Plötzlich sind sie wieder da: die Staatsgrenzen in Europa. 3.000 afrikanische Immigranten leben in einem improvisierten Bidonville in Calais am Ärmelkanal. Sie wollen nach Großbritannien, aber die Briten haben einen kilometerlangen Zaun gebaut, um das zu verhindern. In Ventimiglia, einer Grenzstadt in Ligurien, hausen einige Hundert Immigranten auf den Felsen am Meer und versuchen täglich, nach Frankreich zu kommen – und immer wieder werden sie nach Italien zurückgeschickt. Im Hauptbahnhof von Mailand liegen 500 Menschen in der Hoffnung, mit dem Zug nach Österreich oder später nach Deutschland zu gelangen. In Chiasso sind innert zweier Tage 250 Immigranten zurückgewiesen worden. Und Ungarn errichtet einen 175 Kilometer langen Zaun an der Grenze zu Serbien, um die illegalen Einwanderer zu stoppen.

Ja, die Flüchtlingskrise macht die längst ausradiert geglaubten Grenzen in Europa wieder sichtbar.

Thierry Baudet, ein junger niederländischer Intellektueller und Universitätsprofessor, hat dazu ein hochinteressantes Werk verfasst. Sein Titel: Der Angriff auf den Nationalstaat.

Baudet schreibt, dass Supranationalismus und Multikulturalismus die Demokratie gefährden würden. Sie würden die Kultur des Nationalstaates aushöhlen. Kurzum: Die Utopie einer Welt ohne Grenzen und Unterschiede zwischen uns und den anderen sei gefährlich.

Es ist gut nachvollziehbar, dass wir aus den Erfahrungen der beiden Weltkriege, ein tiefes Misstrauen und große Vorbehalte gegenüber sämtlichen Nationalismen hegen. Die Hoffnung auf Frieden hat uns – hastig und emotional – zur Überzeugung gebracht, dass eine neue Welt nur möglich ist, wenn wir die Grenzen ausradieren. Also die Nationen schwächen und die Unterschiede zwischen den Kulturen einebnen. Die logische Konsequenz davon aber ist: Gefühle wie ein gesunder Patriotismus oder die Liebe zur eigenen Kultur werden vernichtet.

Supranationalismus, der nicht zu verwechseln ist mit Internationalismus, führt zu Institutionen, die über den Staaten stehen – und die keiner echten demokratischen Kontrolle obliegen. Baudet kritisiert deshalb die heutige EU-Konstruktion. Sie ziele konsequent auf die Auflösung der nationalen Grenzen und beschneide die Regierungskompetenzen der beteiligten Staaten. Für den jungen Niederländer brauchen eine repräsentative Demokratie und ein Rechtsstaat einen Nationalstaat, um sich überhaupt erst entfalten zu können.

In Europa haben wir mit den Schengener Abkommen die gleichen Fehler begangen wie bei der Einführung des Euro.

Die Verträge wollen Länder verschiedener Kulturen, mit unterschiedlichen Wirtschaftsstärken und Sozialsystemen miteinander verschmelzen. Dabei hat man jedoch außer Acht gelassen, dass jede europäische Nation ihr Volks- und Sozialvermögen mit der Arbeit und den Ersparnissen ihrer eigenen Bürger aufgebaut hat.

Eine selektive Einwanderung, wie wir sie in der Vergangenheit kannten, störte dabei nicht. Im Gegenteil: Oft vergrößerte sie sogar das Nationalvermögen. Wenn sich nun aber unzählige, schwer integrierbare Ausländer unkontrolliert von einem europäischen Staat zum anderen bewegen, erzeugt das verständlicherweise ein Unbehagen. Vor allem, wenn diese Menschen dabei nur auf der Suche nach einem viel besseren Sozialsystem sind. Man fühlt sich beraubt.

Deshalb fordert Thierry Baudet: Bringt die Grenzen zurück! Nicht um neue Feindschaften zu stiften, sondern um die gewachsenen Identitäten zu retten – und ein friedliches Nebeneinander zu ermöglichen.