Deutschland hat seine Schulden nie bezahlt. Dies ist die Quintessenz des französischen Starökonomen Thomas Piketty in einem Interview mit der ZEIT (Nr. 26/15). Und sie ist reichlich pauschal. Wie ist die deutsche Schuldenhistorie wirklich?

Die Teilnahme am Ersten Weltkrieg finanzierte das deutsche Kaiserreich, indem Ersparnisse in Kriegsanleihen umgewandelt wurden. Von August 1914 bis zum März 1918 lieh sich das Kaiserreich insgesamt 98 Milliarden Mark durch Anleihen von seinen Bürgern und Unternehmen und weitere 86 Milliarden Mark durch kurzfristige Schatzanweisungen von Banken und von der Industrie. Deutschlands Schulden am Kriegsende betrugen ein Mehrfaches des jährlichen Bruttoinlandsprodukts von 1913. Allen Finanzexperten war klar, dass sich diese astronomischen Summen nur durch eine inflationäre Geldentwertung tilgen ließen.

Wer seine Kriegsanleihen gleich nach Kriegsende verkaufte, rettete lediglich ein Viertel seiner Geldanlage. 60 Prozent der Kriegsanleihenbesitzer gaben trotz der beschleunigten Inflation die Hoffnung auf eine Rückzahlung in Goldmark nicht auf und verloren alles in der Hyperinflation von 1923. Die Hyperinflation war keine "Steuer ohne Gesetz" (Milton Friedman), die alle Deutschen proportional zu ihrem Vermögen belastete, sondern eine ebenso große wie unsoziale Vernichtung und Umverteilung von Eigentum. Besitzer von Immobilien und Aktien überstanden den Krieg ohne Vermögenseinbußen, während die Sparer alles verloren.

Zu den Schulden aus der Finanzierung des Krieges kamen die Schulden aufgrund der angerichteten Kriegsschäden. Die Sieger verlangten Reparationen von Deutschland. Der Umgang mit diesen Verpflichtungen sollte späteren Generationen von Politikern und Ökonomen als negatives Fallbeispiel einer verfehlten Schuldenregelung dienen. Entgegen der Ansicht von Piketty erfüllte Deutschland seine Zahlungsverpflichtungen, solange sie wirtschaftlich tragbar waren. Während die Rückzahlung der Schulden über einen Zeitraum von 60 Jahren geplant war, waren die alliierten Gläubigerstaaten 1932 gezwungen, Deutschland seine restlichen Reparationsverpflichtungen zu erlassen. Es bestätigte sich die Warnung des britischen Ökonomen John Maynard Keynes, der schon 1921 vor einer zu hohen Belastung Deutschlands gewarnt hatte. Die Reparationen hatten Deutschlands schwere wirtschaftliche Depression nicht verursacht, aber es anfällig gemacht. Der Zusammenbruch des deutschen Bankensektors im Juli 1931 war nicht zuletzt eine Folge des chronischen deutschen Zahlungsbilanzdefizits.

So weit die Geschichte des Ersten Weltkriegs. Obwohl die Kriegsgegner 1932 eine Art Schuldenschnitt gewährten und auf ihre Reparationsforderungen verzichteten, begann Deutschland gleich darauf wieder, neue Kredite aufzutürmen – nun für die Aufrüstung und den Krieg unter Hitler. Wegen der Furcht der Deutschen vor einer neuen Inflation erfand Hitlers Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht aber ein Finanzierungsverfahren, das die Schulden des Reiches unsichtbar machte. Um die Sparer nicht noch mal zu bewussten Gläubigern des Reiches zu machen, setzte das Reich seine Anleihen an Finanzmarktinstitutionen wie Sparkassen, Banken und Versicherungen ab. Da dieser Weg über langfristige Papiere zur Finanzierung von Aufrüstung und Krieg aber nicht ausreichte, zahlte das Reich seine Ausgaben auch mit immer wieder verlängerten Wechseln ("Mefo-Wechsel") und Schatzanweisungen.

