Seltsam, wie schwer immer mehr Radfahrern das Losfahren fällt. Da stehen sie in den Pedalen, wippend, mit verzerrtem Gesicht, gefletschten Zähnen, vor Anstrengung zitternden Beinmuskeln. Manche hört man stöhnen: "Arghh! Arghhhh! Ooohhh! ..."

Und der ratlose Beobachter fragt sich: Wieso das? Warum schalten diese Leute nicht einfach in einen niedrigeren Gang – und legen stattdessen einen Auftritt hin wie der letzte Postreiter von South Dakota oder wie auf der Bergetappe der Tour de France?

Die Antwort ist vielschichtig, aber im Grunde ganz einfach. Erst einmal: Das Schalten ist nicht so leicht, wie Außenstehende denken. Bei einer Kettenschaltung beispielsweise sollte die Kette aus Verschleißgründen nie zu schräg über die Ritzel laufen – wie erholsam, wenigstens beim Anfahren nicht nachdenken zu müssen, welchen Gang aus 21 man gerade nicht benutzen darf.

Überhaupt, Schaltungen sind Verschleißteile: Je mehr man sie beansprucht, desto eher gehen sie kaputt. Wer dagegen beim Radfahren seine Muskeln richtig beansprucht, stärkt den gesamten Unterkörper (und bei den Hamburger Ratterradwegen dazu die Arme). So wird der Arbeitsweg zum Work-out, auch wenn man anfangs so verschwitzt ins Büro gepatscht kommt wie der Froschkönig ins Märchenschloss.

Aber welche Wonne, wenn man nach ein paar intensiven Wochen dann so weit ist, dass man aus dem Stand im höchsten Gang starten kann, ganz locker! Oder: fast ganz locker. Oder noch nicht so locker, aber dafür wesentlich gesünder, nachhaltiger, ökologischer und mithin bewundernswerter als die trägen Zu-Fuß-vor-sich-hin-Latscher oder die Luschen in ihren Spritschleudern. Mögen die auch starren, feixen und kichern: Schließlich rettet man mit der Qual des Pedalniedertretens auch ihre Welt! Ihre Zukunft! Die ihrer Kinder!

Kein Wunder, dass es heute immer mehr Bikes gibt, die ganz ohne Gangschaltung auskommen und auf denen man die Ursprünglichkeit des Sich-Fortbewegens durch eigene Muskelkraft wieder spürt. Auch kein Wunder, dass es immer mehr Bikes gibt, die auch ohne Bremsen auskommen und dank denen man die Ursprünglichkeit des Sturzes am eigenen Leib wieder spürt.

Neulich erst gesehen: ein Bike, das obendrein auf Räder verzichtete. Sein Besitzer trug den Rahmen über der Schulter und bewegte sich im Laufschritt fort, löblicherweise mit Helm auf dem Kopf. Er lachte. Kann sein, dass das Fahrrad bald ganz verschwindet.