Sie hat sich das sympathische Junge-Frauen-Café Zimt & Zucker am Berliner Schiffbauerdamm ausgesucht. Um halb zehn kommt sie an diesem Montagmorgen mit einem chauffierten Audi A8 vorgefahren. Sahra Wagenknecht, 46: Im Herbst wird sie aller Voraussicht nach Gregor Gysi als Fraktionsvorsitzende der Linken und als Oppositionsführerin im Bundestag beerben. Sie ist die letzte Politikerin, mit der man wirklich gerne einmal drei, vier Stunden lang über alles reden würde – den Hegelschen Weltgeist, über Goethe. Ihre Klarheit ist gut: für einen Schuldenschnitt in Griechenland, für eine krass hohe Millionärssteuer in Deutschland. Mit dieser Begeisterung, dem wohligen Schauer, der reflexhaften Ablehnung muss man früher, vor Jahrzehnten, auch Che Guevara und Mao Zedong zugehört haben. Ihr herrlicher Bertha-von-Suttner-Style: So sieht ja eigentlich keine Frau im 21. Jahrhundert aus. Ihre schönen, braunen Arme. Eier isst sie gar nicht. Bitte einen grünen Tee. Bissl dumm stellen zum Einstieg: Nach der letzten dramatischen Nachtsitzung in Brüssel, wird jetzt alles gut in Griechenland?

"Im Gegenteil. Die Steuermilliarden dienen nur der Konkursverschleppung, die Wirtschaft wird unter den neuen Kürzungsprogrammen weiter einbrechen." Im Bundestag hat sie neulich die grandios pathetischen Worte gesprochen: "Unbewusst sind die Deutschen wieder dabei, ihre katastrophenbringende Rolle für andere europäische Länder und sich selbst wieder einzunehmen." Steht es so schlimm? Es fehle die Sensibilität angesichts der deutschen Geschichte, mit anderen Staaten und Staatsführungen umzugehen. "Wenn Volker Kauder stolz darauf ist, in Europa werde wieder Deutsch gesprochen, dann muss ich sagen: Da graust es mir. Ich will kein Europa, in dem Deutsch gesprochen wird."

Ein Reflex sagt jetzt, dass man mit ihr gerne von der Politik in den Unsinn abbiegen würde. Man möchte diese kluge, vergnügte, dabei so kontrolliert wirkende Frau zum Lachen bringen. Fuck you, US-Imperialismus? Da kommt ein kleines Lachen: Hehe. Diesen Sponti-Satz hat ihr Ehemann Oskar Lafontaine neulich auf Facebook gepostet. Welche Schimpfwörter sind in ihrem Wortschatz? Sagt die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht "fuck" oder ein schlimmes Wort wie "Hurensohn"? Erstauntes Lächeln: "Schimpfwörter, wozu? Im Kopf bezeichne ich Leute vielleicht als Dummbeutel."

An den Tisch tritt jetzt ein junger Mann: ein Mitarbeiter. Er müsse die Politikerin, deren Handy ausgeschaltet ist, für circa 15 Sekunden sprechen. Da steht die Linken-Politikerin am Ufer der Spree und gibt Anweisungen. Wir hauen nun ein paar Bild-Zeitungs-Fragen raus: Deutschland raus aus der Nato? "Ja, was bringt die Nato? Die Nato bringt aktuell Kriegsgefahr. Die USA zündeln in Richtung Russland." Wenn der typische ZEIT-Leser vielleicht 3.500 oder 4.000 Euro brutto verdient: Wie viel Steuern sollte der zahlen? "Weniger als heute, wenn das Steuerkonzept der Linken durchkäme." Steuernsenken mit Sahra Wagenknecht, das ist doch mal eine Nachricht. Ein Galionsfigur der Linken, der Theoretiker Michel Foucault, ist in seinem Spätwerk ein Anhänger des Neoliberalismus geworden. Tut ihr das weh? Sahra Wagenknecht erwähnt als Gegenbeispiel den vor einem Jahr verstorbenen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher: "Der ist vom Konservativen zum Kapitalismuskritiker geworden. Mein Respekt."

Der Bundestag geht jetzt in die Sommerpause. Wie muss man sich einen perfekten Ferientag von Sahra und Oskar vorstellen? Sie joggt, er fährt auf dem Rennrad nebenher? Nein. Da gibt’s jetzt wirklich nur ein Lächeln, halb spöttisch, halb amüsiert. Sie bedankt sich. Und läuft mit ihrem Mitarbeiter Richtung Bundespresseamt.

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