Ein strahlender iranischer Außenminister, eingerahmt von seinen europäischen, russischen, chinesischen und amerikanischen Amtskollegen – auf dieses Fernsehbild hätte man in Saudi-Arabien gern verzichtet. Der Erzfeind Teheran ist seit vergangenem Montag nicht mehr internationaler Paria, sondern Vertragspartner des Westens – und damit nun völlig frei, weiterhin den Mittleren Osten zu destabilisieren. So jedenfalls sieht man den historischen Deal am saudischen Königshof. Währenddessen feiern das Weiße Haus und Europas Regierungen das Abkommen als einen Sieg der Diplomatie über den Krieg. Doch ein zweiter Schritt müsste folgen, vielleicht wird er bereits geplant: Entspannungsgespräche zwischen dem Iran und Saudi-Arabien, denn der Konflikt zwischen den beiden Erzrivalen spitzt sich zu. Im syrischen Bürgerkrieg hat Saudi-Arabien seine Finanz- und Waffenhilfen an islamistische Rebellen massiv aufgestockt. Riad will so den Preis erhöhen, den Teheran für die Absicherung seiner syrischen Marionette Baschar al-Assad bezahlen muss.

Dieser Stellvertreterkrieg hält seit Jahren, die humanitären Folgen sind verheerend. Inzwischen aber agiert ein neues, sehr viel aggressiveres Saudi-Arabien auf der internationalen Bühne.

Im Stakkato der Krisen ist fast unbemerkt geblieben, dass Saudi-Arabien Anfang des Jahres eine Politik- und Kulturrevolution erlebt hat. Die kann für die Region gefährlich werden. Als im Januar der 90-jährige König Abdullah starb und das Amt an seinen 79-jährigen Halbbruder Salman überging, wirkte das zunächst wie die Fortsetzung der behäbigen royalen Gerontokratie. Doch binnen kurzer Zeit hatte der alte Salman den königlichen Hof ausgefegt. Er zerschlug das austarierte System der Postenverteilung für die konkurrierende Prinzenschar, zentralisierte die Entscheidungsgewalt, beförderte seinen Sohn Mohammed an die Machtspitze und die vorsichtige innenpolitische Reformpolitik seines Vorgängers vorerst in den Papierkorb.

Die gefürchtete Religionspolizei, zuletzt etwas eingehegt, hat offenbar wieder freie Hand; Scharfmacher des wahhabitischen Klerus sind in höchste Beraterkreise aufgerückt; der 55-jährige Innenminister Prinz Mohammed bin Naif, der den Antiterrorkampf sehr effektiv auch auf liberale Kritiker ausdehnt, ist zum ersten Thronfolger aufgestiegen. Damit ist erstmals die Generation der Enkel des Staatsgründers Abdul Asis ibn Saud in die vorderste Reihe gerückt. Unbestrittener Superstar dieses neuen Machtensembles aber ist Prinz Mohammed bin Salman, Sohn des Königs, je nach Quellenangabe zwischen 29 und 35 Jahre alt, hochgewachsen, schwarzer Vollbart, seit Jahresanfang Verteidigungsminister und auf Platz zwei der Thronfolge. Er ist das neue Idol einer Bevölkerung, die zu zwei Dritteln jünger als 30 Jahre ist. Vor allem ist er der Kommandant des Kriegs im Jemen, wo eine saudisch geführte und dominierte Allianz schiitische Huthi-Rebellen aus der Luft bombardiert. Nach saudischer Lesart ist dies die nächste Stufe des Kampfes gegen die iranische Expansion, und dieser Kampf hat zumindest in den ersten Monaten einen kollektiven patriotischen Rausch ausgelöst. Ein Land, das bislang immer andere fürs Kriegführen bezahlt hatte, greift jetzt selbst an. Vor saudischen Kameras marschieren Nationalgardisten auf, Mörsergranaten zischen durch die Luft, Generäle geben markige Lageberichte, und über allem steht der Prinz. "Mit der Weisheit seines Vaters und der Kampfbereitschaft seines Volkes eilt unser geliebter Emir zu unserer Verteidigung ..." Solche Lobeshymnen werden derzeit auf YouTube für ihn gesungen.

Aber womöglich nicht mehr lange. Denn das Machttrio, bestehend aus dem König und den "zwei Mohammeds", könnte mit seiner neuen, aggressiven Politik der Sicherheit genau das Gegenteil herbeiführen: die Destabilisierung Saudi-Arabiens.

