DIE ZEIT: Herr Bernbeck, Sie sind als Sohn eines deutschen Pfarrers in Teheran aufgewachsen und haben hier als Vertreter der deutschen Wirtschaft die letzten sieben Jahre mit den härtesten Sanktionen erlebt. Was fühlen die Menschen im Iran, nun, da der Atomstreit mit dem Westen zu Ende geht?

Daniel Bernbeck: Sie sind erleichtert. Die Leute hier haben das Gefühl, wieder in die Weltgemeinschaft zurückzukehren. Es war für die iranische Volksseele eine große Belastung, dass ihr Land ausgegrenzt war, dass man nicht mehr dazugehörte. Und die Wirtschaft hat erheblich unter den Sanktionen gelitten: Arbeitslosigkeit und Inflation sind hochgeschossen. Jetzt herrscht Aufbruchstimmung – obwohl die Iraner genau wissen, dass diese Einschränkungen sie noch eine Weile lang begleiten werden. Sie werden ja nur schrittweise aufgehoben.

ZEIT: Seit fünf Jahren ist der Iran fast komplett vom internationalen Zahlungsverkehr abgeschnitten. Der Außenhandel ist eingebrochen. Woran mangelt es den Menschen am meisten?

Bernbeck: Viele Außenstehende machen sich da eine falsche Vorstellung. Hier war es nie so, dass die Läden leer waren oder genereller Mangel herrschte. Die Iraner sind ein Volk von Händlern. Die haben auf allen möglichen Wegen die begehrten Waren herbeigeschafft: ob legal oder illegal. Der Iran hatte auch in der Krise noch immer einiges an Kaufkraft. Wer genug Geld hat, der kann hier alles kriegen. Aber die Preise für bestimmte Importgüter sind stark angestiegen, weil jeder, der eine Genehmigung zu vergeben hat, sich seine Prozente abzwackt. Und die einheimischen Ersatzprodukte oder Waren aus China sind oft qualitativ nicht so gut wie die aus dem Westen. Zum Beispiel mangelt es den Krankenhäusern an ordentlichen Kanülen für Einwegspritzen. Und in vielen Fabriken sind die Maschinen total überaltert oder brauchen dringend Ersatzteile.

ZEIT: Deutsche Unternehmen dürfte das freuen.

Bernbeck: Für sie tut sich der größte Absatzmarkt der Region auf. Bei uns leben mehr als 75 Millionen Menschen, und Made in Germany genießt einen exzellenten Ruf. Die deutsche Industrie stellt genau das her, was der Iran jetzt braucht: allen voran Maschinen und Anlagen, dazu High-Tech, zum Beispiel Steuerungsgeräte oder Industrieroboter. Viele iranische Unternehmer haben im Embargo jahrelang ihre alten Fabriken notdürftig am Leben erhalten und auf den Tag gewartet, an dem die Sanktionen enden. Weite Teile der Infrastruktur, insbesondere die Wasserversorgung, müssen modernisiert werden; auch bei den privaten Verbrauchern ist der Nachholbedarf groß. Das ist eine Chance, gute Geschäfte zu machen.

ZEIT: Haben die deutschen Firmen das auch schon erkannt?

Bernbeck: Seit Dienstag vergangener Woche steht bei uns in der Kammer das Telefon nicht mehr still, die E-Mail-Kanäle laufen heiß. Viele Leute haben das Bauchgefühl: Im Iran geht wieder was. Und erkundigen sich bei uns, was schon möglich ist. Wir machen Überstunden, aber das bereitet uns Spaß. Es bewegt sich wieder was, und das ist gut für alle: für die Iraner und für die deutschen Lieferanten.

ZEIT: Am weitesten scheinen die Autohersteller zu sein: Wie man hört, plant Mercedes bereits eine Kooperation mit dem iranischen Autokonzern Saipa.

Bernbeck: Mercedes hatte im Iran schon früher Kooperationen; Volkswagen hat hier sogar Fahrzeuge montieren lassen. Typischerweise wurden Autos in Teilen angeliefert und vor Ort zusammengeschraubt. Mit Beginn der Sanktionen wurde das aber eingestellt; die Konzerne fürchteten Ärger mit den USA. Jetzt führen deutsche und iranische Hersteller intensive Verhandlungen über eine neue Zusammenarbeit.

ZEIT: Der Bundesverband der deutschen Industrie schätzt, dass sich die deutschen Exporte in den Iran binnen weniger Jahre vervierfachen könnten: von derzeit 2,4 auf 10 Milliarden Euro pro Jahr. Was muss dazu geschehen?

Bernbeck: Am wichtigsten ist zuerst, dass der Zahlungsverkehr in Gang kommt. Geld muss wieder frei fließen können. Daher sollten die iranischen Banken so schnell wie möglich an die internationalen Zahlungssysteme angeschlossen werden. Und westliche Banken müssen wieder Transaktionen vornehmen dürfen, ohne Ärger mit den US-Aufsichtsbehörden befürchten zu müssen. Viele Institute haben noch immer große Angst, dass sie wegen Iran-Geschäften in den USA belangt werden, weil die Amerikaner ein strengeres Embargo verhängt haben als etwa die Bundesregierung. Hier muss die US-Regierung Klarheit schaffen.

ZEIT: Noch immer gibt es erhebliche politische Widerstände gegen das Abkommen – in Israel, im Iran selbst, aber auch in den USA, wo republikanische Kongressabgeordnete zur Blockade aufrufen. Was geschieht, wenn der Deal doch noch platzt?

Bernbeck: Das mag ich mir kaum ausmalen. Es wäre eine furchtbare Enttäuschung für die Menschen im Iran. Und es käme einem Scheitern der Ziele der Regierung Ruhani gleich, die sehr auf Entspannung mit dem Ausland gesetzt hat. Würde das Embargo fortgesetzt, würden die besten Köpfe das Land verlassen. Der Westen würde den Iran in die Hände der Isolationisten innerhalb des Landes treiben, und der gesamte Nahe Osten könnte infolgedessen weiter destabilisiert werden. Aber ich bin zuversichtlich, dass es nicht so weit kommen wird. Letztlich bringt diese Einigung doch allen Seiten Vorteile: dem Westen, der Region und dem Iran.