Es ist eine denkwürdige Geschichte, die sich dieser Tage rund um die German Startups Group ereignet – ein Unternehmen, dessen Strategie es ist, sich bei jungen Internetfirmen einzukaufen und auf deren Erfolg zu spekulieren. Rund 60 Millionen Euro wollte Gründer Christoph Gerlinger mit der Beteiligungsfirma am vergangenen Freitag an der Börse einsammeln – mehr als das Dreifache dessen, was ihre Anlagen laut eigenem Wertpapierprospekt wert sind. Trotz der Griechenlandkrise, trotz der Turbulenzen an den chinesischen Börsen. Davon hänge der Unternehmenserfolg nicht ab, erklärte Gerlinger im Brustton der Überzeugung.

Plötzlich aber verschob das Unternehmen den Schritt aufs Parkett, erst um eine Woche und nun, am Dienstag, auf unbestimmt. Wegen des "großen Durcheinanders im Umfeld", wie Gerlinger mit der gleichen Überzeugung sagt, mit der er vorher das Gegenteil behauptet hat.

Im Netz tobt seit Tagen eine Debatte um die Pläne der German Startups Group: Es sei der "dreisteste Börsengang seit Rocket Internet", schrieb Jochen Krisch vom E-Commerce-Blog und bezeichnete die Beteiligungsfirma als "eine halbe Online-Agentur" mit einem "Wust an 42 größtenteils nachrangigen Klein- und Kleinstbeteiligungen".

Ein ehemaliger Geschäftspartner sieht in Gerlinger gar einen "Glücksritter", der die "Gunst der Stunde" nutzen wolle. Und Tarek Müller, der für den Otto-Konzern den Onlinehändler Collins aufbaut, twitterte: Wenn selbst Risikokapitalgeber an die Börse drängten, "sollte wirklich jedem klar sein, dass der Markt überhitzt ist".

Die jüngsten Börsendebütanten gelten als stabil und solide

Ein überhitzter Markt? Das weckt Erinnerungen an den Neuen Markt zur Jahrtausendwende. Damals holte sich die erste Generation der Internetfirmen Geld an der Börse. Unter ihnen waren viele ohne tragfähiges Geschäftsmodell, die das Kapital schlichtweg verbrannten. Manche Taxifahrer und Rentner, die auch am Boom teilhaben wollten, kostete das ihre Ersparnisse.

Nur: Dieses Mal ist es noch nicht so weit. Genau das zeigen der mehrfach verschobene Börsengang der German Startups Group und die Kritik aus der Gründerszene: Die Investoren schauen genau hin, auch wenn die Zeit für Börsengänge attraktiv ist und die Kurse seit Jahresbeginn deutlich zugelegt haben. Sie werfen den Unternehmen kein silly money hinterher – kein "dummes Geld" also, das sie irgendwo anlegen wollen, weil sie nicht wissen, wohin sonst damit.

Dafür lieferte in der vergangenen Woche ein weiteres Unternehmen den Beweis: Rocket Internet, jene Start-up-Fabrik der Unternehmerbrüder Oliver, Marc und Alexander Samwer, die seit 2014 an der Börse ist. Der Konzern hat vergangene Woche eine Wandelanleihe über 550 Millionen Euro ausgegeben, die zwar vollständig gezeichnet wurde. Zugleich aber trennten sich einige Investoren von ihren Aktien, zeitweilig gab der Kurs der Papiere um 14 Prozent nach. Es habe viele Anleger offensichtlich überrascht, dass die Berliner Firma so kurz nach ihrem Börsengang im Herbst 2014 und einer Kapitalerhöhung im Februar erneut viel Geld einsammeln musste, sagt Jochen Reichert, Analyst bei Warburg Research. Nun sei zu befürchten, dass Rocket "deutlich mehr Kapital braucht, um seine Beteiligungen in die Profitzone zu führen, als bisher unterstellt".

