutung zu sein.

Beim Interview mit der Kanzlerin: nicht eine Zumutung. Da sitzt ein ausgewechselter LeFloid. Keine Hip-Hop-Gesten, kein "Yo", kein "Fuck yeah", kein "Hallo, Ladys und Gentlenerds". Der freche YouTuber ist so unfassbar unfrech. Da sind nur die ziemlich gut aussehenden tiefen Augenringe und die ironischen, vor die Ohren gekämmten Haarkoteletten. Der YouTuber ist offensichtlich beeindruckt von der Tatsache, dass er da wirklich im Bundeskanzleramt sitzt. Er guckt meistens sehr nett und ein bisschen erschrocken. Die Regie muss dem YouTuber gesagt haben, dass er das mit den Hip-Hop-Gesten hier im Kanzleramt bitte besser sein lassen soll. Die Kamera hat sich dem staatstragenden Anlass angepasst: drei Einstellungen, keine schnellen Schnitte. In Minute drei gelingt es dem YouTuber einmal, zu sagen: "Oh, cool." Rührender Moment.

Die Themen, die mit Angela Merkel zu besprechen wären, sind teils von fast biblischer Wucht (Flüchtlingsströme in Europa, brennende Asylantenheime in Deutschland), teils so enorm technokratisch, abstrakt und verworren (Griechenland, NSA-Abhörskandal, Krieg in der Ukraine), dass eigentlich nur die allerbanalsten Nichtfragen bleiben: Alles klar? Wie weiter? Welche Pillen nehmen Sie, damit Sie nachts noch einschlafen können?

LeFloid bietet der Kanzlerin die folgenden Themen an: gleichgeschlechtliche Ehe, den Whistleblower Edward Snowden, das bundeseinheitliche Abitur, Social Media, das transatlantische Freihandelsabkommen. Und in den ersten zehn Minuten gelingt es immerhin, ein zwar biederes, aber doch ordentliches Interview zu führen. "Was heißt gut leben für Sie?", fragt der YouTuber. Und die Kanzlerin antwortet: "Gut leben heißt, dass ich nicht nur machen kann, was mir gut gefällt, sondern dass 80 Millionen Menschen in Deutschland auch ihre Vorstellung davon haben." Der YouTuber moniert, dass sich Glücklichsein ja wohl nicht nur am Bruttoinlandsprodukt eines Landes bemessen lasse. Guter Punkt. Da ist die Kanzlerin vollkommen einverstanden. Frage: "Haben Sie Angst vor einer neuen Art von Nationalismus, der sich in Deutschland breitmacht?" Keine Antwort. Die Kanzlerin: "Ich habe Angst, dass gerade das Internet dazu verleitet, alles rauszulassen, was an negativen Gefühlen in einem ist." Immer wieder die Gesprächsüberleitung: "Was viele Zuschauer, gerade die jüngeren, interessiert ..." Interessierter Blick der Kanzlerin. Aber dann kommt irgendwie nichts.

Humor kann Angela Merkel, gegen alle Gerüchte, ja gut. Nur drücken sich ihre geistige Beweglichkeit, ihr Esprit, ihre Ironie eben nicht in ihren Worten aus, sondern ausschließlich in ihrem Mienenspiel. Merkels Gesicht feixt, während ihr Mund sterbenslangweilige Sachen sagt. Ab Minute zehn entgleitet das Gespräch. Der arme YouTuber beherrscht die allererste Regel eines Interviewers nicht, dass eine Frage nicht länger als zwei Minuten dauern und mit einem Fragezeichen enden sollte. LeFloid will, so ganz vage, auf die Frage raus, ob die Kanzlerin Merkel Entscheidungen trifft, die der Privatperson Merkel gegen den Strich gehen. Bester Satz der Kanzlerin: "Ich habe ja nicht nur ein Bauch-, sondern auch ein Kopfgefühl."

Während des Interviews werden die Fragen der Netzgemeinde eingeblendet. Interessant: Der YouTuber scheint selber nicht viel mit den Fragen seiner Anhänger anfangen zu können. Vielleicht ist das schon das Problem, dass nicht der YouTuber, sondern seine Fans, die junge Followerschaft, "die jungen Menschen in Deutschland", die Fragen formuliert haben: Das Kollektiv Öffentlichkeit hat keine guten Fragen. Die richtigen Fragen hat, wenn überhaupt, nur ein sehr gut vorbereiteter Journalist.

Knapp eine Million Mal wurde das Interview LeFloids allein in den ersten zehn Stunden angeklickt: Mehr als 5.000 Kommentare haben die Abonnenten hinterlassen. Immerhin, die viel gerühmte Interaktion auf YouTube funktioniert. "Das war eine lächerliche, traurige, oberflächliche Showveranstaltung", schreibt YtFan Girlii 1. Ein anderer, offenbar desillusionierter Zuschauer fasst zusammen: "Wer wissen möchte, mit welchen öffentlichen Floskeln unsere Frau Dr. Bundeskanzlerin Angela Merkel arbeitet, der sollte sich das anschauen."

Ganz gleich, wie müde die Begegnung zwischen der YouTube-Rakete und der Kanzlerin ausfiel: Das Interview bleibt für beide Seiten, den YouTuber und Merkels gewieften Regierungssprecher Steffen Seibert, ein kluger Schachzug. Aber wie interessant sind journalistische Schachzüge? Letztlich ist das Interview LeFloids mit der Kanzlerin eine enorm unüberraschende, eine risikolose Verabredung gewesen. Der YouTuber bleibt in seiner Junge-Leute-Rappelkiste, er bespielt genau das winzige Karo, das die CDU für junge, freche Fragensteller reserviert hat, und die Kanzlerin gibt sich großzügig. Ein Sieg für Merkel: Die Bundeskanzlerin kann auch in Zukunft darauf setzen, dass die bösesten Punkrock-Darsteller des Internets in ihrer Gegenwart zu niedlichen Klassensprechern werden. In seiner Bravheit wirkt der arme YouTuber wie ein Junge-Leute-Klon, den sich Merkel und der smarte Regierungssprecher gemeinsam ausgedacht haben.

Ach. Man hätte das Interview des YouTubers so gerne gut gefunden – es geht leider nicht. Was sollen wir armen Journalistenkollegen aus diesem Interview lernen? Vielleicht kann das wirklich tief gehende und kluge Porträt dieser Kanzlerin eben gar kein Interview leisten, weder das Internet noch der Hauptstadtjournalismus. Wir setzen auf die Literatur. Wir warten auf den großen Hauptstadt-Roman des Georg-Büchner-Preisträgers Rainald Goetz.