4. Was, wenn Glyphosat wegfällt?

Für diese Abwägung führen die Agrarkonzerne den Nutzen des Wirkstoffs auf dem Acker ins Feld. Seine kritischste Anwendung ist in Deutschland nur noch ausnahmsweise erlaubt. Bei der sogenannten Sikkation wird Glyphosat kurz vor der Ernte ausgetragen, die Pflanzen sterben ab und trocknen dann besser. Dabei gelangt der Stoff am ehesten in die Nahrung.

Vor allem wird das Totalherbizid unmittelbar vor oder nach der Aussaat eingesetzt, um sämtliche Unkräuter abzutöten. Es hilft so, den Boden ohne Pflug und damit vielerorts schonender zu bestellen. Über den Sommer müssen die Bauern dann kaum oder gar nicht mehr spritzen, jäten, pflügen. Das spart Arbeit, Sprit und Kosten.

Außerhalb Europas bauen daher viele Landwirte weltweit genmanipulierte Mais- oder Sojapflanzen an, die auch eine Glyphosat-Dusche überstehen. Die Popularität dieser Kombination wird freilich zum Problem: In vielen amerikanischen Anbaugebieten sind Unkräuter gegen das Herbizid resistent geworden, die Bauern müssen wieder öfter und noch riskanter spritzen. Zudem findet man die Substanz mittlerweile in Gewässern, im Urin, im Brot – auch in Deutschland. Das Gift gefährdet Insekten und Vögel. Agrar-Kritikern gilt Glyphosat daher als Symbol für die industrielle Landwirtschaft schlechthin. Ein Verbot sehen sie als Chance umzusteuern.

In Deutschland könnte ein Ausstieg fünf bis zehn Prozent geringere Ernten zur Folge haben, spekulieren Forscher der Uni Gießen. Göttinger Kollegen schätzen, solche Ausfälle ließen sich kompensieren – zum Beispiel durch häufigeres Pflügen. Sicher ist: Auch schon verschärfte Auflagen würden die Hersteller hart treffen. Fast 720.000 Tonnen Glyphosat wurden 2012 weltweit eingesetzt, in Deutschland rund 5.900 Tonnen. Der jährliche globale Umsatz beträgt rund 5,5 Milliarden Dollar, Tendenz steigend.

Entsprechend zornig ist die Reaktion. Monsanto-Manager schimpften: Die IARC-Krebsforscher stellten sich mit ihrer "Schrott-Wissenschaft" gegen die "wissenschaftliche Gemeinschaft". Selbst andere WHO-Experten hätten bei Glyphosat keine Krebsgefahr gesehen. Das stimmt, allerdings handelt es sich der IARC zufolge um eine ältere Einschätzung. Tatsächlich diskutieren seine Experten derzeit mit den Fachleuten des Joint FAO/WHO Meeting on Pesticide Residues (JMPR) intern, wie man zu unterschiedlichen Urteilen gelangen konnte. Vorsitzender dieser Expertenrunde ist just ein Mitarbeiter des BfR.

5. Einzelmeinung oder Erster?

Über ein Jahr lang hätten seine IARC-Kollegen Studien geprüft und sich am Ende nach einer achttägigen Diskussion geeinigt, sagt Kurt Straif. Unstrittig ist: Die WHO-Krebsforscher gelten weltweit als Instanz. Der britische Guardian nennt sie "hoch respektable Abweichler". Diese Rolle spielt das Gremium nicht zum ersten Mal. Auch vor Krebsgefahren durch Dieselabgase und Luftverschmutzung habe man früher als andere gewarnt, sagt Straif: "Einer muss der Erste sein".

6. Wie geht es weiter?

Sobald das komplette IARC-Gutachten draußen ist, wird es gründlich studiert. Monsanto kündigte eine eigene "unabhängige Überprüfung" an. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), auf deren Tisch ja bereits die Empfehlung des BfR liegt, muss abwägen: Übernimmt sie die positive Beurteilung aus Berlin? Oder lässt sie sich von der Warnung aus Lyon umstimmen? Am Ende entscheidet die EU-Kommission nach Empfehlung der EFSA. Noch 2015? Über eine Verschiebung wird bereits diskutiert.