Kurz vor Brüssel, auf einem Autobahnrastplatz an der Europastraße 40, springt der Fernfahrer Jörg Tretow aus seinem Führerhäuschen, guckt nach links, guckt nach rechts, zieht mit beiden Händen den Hosenbund seiner Jeans nach oben und trottet Richtung Dixi-Klo. "Letzte Gelegenheit", ruft er, "hinter Brüssel wird nicht mehr gepinkelt."

Hinter Brüssel beginnt das, was Tretow "Gefahrengebiet" nennt. Dort führt die E 40 weiter nach Calais, in jene Hafenstadt, von der aus die Fähre in Richtung England ablegt und täglich Tausende Lkw auf Zügen durch den Eurotunnel rollen.

Tretow fährt die Strecke seit 13 Jahren. Sie ist nicht nur bei Fernfahrern beliebt, die in England ihre Fracht abliefern, und bei Touristen, die auf den Britischen Inseln Urlaub machen.

Sie ist auch ein Hoffnungsweg geworden für Flüchtlinge, die in Großbritannien Fuß fassen wollen. Weil sie dort Verwandte haben zum Beispiel, weil sie gut Englisch sprechen oder weil sie glauben, man finde dort schnell einen Job. Ohne den richtigen Pass ist es für sie nahezu unmöglich, nach England zu gelangen. Doch eine kleine Chance bleibt: als blinder Passagier in einem Lkw. Und diese Chance nutzen die Flüchtlinge. Um fast jeden Preis.

In der ersten Jahreshälfte 2015 entdeckte die Polizei mehr als 18.000 Menschen, die sich in Lkw versteckt hatten, um illegal den Ärmelkanal zu überqueren. 18.000 – das sind im Schnitt 100 pro Tag. Sie verstecken sich im Radkasten, sie binden sich an der Hinterachse der Anhänger fest oder krabbeln in den Laderaum, verschanzen sich hinter Kartons und Europaletten. Sie zwängen sich in Zementmischer und Kühltanks, sie kauern stundenlang zwischen Schweinebeinen und holländischen Tomaten. Sogar in der Brühe von Chemietanks hat die Polizei schon Flüchtlinge gefunden.

Jörg Tretow sagt, er habe in den letzten Jahren zehn Flüchtlinge an Bord gehabt, mindestens. "Meine Taxigäste" nennt er sie. Einmal sind sie schon in Brüssel heimlich auf seinen Truck gekrochen. Einmal sprangen sie erst kurz vor dem Eurotunnel auf den Zug auf, wo Tretow mit seinem Lkw stand.

Mit Nagelknipsern zertrennen die Flüchtlinge die verplombte Zollschnur, die den Anhänger versiegelt. Mit Teppichmessern schlitzen sie die Lkw-Plane auf.

Manche Flüchtlinge schieben Einkaufswagen auf die Fahrbahn, um die Fahrer zum Stehen zu bringen. Andere wandern entlang der Leitplanken und warten auf einen Stau. Dann springen sie aus dem Straßengraben, brechen die Hecktüren der Laster auf oder klettern per Räuberleiter auf die Anhänger. Einige springen auch von Brücken aufs Dach der Trucks.

Wenn Jörg Tretow in eine Polizeikontrolle kommt und auf seinem Truck ein Flüchtling entdeckt wird, kann es für ihn teuer werden. Tretow gilt dann als Menschenschmuggler und muss pro Flüchtling bis zu 2.000 Pfund bezahlen. Es sei denn, er kann beweisen, dass er alles getan hat, um blinde Passagiere abzuhalten.

Deshalb verriegelt Tretow seinen Truck mit Drahtseilen, Plomben und einem Vorhängeschloss. Deshalb hakt er nach jeder Pinkelpause eine Checkliste ab: Liegt jemand auf der Hinterachse? Ist die Plane aufgeschlitzt? Sitzt das Schloss?

Tretow hat Kunststoffplatten und Dachplanen geladen. Aber er riegelt seinen Lkw ab, als sei er ein Geldtransporter. In den nächsten drei Stunden bis Calais wird er an keinem Rastplatz halten, an keiner Tankstelle, keiner Haltebucht. Das steht sogar in seinem Arbeitsvertrag.

