An Deck der Berlin stehen zwei Männer in leuchtend roten Anzügen, wachsam, mit Ferngläsern vor den Augen. Sie halten Ausschau nach einem kleinen Boot, das einen Motorschaden hat und es nicht mehr allein in den nächsten Hafen schafft. Vor wenigen Minuten hat die Rettungsleitstelle See auf der Berlin angerufen und dem Kapitän Michael Müller den Auftrag erteilt: Rausfahren und das liegen gebliebene Boot suchen!

Die Berlin ist ein Spezialschiff, das Menschen helfen soll, die in Seenot geraten sind. Der Kapitän hat nicht nur das Kommando auf dem Boot, sondern auch bei der Suche. Er hat die Berlin raus aus ihrem Hafen in Laboe in der Kieler Bucht gesteuert und seinen Leuten die Anweisung gegeben, ganz genau zu gucken. Es ist nämlich gar nicht so einfach, auf dem großen Meer etwas zu finden, von dem man nicht genau weiß, wo es ist.

Michael Müller ist 47 Jahre alt, hat kurze graue Haare und einen richtigen Seemannsbart. Er ist auf der Berlin der Vormann, so heißt der Kapitän eines Seenotrettungsschiffs. Der Name kommt von früher. Zu der Zeit, als die Retter noch mit Ruderbooten rausgefahren sind, guckte nur der Chef nach vorne – eben der Vormann. Alle anderen ruderten und saßen mit dem Rücken in Fahrtrichtung.

Die Seenotrettung ist eine alte Erfindung: Vor 155 Jahren lief einmal ein Schiff auf ein Riff in der Nordsee auf, und neun Seeleute starben, weil es keine Rettungsboote in der Nähe gab. Danach hat sich ein Verein gegründet, die "Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger". Und aus dem ist eine riesige Organisation geworden. Überall an den Küsten Deutschlands liegen heute die Schiffe des Vereins. 20 große und 39 kleinere Boote sind rund um die Uhr einsatzbereit, falls auf dem Wasser jemand Hilfe braucht.

Die Berlin ist 27,5 Meter lang und damit eines der größten Schiffe im Einsatz. Man nennt diese großen Schiffe "Rettungskreuzer", und sie sind sogar so groß, dass sie huckepack noch ein kleines Boot dabeihaben. Das Tochterboot der Berlin heißt Steppke. Michael Müller kann es zu Wasser lassen, wenn ein Schiffbrüchiger rausgezogen werden muss: Das geht von der Steppke aus nämlich besser als von der großen Berlin.

Oft helfen Michael Müller und seine Crew Surfern oder Kitesurfern oder retten Schwimmer oder Menschen, die von Bord eines Bootes gefallen sind. Manchmal kommt die Berlin auch einem Kreuzfahrtschiff zu Hilfe, wenn an Bord jemand krank geworden ist und an Land zu einem Arzt muss. Da kann ja nicht das ganze Kreuzfahrtschiff umdrehen. Die Berlin hat zwei mächtige Wasserkanonen, falls auf einem anderen Schiff mal ein Feuer ausbricht. Und einmal hat die Besatzung sogar ein Reh gerettet, das in Laboe ins Hafenbecken gefallen war. "Wir haben es am Fell gepackt und rausgezogen", sagt Michael Müller.

Der Einsatz an diesem Tag ist nicht so außergewöhnlich. Schnell hat die Mannschaft das Boot mit dem kaputten Motor gefunden. Es schaukelt auf den Wellen, ohne Motor ist es aussichtslos, wieder in den Hafen zu gelangen. "Bei diesem Wind sollte so ein Boot gar nicht mehr draußen sein", grummelt der Kapitän. Dann gibt er das Kommando, die Steppke zu Wasser zu lassen. Zwei seiner Kollegen sollen damit zu dem Boot fahren und dem Mann an Bord eine Leine zuwerfen. Die kann er an seinem Mast festknoten und sich von der Steppke abschleppen lassen.

Los geht’s: Der Maschinist auf der Berlin zieht an dem Hebel für eine Klappe, die den hinteren Teil des Schiffs, das Heck, öffnet. Die Steppke gleitet ins Wasser, und oben auf der Brücke drückt Michael Müller einen Knopf an seinem Funkgerät. Er gibt an die Zentrale durch: "Berlin, Berlin, 17.50 Uhr, wir sind vor Ort, haben das Tochterboot ausgesetzt, stellen Leinenverbindung her."

Vier Mann Besatzung hat die Berlin immer an Bord, damit solche Einsätze möglich sind. Die meisten sind Männer, es gibt nur ganz wenige Frauen, die für die Seenotrettung arbeiten. Die Crew bleibt immer zwei Wochen durchgehend an Bord, denn auch wenn die Berlin keinen Einsatz hat, ist die Besatzung jederzeit startbereit. Die Seemänner kochen in der Kombüse und schlafen unten im Rumpf ihres Schiffes in kleinen Kajüten. Wenn das Telefon klingelt und jemand Hilfe braucht, müssen sie ihr Schiff in Windeseile klarmachen zum Retten.

Auch Medikamente sind mit an Bord, und die Besatzung kann Erste Hilfe leisten. Wie nötig das sein kann, hat der Vormann Michael Müller schon als Kind erlebt. Als er ungefähr 14 Jahre alt war, ist er mal mit einem Freund in einem Angelkutter raus aufs Meer gefahren. Der Freund wurde von einem Petermännchen, einem giftigen Fisch, gestochen und bekam einen allergischen Schock. Zum Glück war damals die Seenotrettung zur Stelle.

Heute hat Michael Müller selbst die Übersicht an Bord. Er manövriert sein großes Schiff vor die Steppke, die das kleine Boot im Schlepptau hat, und fährt voraus – in den sicheren Hafen.