Eine kleine Sensation: Siebzig Jahre nach dem Untergang des "Dritten Reichs" tauchen mit den Aufzeichnungen Alfred Rosenbergs die privaten Tagebücher eines der prominentesten NS-Führer wieder auf. Das Aufsehen ist nur deshalb nicht größer, weil man schon lange von ihnen wusste: Der deutschstämmige US-Ankläger Robert Kempner hatte sie bei den Nürnberger Prozessen mitgehen lassen und nicht freigegeben. Nach dessen Tod verschwanden sie aus seinem Nachlass – erst 2013 gelang es, die Blätter ausfindig zu machen. Jetzt haben die Holocaust-Experten Jürgen Matthäus und Frank Bajohr die neuen Dokumente veröffentlicht: Sie reichen von 1934 bis 1944 – weit über die bekannten Tagebuchteile von 1934/35 und 1939/40 hinaus. Allein das macht dieses Buch zu einer der wichtigsten Publikationen zur NS-Geschichte der letzten Jahre.

Aus der Führungsspitze des Nationalsozialismus liegen nur vom Propagandaminister Joseph Goebbels vergleichbare Tagebücher vor. Rosenbergs Aufzeichnungen sind zwar bei Weitem nicht so umfangreich und dicht, dennoch gewähren sie viele neue Einblicke in das Machtzentrum des NS-Staates. Schließlich zählte Rosenberg zu den einflussreichsten NS-Führern – manche Historiker meinen, dass von Hitlers Entourage nur Goebbels, Himmler und Göring wirkmächtiger waren. Rosenberg war der Chefideologe des Nationalsozialismus, nicht erst seit seiner Hetzschrift Der Mythus des 20. Jahrhunderts von 1930. Von ihm bezog selbst Hitler wichtige Elemente seiner Weltanschauung, vor allem das Feindbild vom "jüdischen Bolschewismus". Nach 1933 arbeitete Rosenberg unentwegt daran, dieses "Problem" auf der Agenda des NS-Staates zu halten. Er gehörte zu den Vordenkern der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik – als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete gestaltete er sie seit 1941 auch praktisch mit.

Zur Geschichte des Holocaust, der die Herausgeber in ihrer Einleitung den breitesten Raum widmen, sagen Rosenbergs Tagebücher allerdings kaum etwas Neues aus. Gerade in den entscheidenden Phasen der Jahre 1941 und 1942 klaffen in den Aufzeichnungen die größten Lücken. Auch sonst sparte Rosenberg das Thema fast völlig aus – ob es für ihn allzu selbstverständlich war oder zu delikat, bleibt ungewiss. Dass Rosenbergs Ministerium an der Planung und Realisierung des Völkermords direkt mitwirkte, wissen wir aus anderen Quellen – nachzulesen in Ernst Pipers maßgeblicher Biografie von 2005. In manchen Darstellungen ist freilich noch immer die Rede davon, dass Rosenberg kein Mitspracherecht beim Holocaust hatte.

Ähnliches gilt für seine Rolle in der Besatzungsherrschaft: Der Mythos vom Ostministerium als Papiertiger wurde längst zurechtgerückt, geistert aber weiterhin durch die Literatur. Fraglos ist, dass Rosenbergs Zivilverwalter zu den Hauptakteuren des deutschen Terror-Regimes im Osten zählten. Fraglich bleibt aber, inwieweit sie sich dabei von der Berliner Zentrale lenken ließen. Rosenbergs Tagebücher schärfen den Blick hierauf. Sie liefern neue Details zu Rosenbergs Aktivitäten und Initiativen, die nicht alle so scheiterten wie sein Werben für eine differenziertere Besatzungspolitik. Am Ende blieb dies freilich hängen: Als seine "Ostgebiete" 1944 "dahin" waren und er in der Bedeutungslosigkeit versank, klagte er verbittert, dass der Krieg "einen anderen Weg genommen" hätte, wenn man nur auf ihn gehört hätte.

Die Tagebücher zeigen, wo Rosenbergs Einfluss an Grenzen stieß – sie sagen damit viel über die Machttektonik des NS-Regimes aus. Nicht nur Himmler und Göring griffen in seinen Machtbereich hinein. Auch gegenüber seinen eigenwilligen Statthaltern im Osten konnte er sich immer weniger durchsetzen. Sowohl der berüchtigte Reichskommissar Erich Koch in der Ukraine als auch Hinrich Lohse im "Ostland" verhielten sich zunehmend wie "Kurfürsten gegen den Kaiser". Von Berlin aus waren Rosenbergs Zügel schlicht "zu lang". Die Möglichkeit von häufigeren Inspektionsreisen versäumte er – während Himmler schon 1941 im Osten vor Ort war, um die Ermordung der Juden persönlich voranzutreiben.