Als Anfang Juli in Calais die Hafenarbeiter streikten, stauten sich die Trucks bis nach Belgien. Die Flüchtlinge warteten nicht mehr bis zur Dämmerung, sie liefen tagsüber auf die Autobahn und brachen die Anhänger auf, in Scharen von 20, manchmal 30 Mann. Den Fahrern blieb nichts übrig, als ihnen dabei zuzusehen. "Die sind zu zwanzigst", sagt Tretow. "Ich bin allein in meinem Truck." Er erzählt von Flüchtlingen, die mit Steinen auf seine Kollegen warfen. Auf Foren wie brummionline.com haben Fernfahrer Videos verlinkt. Verstörende Aufnahmen von Menschen, die kopflos auf die Fahrbahn rennen und die Lkw regelrecht entern. Die Videos tragen Namen wie Calais – der Wahnsinn nimmt kein Ende. Es gibt bei YouTube auch Videos von Truckern, die Flüchtlinge verprügeln und zu Boden treten.

Die Rastplätze sind längst verbarrikadiert

"Auf den Straßen von Calais herrscht Krieg", sagt Jörg Tretow. Der Sprecher vom Bundesverband Güterkraftverkehr sagt: "Die Lage in Calais gerät völlig außer Kontrolle." Der Verband hat vor Kurzem eine Petition an die Bundesregierung geschickt. Darin bitten die Spediteure die Regierung, "alles zu unternehmen, damit die körperliche Unversehrtheit der Fahrer gewährleistet und das Eigentum der Unternehmen wirksam geschützt wird". Die Fahrer haben Angst um ihre Gesundheit. Die Spediteure haben Angst um die Fracht ihrer Kunden: Viele Flüchtlinge zerquetschen auf der Suche nach einem guten Versteck die geladenen Kartons, manche, die stundenlang in den Lkw kauern, urinieren auf die Ware, und manche schmeißen Pakete aus dem Anhänger, um sich Platz zu verschaffen.

Tretow lässt den Motor an, ein Scania-Achtzylinder, 560 PS. Der Truck rollt langsam in Richtung Ärmelkanal, die Scheibenwischer schieben den Dauerregen aus der Sicht. Tretow hat sein Käppi tief in die Stirn gezogen und die tätowierten Unterarme locker aufs Lenkrad gestützt. Auf dem Armaturenbrett steht ein Weißkopfseeadler aus Hartgummi, in den Seitenfenstern hängen Gardinen aus beigem Velours, mit schwarzen Bommeln. Tretow hat sie selbst genäht. "Big Mama" nennt er seinen Truck. Er ist sein Zuhause. "Mein Lkw kennt mich besser als meine Frau", sagt er.

Tretow rauscht vorbei an Industriegebieten und Schallschutzmauern, an Kuhweiden und Weizenfeldern. Im Radio, WDR 2, kommt Matthias Reim. Der Nachrichtensprecher redet von der EU und von Flüchtlingsquoten. "Mit den Flüchtlingen ist das wie mit dem Stau", sagt Jörg Tretow. "Wenn zu viele auf einmal kommen, geht nix mehr."

Tretow steuert nach Nordwesten, nach gut vier Stunden Fahrt knickt die Autobahn nach Westen ab, der Ärmelkanal ist jetzt ganz nah. Die Pappeln sind schief gebürstet vom Küstenwind, die Leitplanken rostig von der salzigen Seeluft.

Früher gab es hier auf der Strecke zwischen Dünkirchen und Calais Rastplätze. Heute sind sie verbarrikadiert mit rot-weißen Absperrgittern und blinkenden Warnleuchten. Weil Schleuser hier Flüchtlinge auf die Lkw schmuggelten, haben die französischen Behörden die Parkplätze dichtgemacht.

In der Ferne qualmen die Schornsteine von Calais. Die Stadt wird stranguliert von Autobahnen und Betonzubringern, ein Industriezentrum, das seine besten Jahre hinter sich hat. 17 Prozent der Menschen hier sind arbeitslos, die Bevölkerung schrumpft. Nur die Flüchtlinge werden immer mehr. Etwa 3000 leben in Campingzelten und selbst gebauten Verschlägen in den Dünen. Bis zu 5000 könnten es noch in diesem Sommer werden, schätzen Hilfsorganisationen.

Kurz vor der Abfahrt zum Hafen verwandelt sich die Industriekulisse in eine Hochsicherheitsanlage. Ein weißer Doppelzaun säumt die Fahrbahn, drei Meter hoch der erste, vier Meter der zweite. Gekrönt von einer Lage Nato-Draht, gesichert mit Alarmanlagen und Überwachungskameras. Hier sieht Calais aus, als läge es im Westjordanland. Oder an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Wie durch Fliegengitter blickt man von hier aus auf die Stadt, auf die Schornsteine, die Lagerhallen, die Terminals der Autofähren. Tankstellen, Parkplätze, Straßen – alles ist eingezäunt und ausgeleuchtet, um Flüchtlinge von den Lkw fernzuhalten.