Noch etwas spricht dafür, dass keine Blase besteht: Die bisherigen Börsendebütanten seien stabil und solide, sagen Beobachter unisono. Anfang Mai ging windeln.de an die Börse, ein Onlineversandhaus für Baby- und Kinderartikel, der 2014 zwar mit Verlust abschloss, aber rund 101 Millionen Euro Umsatz erzielte. Anfang Juli folgte der Onlineschmuckversand Elumeo, der im selben Zeitraum mehr als drei Millionen Euro Gewinn erwirtschaftete. Und bereits im Oktober ging die Rocket-Internet-Gründung Zalando an die Börse, die am Jahresende 62 Millionen Euro Gewinn bei 2,2 Milliarden Euro Umsatz vorweisen konnte. "Alles seriöse Geschäftsmodelle", sagt E-Commerce-Experte Krisch, "auch wenn die Unternehmen vielleicht etwas überbewertet sind."

Eine ganze Reihe junger Internetfirmen werden außerdem als Börsenkandidaten gehandelt: Der Brillenshop Mister Spex etwa, der Geldverleiher Kreditech, der Lebensmittellieferant HelloFresh und der Möbelhändler Westwing. "Die Welle der Börsengänge von deutschen Internetfirmen steht uns noch bevor", sagt Analyst Reichert voraus, "und darunter werden auch viele aussichtsreiche Unternehmen sein."

Das wäre nicht nur im Sinne der Anleger, sondern auch im Interesse der deutschen Gründerszene. Der Bundesverband Deutsche Startups hofft auf Börsengänge von Technologiefirmen und macht sich sogar für ein eigenes Börsensegment stark. Die Gründerlobbyisten halten die "Start-up-Börse" für nötig, um Kapital fürs schnelle Wachstum bereitzustellen. Zudem könnte sie ihnen dabei helfen, weit vor dem Börsendebüt Geld einzusammeln. Denn allein die Perspektive, die Aktien später an den Markt bringen zu können, lässt Wagniskapitalgeber eher investieren.

So könnte mehr Geld zusammenkommen, damit Start-ups auf eine überlebensfähige Größe anwachsen – bevor sie Wettbewerbern aus dem Ausland unterliegen oder von ihnen geschluckt werden wie jüngst 6Wunderkinder. Das gefeierte Berliner Start-up bietet Nutzern eine App, mit der sich To-dos verwalten lassen; mehr als zehn Millionen Menschen nutzen die Software. Doch offenbar konnte 6Wunderkinder, das einst als Börsenkandidat gehandelt wurde, aus eigener Kraft nicht weiterwachsen: Ende Mai wurde es von Microsoft übernommen.

Das Problem: In puncto Kapital gleicht die deutsche Gründerszene immer noch eher einer Wüste als einem florierenden Ökosystem. Laut dem Deutschen Startup Monitor hält fast jeder zweite Gründer den Zugang zu Risikokapital für schwierig. Im Jahr 2014 investierten hiesige Risikogeldgeber nur 1,3 Milliarden Euro in Unternehmen in der Früh- und Wachstumsphase. In den USA stellten Investoren das 40-Fache bereit; umgerechnet elf Milliarden Euro davon bekamen Internetunternehmen.

Während die Vertreter der Gründerszene im Bundeswirtschaftsministerium Unterstützer für ihre Idee eines eigenen Börsensegments fanden, hält die Deutsche Börse den Start-up-Markt schlicht für unnötig. "Der Ruf nach einem neuen Börsensegment ist hinfällig", sagt Martin Reck, der bei der Deutschen Börse für den Kassamarkt verantwortlich ist. Mit dem "Entry Standard" biete man ein Segment, in dem Unternehmen mit weniger Kosten und Pflichten an die Börse gehen können als im Hauptsegment der Börse.

Um Firmen den Weg dorthin zu ebnen, hat die Börse im Juni das Deutsche Börse Venture Network ins Leben gerufen: eine Plattform, die Börsenkandidaten mit Risikokapitalgebern vernetzt und Unternehmer kostenlos fürs Aktiengeschäft schult. 34 Unternehmen und 56 Wagnisfinanzierer haben sich dort angemeldet.

Bisher wird das Projekt in der Szene eher belächelt als bewundert: An Treffpunkten mangele es nicht, heißt es. Und wer an die Börse gehen wolle, lasse sich ohnehin von einer Bank unterstützen. Viel wichtiger sei es doch, wie sich die Neulinge auf dem Parkett machten.