Wer schläft, heißt es, schaltet ab. Körperfunktionen, Aufmerksamkeit, Bewusstsein – alles steht auf Stand-by. Aber denkste, in Wirklichkeit geht es jetzt erst richtig los. Ungehemmt tauchen die Tagesreste wieder auf, fügen sich jenseits aller Logik zu wundersamen Welten. Das kreative Potenzial des Träumens hat Schriftsteller und Künstler von jeher fasziniert, allen voran die Surrealisten, die vorm Schlafengehen ein Schild an die Tür hängten: "Der Dichter arbeitet".

"Nichts ist kopflastiger als der Schlaf", sagt auch Andreas Spechtl, der dieser Tage das Neueste zum Thema "Schlafend lebt man besser" veröffentlicht. Der Sänger und Gitarrist der Band Ja, Panik hat unter dem Titel Sleep ein Soloprojekt gestartet, gewissermaßen einen experimentellen Nebenraum parallel zur Band. Ja, Panik gehören seit mindestens vier Jahren zum Besten, was dem deutschsprachigen "Diskurspop" passieren konnte. Ebenso emphatisch wie reflektiert hat die Gruppe den hohl gewordenen Begriff mit politischer Deutlichkeit, Witz und Poesie neu gefüllt. Das letzte Album Libertatia verhandelte die Sehnsucht nach Alltagsflucht und die Unmöglichkeit von Utopie jenseits der nächsten Party. Als Fortsetzungsgeschichte betrachtet, ist Sleep nun der Versuch, den Aufbruch in eine andere Welt im Schlaf zu schaffen.

Schlafend, so das implizite Versprechen der acht Stücke, widersteht man dem Effizienzdruck des Alltags. Dabei gibt es hier kaum Text, der einem das erzählen könnte. Die wenigen Sätze, die Spechtl, übrigens auf Englisch, mit gedehnter, träger, oft technisch verzerrter Stimme singt, stehen gleichrangig neben Scharen dicht aufeinandergeschichteter Tonspuren. Sein Gesang klingt manchmal entrückt und weit entfernt, dann wieder ist er so nah, dass man hört, wie sich sein Mund öffnet. Ein pulsierender Bass, ein mal schleppendes, mal trippelndes Schlagzeug, verhuschte Bläser, Rasseln, eine assoziativ wandelnde Klaviermelodie und sparsam eingesetzte Gitarrenklänge überlappen einander; Störgeräusche werden ein- und ausgeblendet, etwas knistert, sirrt, summt und rauscht, aus einem Stimmengewirr heraus bestellt jemand Kaffee.


In einer Bar in Berlin-Neukölln erzählt Spechtl, dass sein neues Projekt mit einem ganz ähnlichen Apparat begann, wie er jetzt gerade vor ihm auf dem Tisch liegt. Über anderthalb Jahre hielt er immer wieder ein kleines Aufnahmegerät in die Gegend und sammelte Geräusche, die auf Sleep wieder auftauchen, wie aufgeschnappte Zitate seiner Umgebung, Echos seiner Alltagswelt oder auch: wie Geister aus der Vergangenheit in einem Traum. Trotz der Fülle an Sound wirken die Stücke auf Sleep mehr skizzenhaft als auserzählt, nichts drängt sich auf oder ist zu viel.

Das liegt daran, dass Spechtl nach dem Prinzip Reduktion und Repetition vorgeht: Er spielt mit dem Reichtum an Möglichkeiten, der sich gerade aus der Beschränkung auf ein, zwei Akkorde und Rhythmusverschiebungen ergibt. Er bezieht sich auf eine weit verzweigte Musikgeschichte, die von der Minimal Music Steve Reichs zu den Ambient-Platten Brian Enos reicht, ebenso aber zur traditionellen Kreuz- und Polyrhythmik aus dem subsaharischen Afrika. Europäische und afrikanische Musik seien ohnehin kaum voneinander zu trennen, sagt Spechtl. Auch hier gilt wieder das Echo-Motiv: An ganz anderen Orten zu ganz anderer Zeit hallt etwas wider, was schon einmal da war.

Verfremdete Stimmen, Halleffekte, der Lo-Fi-Sound historischer Field-Recordings, die wie im Traum wiederkehren – der Kulturwissenschaftler Mark Fisher fasst diese Phänomene unter dem Begriff "Hauntology" zusammen. Spechtl hat während der Entstehung von Sleep viel Fisher gelesen, fasziniert hat ihn die Idee, unsere Gegenwart werde von den Gespenstern verlorener Zukünfte heimgesucht, dass die Sehnsucht nach Neuem also paradoxerweise rückwärts- statt vorwärtsgewandt sei. Während die Zugriffsoptionen auf Vergangenes sich ins Unendliche steigern, die technologischen Veränderungen sich in ihrer Geschwindigkeit überbieten, bewege sich kulturell und gesellschaftlich nichts mehr. "Da ist nach oben hin einfach nichts mehr offen", sagt Spechtl. Es klingt, als schwanke er selbst zwischen Wut und Resignation.