Schön ist diese Stadt nicht. Beton, so weit das Auge reicht. Hoteltürme ragen in den Himmel. Hier herrscht, pro Einwohner gerechnet, die größte Hochhausdichte der Welt. Massenmenschhaltung mit Seeblick. Und vom Strand ist nicht viel zu sehen, nicht einmal auf den Werbefotos der Tourismuszentrale. Der Sand verschwindet unter Liegestühlen, Handtüchern, nackter Haut. Es sieht aus, als hätte man eine mittlere Großstadt auf einen einzigen Strand gezwängt.

Benidorm an Spaniens Costa Blanca ist längst mehr als ein Urlaubsort. Es ist ein Symbol für touristischen Größenwahn. Von den 200 höchsten Gebäuden Spaniens stehen 140 in Benidorm. Allein das Hotel Bali hat 776 Zimmer. Konsequent hat man Benidorms Reize – 300 Sonnentage im Jahr und schöne Strände – an die Massen gebracht. Umgarnt deutsche Rentner und feierfreudige Briten, eine Übernachtung mit Vollpension gibt es schon für 40 Euro. Dazu bietet die Stadt ein Begleitprogramm, das der Soziologe José Miguel Iribas mit "Alkohol, Drogen, Tanz und Sex" beschrieb. Hier geht man nicht ins Museum, sondern in die All-you-can-drink-Bar.

Dabei sah es hier in den 1950er Jahren noch ganz lauschig aus, wie alte Fotos zeigen. Fischerboote schaukelten auf den Wellen. Am Ufer standen wenige Häuser, keines hatte mehr als zwei Geschosse. Doch dann kam Pedro Zaragoza Orts, Bürgermeister von 1950 bis 1967. Er verwandelte Benidorm in eine Stadt der Höhe. 1959 eröffnete das erste große Hotel. Bald schoss die Stadt in den Himmel, fraß sich bis an den Strand. Baugesetze gab es zunächst nicht, später nahm man sie nicht ernst. Von Anfang an sollte Benidorm auch ein Ort sein, an dem man dem sittenstrengen Alltag des Franco-Regimes entfliehen konnte: Der Bürgermeister erlaubte, an den Stränden Bikinis zu tragen – auch wenn der Erzbischof von Valencia ihm dafür gleich mit Exkommunizierung drohte. Benidorm wuchs, auf heute rund 70.000 Einwohner und Millionen von Besuchern pro Jahr.

Für Pilar Marcos von Greenpeace Spanien ist Benidorm vor allem eines: Vorreiter, was die Betonierung der Küste betrifft. Ein Benidorm allein könnte die Küste wohl verkraften. Aber viele andere Orte nahmen sich den Koloss zum Vorbild. Zwischen 1987 und 2005, hat Greenpeace errechnet, verschwand entlang der spanischen Küste täglich die Fläche von acht Fußballfeldern unter Asphalt und Beton. Und der Bauboom ist keineswegs gestoppt. Gerade die Comunidad Valenciana, zu der Benidorm gehört, verwandele sich weiter in ein Steinmeer. "Die Touristen brauchen ja nicht nur Hotels", sagt Marcos, "sie brauchen Straßen, Parkplätze, Freizeitparks. Und immer weicht die Natur." Martina von Münchhausen, Tourismusexpertin der Naturschutzorganisation WWF, kritisiert nicht so sehr den Massentourismus an sich. Auch eine Anlage mit Hunderten von Gästen könne umweltverträglich betrieben werden, sagt sie. Verheerend aber sei, wie hemmungslos nah die Hotels an der Küste stünden. "Da werden Ökosysteme zerstört. Und die sind für immer weg, selbst wenn die Bettenburg mal abgerissen wird." Und all das für eine Urlaubsform mit geringen Gewinnspannen. "Die Leute buchen Bettenburgen nur noch, wenn die richtig billig sind."

Immerhin: Für manche spanische Familie ist Benidorm, der Wirtschaftskrise wegen, derzeit das einzige Urlaubsziel am Strand, das sie sich noch leisten kann. Und hier genießen nicht nur Gutbetuchte Seeblick – bei einem Strandhotel mit 30 Stockwerken fällt eine schöne Aussicht für viele an. Der Soziologe Iribas verteidigte die Stadt ohnehin: Benidorm nutze weniger als zwei Prozent von Valencias Küstengebiet – erwirtschafte aber 42 Prozent der touristischen Einkünfte. Wer ein Ferienhaus auf dem Lande bucht, verbrauche mehr Boden. Wenn die Bettenburgen nun einmal da sind, so manche Experten, sei es besser, sie auch zu nutzen. Und nicht auch noch das Hinterland zu verbauen.