Hand aufs Herz: Woran würden Sie denken, wenn Sie eine E-Mail mit dem Absender "Seneca intensiv" bekommen? An Ferienkurse, die sich der Lektüre des römischen Philosophen widmen? An ein Nachhilfe-Institut für lateinschwache Schüler? An eine Lebensberatung, die aus dem Stoizismus Hilfe für Beziehungskrisen gewinnt? Wäre Seneca womöglich sogar als Name eines Medikaments denkbar, das eine ähnlich sedierende Wirkung entfaltet wie die philosophische Lehre der Gefühlsbeherrschung?

Leider – nichts von alledem trifft zu. Es gibt die Lektürekurse nicht, die wir gerne buchen würden. Es gibt auch die Lebenshilfepraxis nicht, die gewiss seriöser wäre als der esoterische Schnickschnack von heute. Auch das tröstende Medikament würde wahrscheinlich nicht Seneca intensiv, sondern Seneca forte heißen. Ist es also am Ende kein menschenfreundliches Produkt, sondern eine neue, ganz brutale Designerdroge, von einem humanistisch fies gebildeten Dealer so getauft, damit er etwas zu lachen, hämisch in sich hineinzulachen hat, während die Kunden auf dem Klo verrecken?

Nein und wieder nein. Sie können, liebe Leser, nicht darauf kommen. Auch die Betreffzeile gibt nichts her – "17./18. Juli 2015, 20 Uhr, Dock 11" führt nur wieder zurück auf die Illusion eines Lesezirkels. Sie müssen die Mail öffnen, um sich dem Schock auszuliefern: Es geht um Tanz. Es geht um "Abschlussvorstellungen von Bildungsjahr Tanz", um "Tanzstücke der Absolventen", und darin "fragen die Tänzer nach sozialen Identitäten und den Möglichkeiten, aus diesen auszubrechen" – was die verschwurbelte Ballettsprache halt so hergibt. Das Bildungsjahr Tanz wird durch den Europäischen Sozialfonds gefördert, das Sternenbanner der EU ist mit abgebildet.

Und Seneca? Was hat der Meisterdenker mit der beinchenschwingenden Kunstpädagogik zu tun? Nun, es gibt auch ein Zitat auf der zugehörigen Website, und das lautet: "Je mehr wir in uns aufnehmen, um so größer wird unser geistiges Fassungsvermögen." Das stimmt wahrscheinlich; aber in unserer Einfalt hätten wir gedacht, dass es beim Tanz eher umgekehrt darum geht, etwas aus sich herauszulassen. Na, Schwamm drüber. Es gibt den Zusammenhang mit der antiken Philosophie einfach nicht, gar nicht, es ist nur ein PR-Gag wie die berüchtigt originellen Namen der Friseure ("Haarpracht"). Kein Grund zur Beunruhigung.

Wie sagt Seneca? "Der beste Beweis von Geistesgröße besteht darin, sich durch nichts, was einem begegnet, aufregen zu lassen."