Corones heißt das sechste und letzte der Messner Mountain Museen. © www.wisthaler.com

Nein, sagt er. Es gebe da oben weder Freiheit noch Glück zu finden, sondern nur die Erkenntnis, dass sich ein Gipfel an den nächsten reihe. So wie im Leben auch. "Das extreme Bergsteigen hat darum keinen Nutzen. Es ist allein die Herausforderung, das Bemühen um das Ziel und nicht das Ziel an sich, worauf es ankommt."

Messner zeigt auf eine Stelle, an der gerade zwei Arbeiter Kabel aufrollen. Dort werde er einen vergoldeten Schuh ausstellen. "Der Goldene Schritt" soll das Kunstwerk heißen. "Die Skulptur steht für die Umsetzung von Ideen, den einzigen Weg zu einem gelingenden Leben. Und damit meine ich nicht die Rückschau am Ende. Es gibt nur das gelingende Leben im Hier und Jetzt."

Das mag so stimmen. Aber mal ehrlich: ein goldener Schuh? Muss das sein? Man zweifelt daran. Und wird dem bekennenden Kitschliebhaber Messner das Ding wohl nachsehen müssen.

Was jedoch hat gelingendes Leben mit dem Irrwitz der Wagnisse zu tun, die er immer wieder auf sich nahm? Warum die unermüdlichen Aufbrüche in die Todeszone des Himalaya, die Wüste, die Antarktis? "Um durch das Gefühl totalen Verlorenseins den Wert des Lebens als Möglichkeit umso stärker zu spüren", sagt Messner. "Ich habe bei der Rückkehr immer begriffen, was für ein Glück es ist, wieder eine Chance zu haben für ein neues Projekt, eine neue Idee. Bergsteigen ist am Tod provoziertes Leben, heißt es bei Gottfried Benn. Genau so ist es."

Solche Sätze mögen anderswo nach Erbauungsliteratur klingen. Nicht bei Reinhold Messner. Wer sein Leben in Todesgefahr den schlimmsten Prüfungen unterzieht und dann sein größtes Glück im Gedanken an die Wiederholung dieser Prüfungen findet, ist jeder Räucherstäbchen-Esoterik unverdächtig.

Und so wirkt es fast gespenstisch, wie sehr der Mann ist, was er sagt. Man merkt es im nie ausleiernden Gespräch mit ihm. Und man spürt es in seinen Museen, die alles andere sind als raunende Huldigungen der Berge. Für Messner ist die Schönheit der Natur kein Grund, in Schwärmerei zu verfallen. Er sieht sie eher als glücklichen Zufall.

Woher aber stammt seine Leidenschaft für Kunst? Messner versucht eine Erklärung auf der Aussichtsterrasse. Sie ragt über das steilste Stück des Kronplatzes und macht ihrer Funktion alle Ehre. Ötztaler Alpen, Zillertaler Alpen, Ortlergruppe, die Marmolata mit ihrem Schneehelm – die ganze Bergprominenz badet in der Sonne wie ein fotorealistisches Gemälde von Helmut Ditsch. "Eine Erstbegehung hat für mich viel mit Kunst zu tun", sagt Messner. "Ein Kletterer, der unter einer Steilwand steht und in Gedanken eine Linie durch den Fels zieht, geht vor wie ein Maler an der Staffelei. Nur dass er sein Werk nicht mit dem Pinsel umsetzt, sondern mit Griffen und Tritten. Danach ist die Wand eine andere, er hat sie verwandelt. Man kann es zwar nicht erkennen, aber im Kopf des Kletterers ist sie zu einem Kunstwerk geworden."

Nur einen Augenblick später wechselt Reinhold Messner in den Dialekt. Diskutiert eine Ewigkeit mit einem Elektriker über einen Bewegungsmelder, der ihm so nicht passt. Es ist, als habe sich ein Adler aus philosophischen Höhen in die Profanitäten des Alltags gestürzt.

Zurück an der Kabinenbahn, eine letzte Frage: Wenn ihm die Tat so wichtig und das Corones sein letztes Museum ist – was kommt dann? Filme über das Klettern, lautet die Antwort. "Die heutigen Produktionen sind doch völlig daneben. Fällt dem Kino wirklich nicht mehr zum Thema ein als ein Streifen wie Cliffhanger? Dann wird es höchste Zeit, dass jemand das ändert." Genaueres will er nicht verraten. Aber man kauft es ihm ab. Er hat schließlich auch Museen gebaut, ohne Architekt zu sein.

Reinhold Messner besteigt nun die Gondel und schaukelt zu Tal. Man schaut ihm hinterher und denkt an den berühmten Goethe-Satz aus Wilhelm Meisters Wanderjahren. Er steht auf einer Tafel im Museum Firmian: "Die Gebirge sind stumme Meister und machen schweigsame Schüler." Wahrscheinlich musste Messner selbst lächeln, als er ihn aussuchte.