Die rigide Kapitalmarktlenkung der Reichsbank sorgte für den absoluten Vorrang der Reichsfinanzierung und drängte alle Konkurrenten um Kredite vom Kapitalmarkt. Eine rigide Preiskontrolle und die bereits 1937 beginnende Rationierung von Grundstoffen und Lebensmitteln sorgten trotzdem dafür, dass die geldmengengetriebene Inflation zurückgestaut wurde und nicht in Preissteigerungen sichtbar war.

Bis zum Kriegsende am 8. Mai 1945 war das Deutsche Reich mit insgesamt 452 Milliarden Reichsmark bei seinen Bürgern und Unternehmen verschuldet. Das Deutsche Reich presste den besetzten Staaten wie auch seinen Verbündeten (Italien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, der Slowakei und Kroatien) erhebliche Besatzungskosten und "Wehrbeiträge" im Umfang von insgesamt 60 bis 70 Milliarden Reichsmark ab. Damit wurde ein Teil der Kriegskosten finanziert. Hierzu kamen Zwangsexporte der besetzten und der befreundeten Staaten – netto noch einmal 31 Milliarden Reichsmark.

Piketty irrt mit seiner Vermutung, die europäischen Staaten hätten den größten Teil von Deutschlands Kriegskosten getragen. Die deutschen Kriegsschulden gegenüber dem Ausland waren deutlich niedriger als die Inlandsverschuldung. Die Regelung der deutschen Auslandsschulden aus der Kriegszeit war einem Friedensvertrag vorbehalten, den es nie geben sollte. Die Sowjetunion holte sich von 1945 bis 1953 Reparationen im Gesamtwert von 19 Milliarden Dollar aus der DDR.

Da die inländischen Reichsschulden das Viereinhalbfache des bundesdeutschen Bruttoinlandsproduktes von 1950 betrugen, gab es zu einer Annullierung der Reichsschulden keine Alternative. Der Krieg hatte die Geldmenge auf das Fünfzehnfache des Normalen erhöht. Amerikanische Ökonomen entwarfen 1946/47 den Plan für die Währungsreform, die am 20. Juni 1948 durchgeführt wurde. Von 1.000 ersparten Reichsmark blieben den Bundesdeutschen lediglich 65 Deutsche Mark. Es waren daher die privaten Haushalte und die Unternehmen, die für einen großen Teil der Nazi-Schulden aufkommen mussten.

Der bundesdeutsche Staat und die deutschen Unternehmen erhielten ihre internationale Kreditwürdigkeit 1953 durch das Londoner Schuldenabkommen zurück. Zweifellos profitierte die Bundesrepublik davon, dass ihre Vor- und Nachkriegsschulden von 30 auf 15 Milliarden Deutsche Mark reduziert wurden. Zu verdanken hatte die Bundesrepublik diesen Schuldenschnitt vor allem den USA, die auf die Rückzahlung von 8,4 Milliarden Deutsche Mark verzichteten.

Doch anders als heute bei Griechenland war das Problem damals nicht die Höhe der Schulden von nur 28 Prozent der Wirtschaftsleistung. Man hatte nur Bedenken, ob der deutsche Handelsüberschuss ausreichen könnte, die Auslandsschulden ohne eine Zahlungsbilanzkrise zu tragen. Doch mit dem Wirtschaftswunder schwanden diese Sorgen.

Piketty irrt sich in der Analyse der historischen Präzedenzfälle, fordert aber das Richtige. Da der Überschuss des griechischen Haushalts ohne Schuldendienst nicht einmal für die fälligen Zinsen reicht, ist ein gravierender Schuldenschnitt unvermeidbar. Mit einer Schuldensumme von 317 Milliarden Euro ist Griechenland der mit Abstand größte Fall eines (Beinahe-)Staatsbankrotts in Friedenszeiten. Beim bislang größten Staatsbankrott – 2001 in Argentinien – stand lediglich ein Betrag von 100 Milliarden Euro zu Buche. Und schon damals mussten die Gläubiger auf 70 Prozent ihrer Forderungen verzichten.

Im Video äußert sich Thomas Piketty zu den Gefahren für die Demokratie, die sich aus ungerechter Einkommensverteilung ergeben.

Thomas Piketty - "Ungerechte Einkommensverteilung gefährdet die Demokratie"