Mohammed, mein libyscher Fahrer, war Absolvent der Tripolis University. Er sprach ausgezeichnet Englisch, liebte die Toten Hosen und sang Tage wie diese fehlerfrei mit. Er kannte die guten Wasserpfeifen-Cafés, plauderte charmant und war im Zweifelsfall cool genug, die Pistole aus dem Handschuhfach zu ziehen. Das gab mir ein Gefühl von Sicherheit, als uns auf dem Weg von Tripolis in die westlich davon gelegene Provinzhauptstadt Sawija immer wieder die Milizen anhielten und kontrollierten.

Zusammen mit einer deutschen Firma wollte ich, eine Professorin für Wirtschaftsinformatik, an der zweitgrößten Universität des Landes den Studenten praxisnahe IT-Kenntnisse vermitteln. Nicht einfach, nach 40 Jahren Gaddafi.

"Die Globalisierung ist an Libyen vorbeigerauscht", sagte mir Osama Koschadah, die rechte Hand des Bildungsministers. Unter 50.000 Studierenden fanden wir zwar viele, die an dem Projekt teilnehmen wollten, aber nur wenige mit passablen Englischkenntnissen. Zu Gaddafis Zeiten war Fremdsprache ein Fremdwort. Die ursprünglich versprochene Assistentin für die Veranstaltungen in Sawija gab es in den Jahren zwischen 2009 und 2014, in denen das Projekt andauerte, ebenfalls nicht. "Für unsere Töchter ist der Weg zur Uni zu gefährlich", sagte ein ranghoher Professor.

2014 wurde der Weg zur Universität schließlich auch für mich zu gefährlich. Dreimal verschoben wir die Termine für Veranstaltungen und Praktika in den Öl-Camps, die die Milizen schließlich in ihre Gewalt brachten. Alle Mitarbeiter der deutschen Firma verließen das Land, auch ich. Zurück blieben die Studierenden, die statt einer Jobperspektive dem Ende des zivilen Lebens in Libyen entgegensahen.

Unterstützt wurden alle meine Projekte in der islamisch-arabischen Welt entweder vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, dem DAAD oder dem Auswärtigen Amt. Schließlich liegt die Bedeutung von Bildung für diese Länder auf der Hand: Vom südlichen Mittelmeer bis zum Iran leben 350 Millionen Menschen, die unter 30 Jahre alt sind. Wenn es eine Zukunft für diese Menschen geben soll jenseits des Terrorismus, dann nur in einem entwickelten heimischen Arbeitsmarkt. Dessen Voraussetzung wiederum sind funktionierende Bildungseinrichtungen. Die aber sind bislang kaum gegeben. Zwar haben Neugründungen von Hochschulen, Ausbildungszentren und Bildungseinrichtungen zu einem explosionsartigen Anstieg von Absolventen in der arabischen Welt geführt. Dass die Qualität der universitären Ausbildung den Bedürfnissen der Wirtschaft genügt, bezweifeln aber selbst einheimische Experten.

Der eine Teil der Studienabgänger versickert im bürokratisierten Dickicht staatlicher Behörden, Betriebe und Ministerien. Der andere Teil landet als Billiglöhner auf der Straße. Viele wissen schon als Studenten, dass sie wahrscheinlich neben ihrem akademischen Beruf noch Taxi fahren und kellnern müssen, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Die Arbeitslosenquote steigt, je höher der Berufsabschluss ist. Und die Lücke zwischen dem, was der Arbeitsmarkt braucht, und dem, was die Universitäten in der Region liefern, wird immer größer. 18 Monate dauert die Nachqualifikation bei einem ägyptischen Mobilfunkanbieter, bis ein Uni-Absolvent einen sinnvollen Beitrag im Unternehmen leisten kann. Die Regierungen in Oman, Libyen und Saudi-Arabien versuchen es mit Quoten. Sie zwingen ausländische Investoren, einheimische Arbeitskräfte einzustellen. Die Firmen stellen solche Quotenmitarbeiter ein, bezahlen sie auch und lassen sie auf keinen Fall arbeiten.

Das erste Mal kam ich 2004 beruflich in ein islamisches Land, als Gastprofessorin während eines Forschungssemesters. Niemand wunderte sich damals, als mein Auto nach 21 Tagen und 6.500 Kilometern direkt auf dem Campus der Uni Teheran vor dem Zentralgebäude zum Stehen kam. Eine kleine Delegation von Uni-Mitarbeitern und viele Studenten warteten schon mit Blumen, Tee, Keksen und Geschenken. Über die tropfenden Wasserhähne, die nicht funktionierenden Steckdosen und Lampen, die kleinen Überschwemmungen in Dusche und Klo der geräumigen Wohnung im Gästehaus der Teheran University habe ich danach großzügig hinweggesehen.