Der Hamburger Hafen ist eindrucksvoll, bisweilen raubt er seinen Besuchern sogar den Atem: Wenn man an den Landungsbrücken steht und die Abgasfahne eines Schiffs in die Nase bekommt zum Beispiel. Der beißende Geruch galt lange als Teil der Folklore. Haben Schiffe nicht schon immer gequalmt und gestunken? Doch eine neue Studie zeigt jetzt: Schiffsabgase sind noch wesentlich gesundheitsschädlicher als bislang bekannt. Besonders der angeblich saubere Schiffsdiesel könnte eine ernste Gefahr für die Lunge sein. So ernst, dass die Stadt in Zukunft noch genauer hinriechen sollte.

Ralf Zimmermann hat die neuen Erkenntnisse mit seinem Team ans Licht gebracht. Er ist kein politischer Eiferer, sondern Professor für Chemie an der Universität Rostock und Leiter einer gemeinsamen Forschungsstelle mit dem Helmholtz-Zentrum München. In einem bislang einmaligen Experiment setzte er menschliche Lungenzellen vier Stunden lang den verdünnten Abgasen von Schiffsmotoren aus. Was dabei herauskam, verblüffte selbst die Forscher.

Eigentlich wollten sie die Emissionen von Schweröl untersuchen, diesem zähen Gemisch mit vielen giftigen Verbindungen, das die meisten Schiffe noch immer auf hoher See verbrennen. "Nur zum Vergleich", sagt Zimmermann, habe er die Lungenzellen in einem weiteren Versuch auch den Abgasen von Schiffsdiesel ausgesetzt, dieser angeblich sauberen Alternative, mit der die Schiffe im Hamburger Hafen fahren. Das Ergebnis: "Die Abgase aus dem eigentlich viel saubereren Diesel wirken akut viel stärker auf die Lungenzellen."

Nach vier Stunden hatten sich unter anderem die entzündungsauslösenden Parameter in den Lungenzellen verändert, aber auch solche, die die Energiesynthese beeinflussen. Gereizte Zellen können sich chronisch entzünden. Die Menschen können dann Lungenkrankheiten bekommen oder Probleme mit Herz und Kreislauf.

Warum der vermeintlich saubere Schiffsdiesel eine so schädliche Wirkung zeigt? Die Forscher vermuten, dass es am Ruß liegt, der bei Diesel in besonders großer Menge anfällt. An winzigen Teilchen, gerade mal 2,5 Mikrometer groß, für das Auge unsichtbar. Sie gelangen bis in die Lungenbläschen und richten dort Schaden an.

Zimmermann findet es "absurd", dass es für Autos mit Dieselmotoren zahlreiche Vorschriften gebe, für Schiffe, die Diesel verbrennen, aber praktisch keine – selbst wenn sie, wie in Hamburg, ebenfalls bis in die Innenstadt führen. Grenzwerte für die lungengängigen Minipartikel? "Gibt es nicht." Sie werden noch nicht einmal gemessen. Aus Sicht des Forschers gibt es nur eine sinnvolle Lösung, um die Gesundheitsgefahr zu mindern: Partikelfilter, wie sie für viele Autos längst vorgeschrieben sind. Für Schiffe sind sie technisch machbar, aber vielen Betreibern bislang schlicht zu teuer. Zimmermann sagt: "Für eine gesundheitsbewusste Fahrweise kommen wir um eine Filterung nicht herum." Es müsse nur ein Wille da sein und "sanfter Druck" ausgeübt werden.

In der Hamburger Umweltbehörde wird die neue Studie derzeit "eingehend geprüft", sagt Behördensprecher Jan Dube. "Es ist geplant, im Hafen noch in diesem Jahr eine Luftmessstation zu errichten." Die soll dann erstmals in der Stadt auch die lungengängigen Minipartikel messen, die den Forschern Sorge bereiten.

Doch allein vom Messen wird die Luft nicht sauberer. Im Senat verweist man auf geplante Maßnahmen: eine Landstromanlage soll es künftig auch für Containerschiffe geben, damit sie zumindest an der Kaimauer ihre Maschinen abstellen. Schiffe, die besonders viele Schadstoffe ausstoßen, sollen künftig höhere Hafengebühren zahlen. Die Grünen haben das vorgeschlagen, Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) habe in den Koalitionsgesprächen rasch zugestimmt, heißt es – weil er selbst gern am Elbstrand jogge und dabei sehe, wie dreckig manche Schiffe seien.

Und Rußpartikelfilter? Auch dazu steht etwas im Koalitionsvertrag: Die Wirtschaftsbehörde werde "geeignete Initiativen" ergreifen. Nicht nur Forscher Zimmermann wartet gespannt darauf.