Die Konflikte innerhalb der Führungselite waren das Kennzeichen der NS-Polykratie – die Einblicke in diese "Diadochenkämpfe" zählen zu den erhellendsten Aspekten der Tagebücher Rosenbergs. Am meisten ereiferte er sich über Goebbels, der für ihn die "Eiterbeule" des NS-Staates war – und angeblich auch von den meisten übrigen NS-Größen verachtet wurde. Abfällig äußerte sich Rosenberg außerdem über Ribbentrop, Heß, Bormann und viele andere. An Himmler kritisierte er einzig dessen Machtgebaren, während das Verhältnis zu Göring von Respekt geprägt blieb, trotz Irritationen durch das Kompetenzgerangel. Überraschend ist, dass er sich kaum über Speer beschwerte, obwohl dieser ihm besonders viel Konkurrenz machte.

Dem "Führer" war er bedingungslos ergeben – seine Schilderungen der Begegnungen mit ihm sagen viel über die Kultur der NS-Elite und Hitlers Machttechniken aus. Je mehr Rosenberg an Einfluss verlor, desto stärker störte er sich jedoch an diesem System. Mitte 1943 beklagte er, dass es in Deutschland "keine Regierung" gebe, sondern nur "diadochenartige Gruppen" – und dass nun der Kanzleichef Martin Bormann "an der Macht" sei und einen "Ring um den Führer" errichtet habe. Anhand von Rosenbergs Beobachtungen lassen sich jene zersplitterten Machtstrukturen aus der Innenperspektive nachvollziehen, durch die Hitler bis zuletzt die Kontrolle behielt.

Am meisten sagen die Tagebücher über Rosenberg selbst aus – sie sind ein Paradebeispiel für die Unbeirrbarkeit ideologischen Denkens. Seinen Grundüberzeugungen von 1919 blieb er bis zu seiner Hinrichtung 1946 treu. Dazu gehörte die Fähigkeit, alles umzudeuten, was nicht ins Bild passte. Die Niederlage von Stalingrad feierte er als "Ausgangspunkt des Sieges", die "Vernichtung der Großstädte" im Bombenkrieg begriff er als "Chance für [die] Wiederentdeckung des Ländlichen". Sich selbst sah er auf einer Mission "weltgeschichtlichen Ausmaßes" zur Neuordnung eines ganzen Kontinents – und zu dessen Befreiung von "Bolschewismus" und "Judentum". Gleich nach diesen Hauptfeinden kamen in Rosenbergs Denken die Kirchen. Auch das geht aus den Aufzeichnungen nun deutlicher hervor.

Neben der Ideologie trieb Rosenberg vor allem seine Egomanie an – an vielen Stellen des Tagebuchs nimmt sie fast komische Züge an. Etwa wenn er befriedigt einen Anhänger zitiert, der ihn als "größten Denker unserer Geschichte" bezeichnet. Lobhudelei und Applaus registrierte er mit Vorliebe. Bei seiner Auszeichnung auf dem Parteitag 1937 etwa vermerkte er Beifall "von einer einmütigen Wucht" und "ohne Ende" – und wie die Gauleiter "z. T. geheult" hätten vor lauter Rührung. Zur gleichen Zeit erregte sich Rosenberg über die "Selbstbeweihräucherung" anderer Parteiführer – auch solche Absurditäten spiegeln die partikularistische Realität, in der NS-Funktionäre wie er lebten. Rosenbergs Tagebücher zeigen, wie sich die NS-Polykratie auch aus der Geltungssucht ihrer kleinbürgerlichen Führer speiste.

Daneben enthalten die Tagebücher eine Fülle weiterer Details zu diversen Vorgängen im NS-Staat. Etwa zu den Aktivitäten seines Außenpolitischen Amts, das bis in die ersten Kriegsjahre in der Diplomatie mitmischte. Oder zu den Beutezügen seines "Einsatzstabes", der während des Krieges in Europa Kunstschätze raubte. Bemerkenswert sind auch seine kritischen Sichtweisen auf Ereignisse wie das Pogrom von 1938 oder den Hitler-Stalin-Pakt von 1939. Weitere interessante Perspektiven ergeben sich auf Institutionen wie die Wehrmacht, deren ideologische "Einheit" aus Rosenbergs Sicht erst im Werden war.

Da die Kommentierung der Edition auf Personen beschränkt ist, muss man weitere Literatur danebenlegen, um alle Hintergründe zu verstehen. Die oft kursorischen Aufzeichnungen werfen auf vieles zudem nur ein Schlaglicht – und sie enthalten keinen rauchenden Colt. Gleichwohl: Die Rosenberg-Tagebücher liefern wichtige neue Mosaiksteine in unserem Wissen über das "Dritte Reich". Dieses Buch wird in Zukunft zum festen Kanon der Literatur zur NS-Geschichte gehören.