Unendlich viele Petrodollars, eine Zweckgemeinschaft mit den USA gegen den Iran und die geschickte Instrumentalisierung eines hauseigenen Fundamentalismus – das waren jahrzehntelang die drei Gebote der saudischen Politik. Sie funktionierten so gut, dass das Königreich dem Westen als Inbegriff der Stabilität erschien. Das beinhaltete unter anderem eine Unbedenklichkeitsbescheinigung bei Waffenexporten, deutsche eingeschlossen.

Mit den arabischen Revolten von 2011 aber breitete sich in Riad Nervosität aus, die inzwischen in eine Politik der Kränkung und Wut umgeschlagen ist. Kränkung wegen der als Verrat empfundenen Hinwendung der Obama-Regierung zum Iran, Wut über den vermeintlich unendlichen Expansionsdrang Teherans. Den spüren zweifellos der Irak, Syrien und der Libanon. In Riad aber hat die Angst vor einer iranischen Vormachtstellung längst paranoide Züge angenommen, wie auch die jüngst von WikiLeaks veröffentlichten saudischen Dokumente zeigen. "Iranoia", so der deutsche Islamwissenschaftler und Saudi-Arabien-Experte Sebastian Sons, mache das saudische Königshaus blind für eine realistische Einschätzung regionaler Konflikte. Der Krieg im Jemen beruht auf dieser "Iranoia" und führt derzeit in eine humanitäre und strategische Katastrophe.

Rund 3.000 Tote, darunter viele Zivilisten, Tausende Vertriebene, erste Seuchen, eine drohende Hungersnot, Zerstörung von Weltkulturerbe und eine Seeblockade – das ist das Fazit nach bald vier Monaten der saudisch geführten Intervention gegen die Huthi-Rebellen. Ein Krieg, den einige Staaten direkt oder indirekt unterstützen und zu dem die internationale Gemeinschaft insgesamt schweigt.

Für Riad sind die Huthis eine Kampftruppe unter dem Kommando Teherans, die den saudischen Hinterhof destabilisieren soll. Beziehungen zwischen dem Iran und den Huthis gibt es, aber sie operieren nicht auf iranisches Geheiß, und die viel zitierten Waffenlieferungen wurden bislang nicht bewiesen.

Der Kern des jemenitischen Konflikts ist ein anderer: Das Land bezahlt gerade bitter für eine abgewürgte Revolution. Die begann mit einer großen friedlichen Protestbewegung unter Beteiligung fast aller gesellschaftlichen Gruppen – auch der Huthis. Sie mündete in gezielte, vom Regime provozierte Gewalt und schließlich in eine Reihe fauler, von der internationalen Gemeinschaft abgesegneter Kompromisse.

Die Ausgrenzung der Huthis gehörte dazu. Der faulste Kompromiss war eine Amnestie für den abgesetzten Diktator Ali Abdullah Saleh. Der einstige Schützling Saudi-Arabiens ist nun wieder im Jemen und koaliert mit den Huthi-Rebellen gegen eine Allianz aus Islamisten, Sezessionisten, Stämmen und der saudischen Luftwaffe.

Man muss diesen komplexen Frontverlauf nicht bis in die kleinste Windung kennen, um zu begreifen: Eine militärische Intervention von außen war das Letzte, was der bitterarme Jemen brauchte. Aber er ist nun von Saudi-Arabien in das gängige Schiiten-gegen-Sunniten-Schema gepresst worden und wird darin buchstäblich zerrieben.

Die Mär vom Religionskrieg verfängt dabei in Saudi-Arabien weit mehr als im Jemen selbst. Der Feldzug wirkt für viele Saudis offenbar wie eine Katharsis gegen die vermeintlichen "schiitischen Demütigungen". Tweets preisen Verteidigungsminister Mohammed bin Salman als "zweiten Saddam Hussein, der es den Schiiten so richtig besorgt hat". Derweil führt der "zweite Mohammed", Innenminister Mohammed bin Naif, schon seit Jahren einen kompromisslosen Kampf gegen sunnitische Dschihadisten. Jedenfalls gegen solche, die ihre Attacken nicht auf das Ausland beschränken, sondern auch gegen die saudische Monarchie richten. Wie das ausgehen kann, weiß Mohammed bin Naif aus eigener Erfahrung. 2009 gelang es einem Al-Kaida-Attentäter, mit einer Ladung Sprengstoff im Anus in sein Büro eingelassen zu werden. Bin Naif überlebte das Attentat leicht verletzt.