Auf dem Seitenstreifen laufen sie. Die Finger an der Leitplanke, als wäre sie der Handlauf einer Treppe. Schmale Jungs mit Rucksäcken, Familien mit kleinen Kindern, junge Mädchen in engen Jeans.

Man erkennt die Flüchtlinge von Calais an ihrer Hautfarbe und den zerschlissenen Kleidern. Und man erkennt sie am Gang: Sie humpeln. Man erkennt sie an den Händen: Sie sind zerschnitten.

Jede Nacht versuchen hier Hunderte, über die Zäune zu klettern. Manchmal bleiben sie hängen. Dann bleibt ein Wollschal im Stacheldraht zurück und flattert im Wind, eine Steppjacke, ein Schuh. Jede Nacht reißen sie sich Hände und Arme am Stacheldraht auf, sie verstauchen sich die Knöchel, wenn sie von den Zäunen springen, sie brechen sich die Beine, verdrehen sich die Knie. Anfang Juli hat die Hilfsorganisation Ärzte der Welt drei hölzerne Blockhütten in den Dünen von Calais errichtet – um wenigstens ein paar der Flüchtlinge notdürftig zu verarzten. Eine Sprecherin von Ärzte der Welt sagt: "Wir haben hier hauptsächlich zwei Krankheitsbilder. Krankheiten, die wegen der schlechten hygienischen Bedingungen entstehen: Durchfall oder Krätze. Und Verletzungen, die während der Flucht passieren: Schnittwunden, Frakturen, Prellungen."

Manche Flüchtlinge haben es schon Dutzende Male versucht und sind genauso oft gescheitert. Wer gerade angekommen ist, hat frische Wunden. Wer schon länger da ist, hat Narben.

200 Meter vom Strand entfernt beginnt der "Jungle"

Jörg Tretow fädelt sich in die Auffahrt zur Fähre ein. Später wird er die Kontrollen passieren, die Spürhunde, die Röntgenanlage, die Herzschlag- und Kohlendioxiddetektoren. Sollte er Menschen an Bord haben, werden die britischen Behörden ihn und seinen Arbeitgeber des Schmuggels verdächtigen. Tretows Spediteur hat eine gute Rechtsschutzversicherung. Und einen dicken Ordner, auf dem "Home Office" steht – so heißt das britische Innenministerium, das ihm regelmäßig Strafbescheide schickt.

Gegen Mitternacht wird Tretow auf die Fähre fahren. Zwei Stunden später wird er in England an Land rollen. Wenn es gut geht für ihn, dann ohne Taxigäste.

Keine 200 Meter vom Strand beginnt der Ort, den alle "Dschungel" nennen

Östlich des Fährterminals, wo aus den asphaltierten Straßen sandige Schotterpisten werden, wo man die Möwen kreischen und die Wellen an Land schwappen hört, beginnt ein Wald aus mannshohem, drahtigem Gestrüpp. Wer hier nicht aufpasst, tritt in Konservendosen, in aufgeweichte Schlafsäcke, in Fetzen von goldglänzender Rettungsfolie, in unzählige Haufen von menschlichem Kot. Hier, keine 200 Meter vom Strand entfernt, beginnt jener Ort, den alle nur "the jungle" nennen: der Dschungel, das Flüchtlingslager von Calais. Ein Camp aus Hunderten Zelten, die meisten selbst gebaut aus blauer und schwarzer Plastikplane, aus Palettenresten, Ästen und Holzlatten. Ein Slum, errichtet auf einer ehemaligen Mülldeponie, mitten in Frankreich, der Grande Nation. Bis vor wenigen Wochen gab es nicht mal Latrinen. Heute teilen sich mehr als 3000 Menschen 20 Dixi-Klos.

Der Dschungel ist ein Miniaturpark der globalen Krisenherde: Es gibt ein afghanisches Camp, ein sudanesisches, ein eritreisches, ein iranisches, ein kosovarisches. Man erkennt sie an den Flaggen, die über den Zelten wehen. Die Eritreer haben sich aus Pressholzplatten und Pappe sogar eine Kirche gebaut. Eines der Camps wächst schneller als alle anderen. Es ist das Camp der Syrer.

