Wir haben uns so sehr an die politische Rhetorik eines unglaublich weltoffenen und modernen Landes gewöhnt, dass die Wiederkehr des hässlichen Deutschen, den die Südeuropäer in uns erblicken, ziemlich überrascht. Noch überraschender sind lediglich die Kommentare, mit denen man den Ansehensverlust in Europa abtut: Man habe die Deutschlandkritik so lässig zu ertragen wie ein Gentleman die vorlaute Unterschicht oder der Hausherr die hysterische Gattin. Offenbar ist man sich einig, dass die Südländer, die sich vor lauter Arbeitslosigkeit an Ouzo und Grappa vergreifen, an einer Bewusstseinstrübung leiden – was natürlich jeden Diskurs, jeden Austausch von Argumenten erstickt. Vielleicht könnte man die Facetten der Deutschlandkritik für einen Moment auf sich wirken lassen, statt sie als lästiges Nebengeräusch eines an sich sinnvollen hegemonialen Handelns zu verbuchen.

Zu den wohl irritierendsten Momenten der Deutschlandkritik, man muss daran erinnern, zählte der Boykottaufruf gegen deutsche Produkte, der sich im Netz verbreitete. Unter dem Hashtag #BoycottGermany veröffentlichte auch David Graeber einen Tweet und erinnerte einmal mehr an den deutschen Schuldenerlass nach dem Zweiten Weltkrieg, der Deutschlands Wohlstand mitbegründete. Der amerikanische Anthropologe, er ist übrigens eine wichtige Referenz im Schrifttum von Yanis Varoufakis, hatte in seinem viel beachteten und vor allem in Deutschland gefeierten Buch Schulden: Die ersten 5000 Jahre vor vier Jahren dargelegt, dass Schulden auf fatale Weise die schlagkräftigste Waffe im Gegeneinander der Nationen seien. Die Unbedingtheit, mit der Schulden eingetrieben würden, leiste einer falschen Moralisierung Vorschub, provoziere Kriege und ermögliche es Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds, als Schuldeneintreiber ganze Staaten und Gesellschaften in Vormundschaft zu nehmen. Dabei sei es überhaupt nicht selbstverständlich, so Graeber, dass diese stets zurückgezahlt werden müssten – die Zinsen zeigten schließlich das Risiko der Gläubiger an: Wer Schulden austeilt, muss mit Verlusten rechnen.

Würden Schulden also moralisiert und instrumentalisiert (und so gut wie jede moderne Krise oder Revolution resultiere aus ihnen, behauptet Graeber), müsse es umgekehrt denkbar sein, aus moralischen Gründen in großem Umfang Schuldenerlasse durchzuführen, wie es in der Geschichte durchaus üblich war, um Unruhen vorzubeugen. Dass nach den Verhandlungen Hunderttausende Twitter-Nutzer auch unter dem Hashtag #ThisIsACoup ("Das ist ein Staatsstreich") ihre Wut über die angebliche Erpressung Griechenlands zum Ausdruck brachten, liegt somit auf Graebers populärer Linie: Die Verweigerung eines umfangreichen Schuldenschnitts erzwinge griechische Reformen, für die es keine demokratische Legitimation gebe, die dafür aber das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Gläubigern und Schuldnern zementierten. Die Versklavung nehme kein Ende.

Es gehört zu einer eigentümlichen Argumentationslogik der Deutschlandkritiker, einerseits eine falsche Moralisierung von Schulden zu beklagen und gleichzeitig selbst eine sehr dezidiert moralische Position einzunehmen: Deutschland habe die "komplette Kapitulation" Griechenlands betrieben, einen "Regimewechsel und die totale Demütigung" beabsichtigt, so der etwas inflationär zitierte Ökonom Paul Krugman. Sein Kollege Jeffrey Sachs sprach von einer "Ignoranz" und "Grausamkeit", die er noch nie erlebt habe. Die Superlative, die Endzeitrhetorik, die angebliche Unvergleichlichkeit der Verhandlungen gingen mit den vielfach beklagten Analogien zum Nationalsozialismus einher: Der Aufruf, deutsche Produkte zu boykottieren, findet seine Entsprechung im Boykottaufruf der amerikanischen Jewish War Veterans und anderer Organisationen in den USA und in Großbritannien 1933; einer Aktion, die naturgemäß im Ausland, nicht aber in Deutschland präsent ist.

Die Moral der Deutschen ist mittlerweile vertraut und gut eingeübt: "Der Grieche" müsse, wie es in einer allgemeinen, verbrauchten Wendung heißt, "seine Hausaufgaben machen". Er habe "jetzt lange genug genervt" (Thomas Strobl, CDU). Es nervten natürlich im Speziellen die "asozialen griechischen Superreichen" (Sigmar Gabriel, SPD), als gehörten sie hierzulande zu einer so gut vertrauten Spezies wie "die Russen" im Wiesbadener Kasino. Andere historische Analogien aus der Geschichte des deutschen Sozialneids mag man nicht voreilig ziehen, aber es ist natürlich auffällig, wie "der Grieche" abwechselnd als fauler Sozialschmarotzer (die üppigen Renten) und als Kapitalistenschwein und Oligarch gebrandmarkt wird. Offenbar wird die eigene Moral, der Anstand, die Tüchtigkeit als derart beeindruckend empfunden, dass "der Grieche" gegenüber deutschen Sekundärtugenden fast notwendigerweise als böser Schlendrian und Steuerhinterzieher erscheinen muss – was man angesichts der sozialen Not und des kollektiv empfundenen Ehrverlusts in Griechenland als zynisch begreifen darf. Genau besehen, ist die Moralisierung des deutschen Verhaltens durch seine Kritiker nichts weiter als eine Reaktion auf die Moralisierung der Deutschen, die in der Überschuldung von Ländern ein charakterbedingtes Fehlverhalten erblicken. Während die Kritiker auf die systemischen Verschuldungszusammenhänge der Weltökonomie verweisen, klagen die Deutschen Schludrigkeiten an und verlangen Reformen.