Mit 19 Jahren schmeißt er seine Banklehre in Karlsruhe hin und geht nach Berlin, studiert etwas herum und reist gerne nach Paris. Vor allem aber schreibt er an einem Buch, das die Welt ästhetisch aus den Angeln heben soll. Carl Einstein, 1885 als Sohn eines jüdischen Lehrers geboren, bastelt zwischen 1906 und 1909 an diesem Versuch, veröffentlicht Auszüge in diversen Zeitschriften, aber "jeder Verleger schmiss mich raus", wie er sich später erinnern sollte. 1912 ist es dann so weit: Franz Pfemferts anarcho-expressionistische Zeitschrift Die Aktion publiziert Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders. Da war der Autor längst ein Star in der künstlerischen Szene der Reichshauptstadt, gegen die das heutige Berlin-Neukölln verdammt alt aussieht.

Jetzt sollte man dieses komplett verrückte avantgardistische Frühwerk Einsteins unbedingt wiederentdecken: als Hörbuch gelesen von Stefan Kaminski, dem Großmeister der Ein-Mann-Vielstimmigkeit. Kaminski hat unter anderem Wagners Ring des Nibelungen in einer mittlerweile legendären Akustik-Show ganz alleine inszeniert (Goya Lit, 4 CDs, 29,99). Nun setzt er seine Stimme für Einstein ein und macht aus dieser wilden Szenenfolge eine genaue, angenehm klar klingende Reise durch surrealistische Traumwelten. Das ist ein Kunststück, denn Einstein, der seinen Antiroman später als Vorwegnahme des Kubismus verstanden wissen wollte, baut um seinen Helden Giorgio Bebuquin, einen "jungen Mann mit zartmarkierter Glatze", eine groteske Reihe von Erlebnissen und Personen auf, von philosophischen Dialogen und herrlichsten Schwachsinnigkeiten, in der auch ein Nebukadnezar Böhm ("Ich richte meine Aufmerksamkeit auf den Genuss") sowie die Schauspielerin Fredegonde Perlenblick eine Rolle spielen. Einsteins Prosa flackert und flimmert in kleinen klugen Fetzen ohne klare Handlung, als Spiegelbild seines nervösen Zeitalters, das abends betrunken im Literatencafé endet. "Vielleicht sündigt man nur, um die Reinheit der Reue zu erlangen, Erneuerung durch Gemeinheit", vermutet Bebuquin, der auch sonst gute Entschuldigungen parat hat: "Genies handeln nie, oder sie handeln nur scheinbar. Ihr Zweck ist ein Gedanke, ein neuer, neuester Gedanke."

Einstein hingegen handelte äußerst gerne: Als Kunstkritiker wurde er alsbald berühmt, reüssierte als Feuilletonist, befreundet mit Gottfried Benn, Georg Grosz, Daniel Kahnweiler und Franz Blei. Er stürzte sich in den Ersten Weltkrieg wie aufseiten der Spartakisten 1919 in die deutsche Revolution, ab 1936 dann, da längst im Exil, kämpfte er aufseiten der Anarchisten im Spanischen Bürgerkrieg, gegen Franco und die Kommunisten. Verzweifelt wie Walter Benjamin setzt dieser schillernde jüdische Intellektuelle seinem Leben angesichts der Bedrohung durch den Nationalsozialismus ein Ende: Im Juli 1940 wirft er sich unweit der Pyrenäen in den Gave du Pau. Es ist allerhöchste Zeit, Carl Einstein wieder zu entdecken.