Es ist das Ende des Fastenmonats Ramadan, aber in Teheran muss Nikoo Niknam arbeiten. Die 29-Jährige sitzt am Computer in einem Großraumbüro, schickt Mails und sucht im Netz nach potenziellen Mitarbeitern. Seit April arbeitet Niknam Tag für Tag "von neun bis neun", um ihr Unternehmen Nikprint aufzubauen. Mit dem Start-up will sie es Iranern ermöglichen, Visitenkarten, Poster und Flyer im Internet zu gestalten und zu bestellen – ganz ähnlich wie die internationalen Vorbilder Vistaprint oder Moo, die weltweit Hunderttausende von Kunden haben, aber im Iran keine Geschäfte machen können. Wegen der Sanktionen.

Seit der Einigung im Atomstreit Mitte Juli ist ein Ende dieser Sanktionen absehbar: Von 2016 an sollen sie schrittweise aufgehoben werden. Das freut Unternehmen aus Ländern wie Deutschland, die im Iran einen milliardenschweren Markt sehen – gerade ist eine Delegation von Managern mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel in den Iran gereist. Das Ende der Sanktionen freut aber auch iranische Jungunternehmer wie Nikoo Niknam. Persönlich, weil sie endlich mehr reisen wollen und auf eine Öffnung der Gesellschaft hoffen. Und unternehmerisch, weil die Sanktionen es ihnen erschweren, ihr Start-up aufzubauen. Iranische Gründer wie Niknam können die Onlinedienste von US-Firmen wie Dropbox, Google oder LinkedIn nur eingeschränkt nutzen. Sie und ihre Kunden können nicht mit Kreditkarten oder über den Finanzdienst Paypal bezahlen. Und sie bekommen bisher kein Wagniskapital aus dem Ausland. "In der iranischen Gründerszene passiert so viel", sagt Niknam, "aber wir fühlen uns hier abgeschottet wie auf einer einsamen Insel."

Genau das hat aber dabei geholfen, dass im Iran ein Ökosystem aus jungen Unternehmen entstehen konnte – gut geschützt vor der Konkurrenz aus dem Ausland. So gibt es an der Uni Teheran seit 2007 eine Fakultät für Entrepreneurship; es gibt den Gründerstammtisch Hamfekr, das Entwicklertreffen HackaTehran und Konferenzen wie die Iran Web and Mobile Conference. Über Neuigkeiten aus der Szene berichtet das Portal TechRasa, wo das Ende der Sanktionen gefeiert wird: Mehr Investitionen, ein besserer Zugang zu Onlinediensten und ein stärkerer Austausch mit der internationalen Gründerszene seien zu erwarten. Aber eben auch: mehr Wettbewerber, die der jungen Gründerszene zu schaffen machen könnten.

Said Rahmani ist auf dem Weg zum Fastenbrechen mit der Familie, als er via Telefon erklärt, warum er im Ende der Blockade mehr Chancen als Gefahren sieht. Er ist vor einigen Jahren in den Iran zurückgekehrt, nachdem er ihn kurz nach der Islamischen Revolution 1979 verlassen hatte. Mit 16 zog er damals nach Europa, studierte an renommierten Wirtschafts-Unis, arbeitete für IBM und gründete 1994 in New York sein erstes Technologie-Unternehmen, später wechselte er zur Medienholding Naspers. Dann kündigte er – und zog 2012 mit Frau und Tochter zurück in den Iran, um etwas zu verändern. Er gründete Sarava, den ersten iranischen Risikokapitalgeber. Mit ihm baute er eine Reihe von Unternehmen auf, die sich an internationalen Vorbildern orientieren: Digikala etwa, eine Nachahmung des Onlinehändlers Amazon, der laut Rahmani inzwischen 850 Mitarbeiter beschäftigt. Oder Cafe Bazaar, bei dem Millionen von Iranern ihre Smartphone-Apps herunterladen.

Auch wegen der Sanktionen wachsen Rahmanis Firmen rasant – und doch fiebert er dem Ende der Blockade entgegen. Regelmäßig spricht er mit europäischen und amerikanischen Investoren, in dieser Woche reist Rahmani nach London, Wien und München, um die Geschäfte anzukurbeln. Angst vor Amazon und Co., den Vorbildern seiner Unternehmen, hat er nicht. "Um im Iran Erfolg zu haben, musst du die Eigenheiten des Markts verstehen", sagt Rahmani, "deswegen sind die internationalen Konzerne gut beraten, sich hier Partner zu suchen."

Solche Partner züchtet Rahmani in seinem "Accelerator" Avatech in Teheran wie in einem Gewächshaus. 200 Gründer haben sich dort seit dem Start 2014 schon beworben, im Sechsmonatstakt wählt das Team die besten 20 aus und hilft ihnen beim Aufbau ihres Unternehmens. Umgerechnet mehr als eine Million Dollar haben der Unternehmer und andere Geldgeber in Avatech gesteckt. Wer dort anruft, hat eine Deutsche am Telefon: Sara Usinger führt via Skype mit der Webkamera durch die Räume, die so bunt und hip aussehen wie ähnliche Start-up-Gewächshäuser in Berlin – "nur das Bier bei den Events fehlt", sagt Usinger. Vor einem Jahr ist sie von Köln nach Teheran gezogen und bekommt seitdem immer wieder Anfragen deutscher Investoren. Und sie spürt die Euphorie im Land selbst: "Das Ende der Sanktionen fühlt sich schon ein wenig so an wie der Mauerfall 1989 in Deutschland."

Dank Avatech tritt auch Nikoo Niknam der Konkurrenz gut vorbereitet gegenüber. Sie ist eine der wenigen Frauen bei Avatech. Um Nikprint aufzubauen, hat sie ihren Job als Grafikdesignerin gekündigt. Ihr Ehemann hat sie zu dem Schritt ermutigt. Jetzt sucht sie nicht nur nach Mitarbeitern, sie verpasst auch ihrer Website den letzten Schliff und redet mit Kunden. Gerade hat sie erfahren, dass zwei private Investoren Nikprint unterstützen wollen. Das heißt für Niknam: Meetings vorbereiten, eine Präsentation aufsetzen – trotz Fastenbrechen und Familienfeier.