Dort schlendert Hassan über einen staubigen Platz. Ein Mann um die 40, der in der Küstenstadt Latakia in Syrien eine Pension besaß. Auf dem Touristenportal TripAdvisor kann man bis heute die Einträge der deutschen Backpacker sehen, die bei ihm Urlaub machten, damals, als noch kein Krieg war in Syrien. Hassan, der müde geworden ist nach zehn gescheiterten Versuchen, die Zäune von Calais zu überwinden. Der sich schämt für die Risse in seiner Jacke, den Schmutz an seinen Fingern und die eitrigen Schnitte auf seinem Handrücken.

Bei den Iranern wohnt ein Mann, der sich Sam nennt und aus Teheran floh, bevor er sein Studium beenden konnte. Der erzählt, er sei dreimal schon von französischen Polizisten verprügelt worden, mit Schlagstöcken und Pfefferspray. Sam, der 33 Jahre alt ist und aussieht wie 43.

Bei den afrikanischen Camps wohnt Alfa, der aus Mauretanien stammt, der ein Sweatshirt mit dem Union Jack trägt und sagt: "Wenn ihr die Zäune bis zum Himmel baut: Wir werden sie überwinden."

Bei den Afghanen wohnt ein Junge, dem der Stacheldraht die rechte Hand zerschnitten hat. Jemand hat sie ihm verbunden, der weiße Mull ist fleckig. "Wenn ihr sehen wollt, wie wir auf die Zäune klettern, dann kommt um neun Uhr abends zum Ausgang des Camps", sagt er. "Folgt uns unauffällig."

Wenn die Sonne untergeht in Calais, beginnt eine Völkerwanderung. Afghanen, Eritreer, Syrer – alle brechen auf in Richtung Hafen und Eurotunnel. Der Junge mit der verbundenen Hand läuft in einer Gruppe von elf afghanischen Jungs, kaum einer dürfte älter als 18 Jahre sein.

Sie streifen durch die verlassenen Straßen von Calais, vorbei an heruntergelassenen Rollläden und verrammelten Fenstern. Auf einem Platz mit metergroßen Pfützen kniet einer der Jungen nieder. Er richtet seinen Blick nach Osten, senkt den Kopf, bis die Stirn den nassen Asphalt berührt. Er betet. Er hofft, dass es diesmal klappt. England, inschallah.

Die Jungs wandern durch mannshohes Gras, waten durch nasse Straßengräben. Bis in der Ferne die verschwommenen Lichter des Eurotunnels erscheinen.

Sie beschleunigen ihren Schritt, huschen am Zaun entlang. Einer von ihnen weiß, wo die Löcher sind. Vielleicht hat sie ihm ein Schleuser gegen Geld gezeigt, vielleicht hat er sie zufällig entdeckt. Das Loch liegt nahe einem Brückenpfeiler, direkt dahinter beginnen die Gleise, die in den Eurotunnel führen. Dort wollen die Jungs auf die Lkw-Züge springen. Dieselben Züge, mit denen auch der Fernfahrer Jörg Tretow nach England fährt.

Über dem Zaun sirren die Hochspannungsleitungen, in der Ferne rattern die Waggons, und dann, als der erste Junge sich durch das Loch im Zaun gezwängt hat, knirscht der Schotter im Gleisbett unter seinen Sohlen.

In der Ferne zuckt der Himmel in Rot, Gelb und Pink. Irgendwo wird ein Feuerwerk gezündet, es ist die Nacht vom 13. zum 14. Juli, Nationalfeiertag, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

In dieser Nacht werden noch Dutzende Flüchtlinge durch die Löcher im Zaun entlang der Gleise schlüpfen: Mädchen aus Eritrea, Männer aus Syrien, Albanien und Pakistan. Die meisten von ihnen werden scheitern. An den Suchscheinwerfern der Polizei, an den Hunden und Wärmebildkameras. Einer wird sterben, Mohammed Achrat aus Pakistan, 23 Jahre alt. Er wird sich an den Hochspannungsleitungen verbrennen und einige Tage später seinen Verletzungen erliegen. So steht es auf der Internetseite einer Bürgerinitiative aus Calais, die die Toten im Eurotunnel zählt.

In derselben Nacht wird der Fernfahrer Jörg Tretow auf einem Parkplatz am Rande von Manchester stehen. Er wird noch eine Folge Outback Truckers gucken. Dann wird er auf die Liege in seinem Führerhäuschen krabbeln und sich schlafen legen.