Wo beginnt Schule? Wie? Wann? Und wo endet sie? Diese Fragen könnte man schnell beantworten. Aber vielleicht sollte man das nicht. Dieser Text erzählt von einem kleinen Thema, das große Fragen aufwirft. Er handelt vom Schulgong. Und von guter Schule.

Stadtteilschule Rissen, Freitagmorgen, Wahlpflichtkurs Musik, Jahrgang 7. "Guten Morgen, Frau Kloppenburg", rufen sechs Mädchen und sieben Jungen in den Raum. Lehrerin Nicole Kloppenburg schließt ihr Handy an die Technik neben dem Lehrerpult an. "Kloppi hat euch was mitgebracht", sagt sie. "Das ist der neue Gong."

Ein elektronischer Sound ist zu hören, drei Glockentöne, nacheinander angespielt, zusammen vier Sekunden lang. Die Schüler kichern.

(Die Finanzbehörde möchte den neuen Einheitsschulgong nicht veröffentlichen. Wir haben den Ton daher nachempfunden)

"Voll langweilig und hammerlangsam."

"Total deprimierend."

"Das fängt ja an wie ein Schlaflied!"

Schlaflied trifft es. Die Töne g, c und e sind den meisten Menschen vertraut als der Anfang von Lalelu, Musiker bezeichnen die Tonfolge als C-Dur-Dreiklang in zweiter Umkehrung. Diese drei Töne sollen künftig an allen Hamburger Schulen erklingen, die neu gebaut oder renoviert werden. Der zuständige Landesbetrieb Schulbau Hamburg hat im vergangenen Jahr eigens einen Tontechniker beauftragt, den Sound zu produzieren – mit den Vorgaben: drei Töne, nicht zu schnell, eben wie ein Schulgong

Nicole Kloppenburg schüttelt den Kopf. "Als ich den eben zum ersten Mal gehört habe, musste ich lachen", sagt sie zu ihren Schülern. Kloppenburg hatte in der ZEIT Nummer 24/15 ein Interview mit dem Gongschöpfer gelesen und sich bei der Redaktion gemeldet. Daraus entstand eine Idee: Könnte man nicht mit Schülern zusammen einen viel besseren Schulgong komponieren?

Kloppenburg geht zur Tafel. "Welche Eigenschaften sollte so ein Sound haben?", fragt sie.

"Er sollte rhythmisch schneller sein."

"Der Unterricht ist ja oft langweilig, er sollte auf jeden Fall wach machen."

"Er muss auf jeden Fall lauter als unser jetziger Gong sein."

"Es soll laut und fröhlich sein – und außergewöhnlich."

"Und länger, nicht so kurz."

Kloppenburg schreibt an die Tafel: Schneller. Wach machen. Lauter. Lustig, fröhlich. Mehr Takte.

Der Schulgong ist ein zentrales Element des Schulalltags. Gut ein Dutzend Mal hören ihn Schüler jeden Tag, grob gerechnet 250 Mal im Monat, 2300 Mal im Jahr. Er ist die konditionierte Trennlinie zwischen Unterricht und Pause, zwischen dem Ernst des Lernens und der Freude der Freizeit.

Der Landesbetrieb Schulbau Hamburg hat den Gong trotzdem nicht als pädagogisches, sondern als technisches Problem abgehandelt. Vielleicht liegt es daran, dass der Betrieb der Finanzbehörde zugeordnet ist, nicht der Schulbehörde. Dort weiß man nicht einmal, an wie vielen Schulen der Gong inzwischen installiert ist – das gehe in der Gesamtrechnung der Schulbauten unter. Kurzum: Die Pausensignalanlage (meist ausgeführt in Kombination mit einem sogenannten elektroakustischen Notfallwarnsystem, das für Hamburger Schulen vorgeschrieben ist) steht auf einer Stufe mit der Marke der WC-Armaturen. Technisch relevant, pädagogisch zweitrangig.