Sie kamen, um zu bleiben: junge, kampffähige Männer, gewöhnt an Krieg und Gewalt. Um das Jahr 375 waren sie aufgebrochen von der westlichen Schwarzmeerküste. Nun begehrten sie Zugang zum Imperium Romanum – Tausende gotische Krieger.

Die gotischen Stämme siedelten in den Gebieten nördlich des Oströmischen Reiches und standen seit langer Zeit im Austausch mit ihren römischen Nachbarn. Das Wohlstandsgefälle war nicht zu übersehen. Doch es lockte nicht allein der materielle Reichtum. Die Goten waren auch Getriebene: Wie andere ostgermanische Stämme wurden sie von hunnischen Reiterkriegern aufgescheucht, die von 375 an aus den zentralasiatischen Steppen nach Westen vordrangen. Durch innere Konflikte zusätzlich in Aufruhr versetzt, strömten die gotischen Kampfverbände gen Süden und erreichten im Jahr 376 die Grenzen des römischen Weltreichs. Am 9. August 378 schließlich standen sich das große Gotenheer und die Kontingente Ostroms gegenüber – bei Adrianopel, dem heutigen Edirne im europäischen Teil der Türkei. Die Schlacht war unvermeidbar.

Dabei hatte sich Rom dem Ansinnen der "Barbaren", sich auf dem Boden des Imperiums ansiedeln zu dürfen, zunächst gar nicht verweigert. Den Neuankömmlingen Land zu geben schien der einfachste Weg, die Situation zu beruhigen. Doch die römische Verwaltung konnte die Versorgung nicht sicherstellen – und wollte dies wohl auch nicht. Hungeraufstände brachen aus. Und nachdem die Römer versucht hatten, die Anführer der Goten bei einem Festmahl gefangen zu setzen, zog das Gotenheer plündernd durch die Lande.

Mehr als 20.000 Menschen ließen in dem Gemetzel bei Adrianopel ihr Leben. Auf römischer Seite war sogar der Tod des Kaisers zu beklagen: Valens, Herrscher über den Ostteil des Römischen Reiches, fiel am späten Abend, als die Schlacht schon fast vorüber war. Die Goten hatten den Sieg davongetragen. Spätestens jetzt war die sogenannte Völkerwanderung zu einem akuten Problem für das römische Imperium geworden.

Vorboten dieser Entwicklung hatte es genug gegeben, denn die germanischen Stämme befanden sich über die Jahrhunderte immer wieder in Bewegung. Die Ursachen dieser frühen Germanenzüge sind verblüffend aktuell: Antike Quellen berichten von existenziellen Notlagen, von Naturkatastrophen, Klimaveränderungen und Vertreibungen durch Krieg.

Vereinzelt führte dies zu Konflikten mit Rom, am Ende des 2. Jahrhunderts vor Christus beispielsweise. Damals zogen die Kimbern, Teutonen und Ambronen, deren ursprüngliche Siedlungsplätze im heutigen Jütland lagen, bis nach Südfrankreich. Bei Arausio, dem heutigen Orange, erlitten die Römer gegen sie eine der schwersten Niederlagen ihrer Geschichte mit rund 70.000 Toten. Etwa 50 Jahre später dienten Julius Cäsar unter anderem die umherziehenden germanischen Stämme in den Westalpen als Vorwand für seinen Gallischen Krieg.

Doch die römisch-germanische Geschichte handelt nicht nur von Eroberung und Verdrängung. Insbesondere während der römischen Kaiserzeit ab 27 vor Christus entstanden auch Formen friedlicher Koexistenz, zu deren Schmelztiegel das gemeinsame Grenzgebiet zwischen dem römischen Imperium und den germanischen Siedlungsgebieten wurde.

Dieses Grenzgebiet erstreckte sich von der Rheinmündung im Westen bis zum Schwarzen Meer im Osten. Strikt getrennt lebten Römer und "Barbaren" dort nicht: Germanische Fürsten erfreuten sich an römischen Luxusgütern, vom Zwerghund bis zum edlen Tafelgeschirr, römische Kaiser ließen sich germanische Leibwächter kommen, reiche römische Bürger kauften germanische Sklaven.

Kulturelle Missverständnisse blieben freilich nicht aus. Ein schönes Beispiel schildert Tacitus, Verfasser der Germania, der bedeutendsten ethnografischen Schrift über die Germanen aus der Antike: Im Jahr 58, berichtet er, erschien eine Gruppe Friesen in Rom, um von Nero eine Bestätigung ihrer neuen Siedlungsplätze zu erhalten. Während ihres Aufenthaltes besuchten die "Barbaren" eine Theateraufführung. Rasch gelangweilt von der Handlung, ließen sie sich von ihren Banknachbarn die streng nach gesellschaftlichem Rang sortierte Sitzordnung erklären. Danach erhoben sich die Friesen von ihren billigen Plätzen und nahmen selbstbewusst in den Logen für Senatoren und Gesandte ausgezeichneter fremder Völker Platz.

Genaue Kenntnisse über die Menschen nördlich von Rhein und Donau gewannen die Römer erst nach Jahrhunderten. Vorurteile hatten sie von Anfang an. Velleius Paterculus etwa, römischer Offizier und Geschichtsschreiber zur Zeit des Tiberius, legt dem Verlierer der Schlacht im Teutoburger Wald Varus in den Mund, die Bewohner Germaniens hätten, abgesehen von Stimme und Gliedern, nichts Menschenähnliches an sich.

Tacitus äußert sich anders. Er betont die Sittenreinheit des germanischen Stammeslebens, das nicht durch aufreizende Schauspiele und maßlose Gelage verdorben sei – wohlgeratene Germanen als Vorbilder für die verkommene römische Gesellschaft. Das Leben im Norden schilderte indessen auch er als beschwerlich. In Germanien herrsche ein raues Klima, und Aussehen und Ausstattung des gesamten Landes seien eher traurig.