Man möchte Horst Seehofer gern mit nach Karatepe nehmen. Karatepe ist ein Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel Lesbos, wo jede Woche so viele Menschen stranden, dass die Notunterkünfte überquellen. Wo braune Brühe aus den Toiletten läuft, wo Frauen sich in Pfützen waschen und die Nahrungsmittel der Hilfsorganisationen schon lange nicht mehr reichen.

Man möchte Horst Seehofer mitnehmen nach Calais, in die Hafenstadt im Norden Frankreichs, wo Tausende Flüchtlinge auf einer ehemaligen Müllkippe hausen, in selbst gebauten Zelten aus Ästen und Plastikplanen, im Dreck. Man möchte ihn an den Kleidern der Menschen dort riechen lassen, die bestialisch stinken, weil es kaum Duschen gibt und Wasser. Man möchte ihn fragen: Wie hässlich soll sich Europa präsentieren, damit keiner mehr kommt?

Horst Seehofer lebt nicht in Calais, er lebt in Gerolfing, einem Stadtteil von Ingolstadt. Dort wird es demnächst ein Flüchtlingsheim geben. Etwa hundert Asylbewerber sollen kommen, die Gerolfinger haben schon Zelte auf dem Festplatz aufgestellt. Sie sind Teil eines "Notfallplans", mit dem Bayern auf die steigenden Flüchtlingszahlen reagieren will.

Flüchtlinge haben es in Bayern besser als in Karatepe und Calais. Horst Seehofer findet: Sie haben es zu gut. Vor allem die Roma hält er für ein Problem, jene Menschen, die aus den Balkanstaaten fliehen und in Deutschland kaum eine Chance auf Asyl haben. "Massenhaften Asylmissbrauch" wirft er ihnen vor.

Weil sie nicht schutzbedürftig seien, sondern lediglich arm. Deshalb will er Deutschland für sie ein bisschen ungemütlicher machen, ein bisschen hässlicher.

Künftig soll es für diese Menschen nur noch "Minimalversorgung" geben. Seehofer will ihnen das Taschengeld kürzen und sie dauerhaft in Zelten unterbringen statt in Häusern. Er will sie in Sonderlager nahe der deutsch-tschechischen Grenze stecken – und in einer Art Eilverfahren nach Hause schicken. "Rigorose Maßnahmen" hat er angekündigt.

Seehofer geriert sich als Mann, der unbequeme Wahrheiten ausspricht. Doch genau das ist er nicht. Unbequem wäre es, zu klären, was genau "Asylmissbrauch" eigentlich ist. Wo endet Armut, und wo beginnt Verfolgung? Wenn eine Romafamilie keinen Zugang zu Krankenhäusern, Schulen und zum offiziellen Arbeitsmarkt bekommt – hat sie dann Pech gehabt oder hat sie begründete Chancen auf Asyl? Die Schweiz hat im vergangenen Jahr 37 Prozent der serbischen und 40 Prozent der kosovarischen Asylbewerber als Flüchtlinge anerkannt. Finnland hat 43 Prozent der Flüchtlinge aus dem Kosovo aufgenommen. In Deutschland lagen die Anerkennungsquoten bei diesen Herkunftsländern bei unter einem Prozent. Unbequem wäre es, zu fragen, warum das so ist.

Vielleicht käme dann heraus, dass Rausekeln und Abschrecken nichts bringen. Weil Flucht aus einer subjektiv empfundenen Not heraus geschieht, die größer sein dürfte als die Angst vor Zeltunterkünften und die Enttäuschung über gekürztes Taschengeld. Vielleicht käme heraus, dass Seehofer mit seiner Minimalversorgungsstrategie nicht die hohen Flüchtlingszahlen in den Griff bekommen will, sondern die Wähler am rechten Rand der CSU.

Die Hilfsbereitschaft vieler Bürger mag darüber hinwegtäuschen, aber die Stimmung gegen Flüchtlinge hat sich aufgeheizt. Es schwelt nicht mehr in Deutschland, es brennt. In Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg wurden in den vergangenen Wochen Flüchtlingsheime angezündet, in Sachsen-Anhalt Mitarbeiter eines Heims auf offener Straße mit Steinen beworfen. In Hessen haben unbekannte Täter Schweineköpfe vor eine Asylunterkunft geworfen. Unter den Flüchtlingen, die dort einziehen sollten, waren vermutlich Muslime. Die Täter haben eine Botschaft hinterlassen, mit roter Farbe an die Wand gesprüht: "Go home".

Seehofer könnte von Orten wie Karatepe und Calais lernen. Er könnte lernen, dass man durch Abschreckung den Zuzug von Flüchtlingen nicht stoppen, dabei aber sehr wohl seine Würde verlieren kann.

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