Etwas ist neu bei den Fernflügen des Papstes. Er spricht mit jedem Journalisten der Entourage persönlich. Auf dem Hinflug nimmt er sich jeweils ein paar Minuten für ein Vier-Augen-Gespräch. So war es auch beim Flug nach Südamerika, auf der neunten Auslandsreise von Franziskus, die ihn wieder an den Rand führte: nach Ecuador, Bolivien und Paraguay. Dort konnte der argentinische Papst spanisch sprechen, seine Muttersprache, und bei allen 22 Reden vermittelte er den jubelnden Lateinamerikanern: Wir verstehen uns!

Ja, Jorge Mario Bergoglio ist ein Medienprofi. Nein, nicht der erste im Vatikan. Ältere Kollegen erinnern sich noch an Karol Wojtyłas Angewohnheit, im Flugzeug mit ihnen zu plaudern. Doch der Pole machte es anders. Er tauchte plötzlich im reservierten Pressebereich auf, setzte sich unter die Journalisten wie ein Lehrer auf Klassenfahrt und beantwortete die Fragen, die ihm zuflogen.

Joseph Ratzinger dagegen blieb scheu und streng im Gang stehen, auf der Grenze zwischen Medienbereich und dem Bereich für Papst und Kardinäle. Mit dem Mikrofon in der Hand verlas er die Antworten auf eine Handvoll Fragen, die vorher bei der Pressestelle des Heiligen Stuhls eingereicht und ausgewählt worden waren. Die Antworten des deutschen Professors waren stets perfekt ausformuliert. Der Argentinier dagegen spricht spontan – so, wie es seinem Naturell, aber auch seiner Theologie der Nähe und der Einmischung entspricht.

Die neue Medienstrategie hat er selber festgelegt: vertrauliche Einzelgespräche auf dem Hinflug, große Pressekonferenz auf dem Rückflug. Es ist eine gerechte Sache, und wir Vatikanisten können sicher sein, dass er uns überrascht. Mittlerweile rufen unsere Redaktionen sofort nach der Landung an: Und, was hat er gesagt?

13 Stunden dauerte der Hinflug nach Quito. Abflug war Punkt 9 Uhr ab Rom-Fiumicino. Erstmals an Bord: der neue Chef für Medienkommunikation Dario Edoardo Viganò. Er ist Präfekt des Ende Juni von Franziskus eingerichteten päpstlichen Sekretariats für Kommunikation. Um 10.30 Uhr, gleich nach dem Bordfrühstück, geht Franziskus nach hinten zu den Journalisten. An seiner Seite Alberto Gasbarri, verantwortlich für die Organisation der päpstlichen Reisen, und natürlich Pater Federico Lombardi, legendärer Sprecher des Heiligen Stuhls. Später kann ich ihn fragen, wie es zu den Einzelgesprächen kam. Lombardi: "Das war sein ganz klarer Wunsch. Er will mit allen sprechen, denen er begegnet, auch mit den Journalisten."

Aber erst das Protokoll: Matteo Bruni, Kopf der päpstlichen Pressestelle, stellt jetzt jeden Journalisten mit Namen, Staatsangehörigkeit und Medium vor. Allerdings kennt der Papst uns fast alle. Bei dieser Reise sind wir 75, er spricht wirklich mit jedem, im Stehen, erst geht er die eine Sitzreihe ab, dann die andere. Das Ganze dauert weit über eine Stunde.

Und, was sagt der Papst? Die Vatikanisten, oft gläubige Katholiken mit Theologie-Studium, löchern ihn mit Fachfragen. Ein Deutscher berichtet über ein Rom-Projekt seines Senders, Franziskus hakt nach, diskutiert, bedankt sich. Ein Franzose fragt nach Lourdes. Ein Amerikaner bittet um ein Interview zur bevorstehenden Reise in die USA. Aber wir Journalisten sind auch Menschen. Eine Kollegin zeigt ihm Fotos ihrer Kinder, und der Papst segnet sie. Ein Kollege zeigt ihm ein Handyfoto seiner Großeltern, und Franziskus legt die Hand auf den Bildschirm. Manche reichen ihm Gebete und Heiligenbilder. Andere berichten von ihren Sorgen. Er hört zu und tröstet. Doch häufiger wird gelacht und gescherzt. Wer seine Leidenschaften kennt, spricht über Fußball, über Lionel Messi und warum die argentinische Nationalmannschaft immer Zweiter wird. Manche aber wissen nicht, was fragen, wenn der Papst so direkt vor ihnen steht. Dann bricht er selber das Eis.

Mich hat er diesmal, noch ehe ich etwas sagen konnte, nach meiner Zeitung gefragt. Dann haben wir über die Medien diskutiert. Was er genau sagte? Das bleibt vertraulich. So sind die Regeln. Auch wir Journalisten müssen manchmal das Beichtgeheimnis wahren.

Aus dem Italienischen von Myriam Alfano.Marco Ansaldo ist seit 2010 Vatikanist der italienischen Tageszeitung "La Repubblica", er flog schon neunmal mit Franziskus ins Ausland.